Bundestagswahl in Bayern: FDP hat den Rückenwind, als Königsmacher aufzutreten

FDP Bundestagswahl

Die Wahlparty der FDP im Hofbräukeller in München.

Die Liberalen profitieren auch im Freistaat von der Schwäche der anderen Parteien - und hofft auf eine Koalition mit Union und Grünen.

Von Viktoria Spinrad

Als die erste Hochrechnung kommt, gehen ein Raunen und Jubel durch den Raum. "Yes, yes!", schreit Martin Hagen. Neben dem Fraktionsvorsitzenden gibt der Landesvorsitzende Daniel Föst seiner Frau einen dicken Schmatzer. Zwölf Prozent für die Liberalen, elf im Freistaat - die FDP hat nun den nötigen Rückenwind, als Königsmacher aufzutreten und ihre Wunschkoalition mit Union und Grünen zu realisieren. Vorbei die Zeiten, in denen die FDP bei der Balkenanzeige unter "Sonstige" zu rutschen drohte.

Vor einigen Tagen hat sich Föst noch einen hitzigen Twitter-Battle mit Hubert Aiwanger (FW) geliefert, jetzt bringt den liberalen Tausendsassa die Partystimmung im Festsaal des Münchener Hofbräuhauses ins Schwitzen. Als er auf der Bühne steht, wedelt er mit der Hand. "Ich bin so stolz, ein freier Demokrat zu sein", raunt er. Außer der "masochistischen" großen Koalition ist keine Koalition ohne die FDP möglich, es folgen Standing Ovations. Föst fährt mit der Hand über die Stirn. So etwas, sagt er, habe ich in 16 Jahren in der Partei noch nie erlebt.

Acht Jahre ist es her, da herrschte genau hier eine ganz andere Stimmung. 93 Politiker flogen aus dem Bundestag, im Festsaal herrschte Totengräberstimmung. Kein Rückenwind, der die FDP-Fähnchen zum Wedeln brachte. Von der Regierung in die außerparlamentarische Opposition, politisches Niemandsland: Es war die Stunde null der Liberalen.

Seitdem hat sich die FDP erneuert und verjüngt. Mit Erfolg: Aus 4000 wurden 8000 bayerische Liberale - davon zeugen auch die silberfarbenen Luftballons, vor denen Hagen und Föst an diesem Tag posieren. Wobei es dabei nicht bleiben soll, wenn es nach dem Spitzenkandidaten geht. Frei zitiert er aus der Bibel: "Geht hin und vermehret euch!", ruft Föst in die Menge, natürlich ohne Krawatte, die riss er sich schon bei seiner Nominierung schnell wieder vom Hals. Vom Hals hat Hagen nun auch eine Befürchtung. "Keine Mehrheit für Rot-Rot-Grün", betont er kurz nach der Hochrechnung, entsprechend erleichtert sei er. Etwa einen Prozentpunkt hat seine Partei im Bund gewonnen (2017: 10,7 Prozent), einen halben in Bayern (10,2 Prozent) - die selbst gesteckten Ziele waren eigentlich noch ein paar Prozentpunkte mehr gewesen. Doch Hagen und Föst wollen sich die Stimmung am Partyabend nicht verderben lassen. Beide betonen, dass man die beiden Kernziele ja erreicht habe: ein zweistelliges Ergebnis - und eine Schlüsselrolle bei den zukünftigen Koalitionsbildung. Die, so ist man sich hier einig, eher Richtung schwarz-grün-gelbes Jamaika als zu einer rot-grün-gelben Ampel münden sollte. Doch egal, wie es enden sollte, "es ist unsere Aufgabe, die Regierung zu prägen", sagt Föst, als er zum zweiten mal auf die Bühne huscht. Die beiden roten Linien wurden zuletzt mantraartig wiederholt: keine Steuererhöhungen, keine Streichung der Schuldenbremse aus dem Grundgesetz. "Alles andere wäre Sabotage am Aufschwung", so Föst. Oder wird es doch wieder ein, "besser nicht regieren als falsch regieren"? An einem der weißen Tischchen schüttelt Hagen mit dem Kopf. Nicht jetzt, mit dem Neubeginn, "das wird nicht noch einmal passieren". Dann zückt er sein Handy, es sind die Hochrechnungen der Erstwähler. Der längste Balken gehört der FDP, "noch mehr als die Grünen", betont er. Wer die Aufbruchstimmung live erleben will, muss zum Tisch der "Julis", der jungen Liberalen. Dort sitzen die Nachwuchsentfesseler in ihren weißen Hemden vor FDP-Wimpeln und Quinoa-Salätchen und schwärmen von Freiheit und Digitalisierung. Da ist zum Beispiel Felix Jühe. 16, Teamplayer-T-Shirt, rotbraune Haare, verschmitzter Blick. "Wir brauchen einen positiven Blick auf die Zukunft", sagt er. Eine Meinung, die auch Kristine Lütke teilt. Die 38-jährige Pflegeunternehmerin und Listenkandidatin ist an diesem Sonntag nicht in München, sondern 150 Kilometer nördlich, daheim in Mittelfranken und sitzt schon auf gepackten Koffern. Kreisrätin, Schatzmeisterin der Landespartei - und nun Berlin, es schaut nach einer politischen Blitzkarriere aus. "Richtig elektrisiert" sei sie gewesen, als die vor viereinhalb Jahren den Liberalen beitrat, sagt sie. Nun geht alles ganz schnell: Am Montag fährt sie nach Berlin, zur konstituierenden Sitzung. Auch für sie steht nun alles auf Anfang.

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