Bayern ist selbstverständlich kein gewöhnliches Bundesland. Bayern verfügt über so viele herausragende Qualitäten, dass die Bevölkerung leicht den Überblick verlieren könnte, würde sie der Ministerpräsident nicht regelmäßig auf die Großartigkeit ihres Landes hinweisen: Bayern ist unter anderem „Autoland“ und „Start-up-Land“, es ist „Tourismus-Land“ und „Feuerwehrland Nr. 1“.
Und weil bayerische Athleten kürzlich bei Olympia die meisten Medaillen aller Bundesländer errungen haben, ist Bayern auch „Top-Land des Sports“. Der einzige Nachteil bei so vielen Spitzenplätzen besteht darin, dass manche Top-Leistung trotzdem untergeht: Bayern ist zum Beispiel auch führendes Schafland.
Kein anderes Bundesland beheimatet so viele Schafe wie der Freistaat, berichtete gerade der BR, etwa 260 700 sind es derzeit. Warum sich die Tiere hier so wohlfühlen, ist offensichtlich: Die grünsten Weidewiesen und die malerischsten Hügel gibt es nur in Bayern. Auch die Bevölkerung ist den Schafen gegenüber in höchstem Maße aufgeschlossen. In Nürnberg dürfen rund 600 Schafe im Herbst quer durch die Stadt laufen, um zu ihrer Winterweide zu gelangen.
Selbst wenn sich die Tiere ausnahmsweise mal nicht vorbildlich benehmen, können sie mit Nachsicht rechnen. In der unterfränkischen Gemeinde Burgsinn stürmten zu Jahresbeginn rund 50 Schafe einen Penny-Supermarkt. Sie blockierten die Wege zu den Regalen, mähten neben der Kasse. Doch die Kunden? Fanden es lustig, sagte der Filialleiter. „Die Schafe waren brav und haben auch nichts angefressen, ein bisschen Dreck gemacht und ein paar Flaschen umgeschmissen.“ Mehr Zuneigung kann eine Tierart kaum erwarten.
Doch trotz dieser Top-Voraussetzungen ist Bayerns Status als Schaf-land bedroht. Der Bestand ist zuletzt gesunken. Zum Stichtag am 3. November waren es 4,5 Prozent weniger Tiere als im Vorjahr. Das liegt nicht nur an der gefährlichen Blauzungenkrankheit, sondern auch am Alter der Schafhalter. Viele gehen gerade in Rente. Martin Bartl, der Geschäftsführer des Landesverbands Bayerischer Schafhalter, warnt im BR vor einem „großen Umbruch“. Weil der Verkauf von Wolle, Milch und Fleisch oft nicht kostendeckend sei, hofft Bartl auf staatliche Unterstützung. Klarer Auftrag an den Ministerpräsidenten: Wenn Bayern Schafland bleiben will, muss es jetzt dringend Schafhalterland werden.


