Im Allgäu hatten sie geahnt, dass etwas auf sie zukommen könnte. „Da gab es viele Anzeichen“, sagt Dieter Lochbihler. Er ist Betriebsratsvorsitzender bei Bosch in Blaichach/Immenstadt, rund 4300 Menschen arbeiten hier – noch, denn 650 sollen bis Ende 2028 gehen. So wurde es vor ein paar Monaten offiziell verkündet. Natürlich habe die Nachricht manche Kolleginnen und Kollegen hart getroffen, erzählt Lochbihler, gerade die jüngeren, die eine Familie gegründet haben oder ein Haus abbezahlen. Aber es hilft ja nichts. „Ärmel hoch und durch“, sagt Lochbihler. „Es geht um die Wettbewerbsfähigkeit unseres Standorts.“
Lochbihler und seine Kollegen befinden sich damit in unfreiwillig zahlreicher Gesellschaft. Was als Wirtschaftsflaute begann, hat die Gestalt einer landesweiten Standortkrise angenommen. Dabei hätte die Flaute eigentlich 2025 ein Ende finden sollen. „Für den Weg aus der Krise haben wir einen klaren Plan“, hat Ministerpräsident Markus Söder (CSU) in seiner Neujahrsansprache vor einem Jahr gesagt.
Stattdessen greifen vielerorts in Bayern Sparpläne. Auch in Blaichach/Immenstadt, dem Doppelstandort von Bosch im Allgäu, wenige Kilometer trennen beide Werke. Seit 2003 ist Lochbihler hier der Betriebsratsvorsitzende. „Solche Situationen“ habe er schon ein paar Mal mitgemacht, sagt er. Eines sei aber diesmal besonders: Der Stellenabbau treffe nicht nur die Mitarbeiter in der Fertigung, sondern auch die in anderen Bereichen, sogar Führungskräfte. Und das Problem sei „weniger konjunkturell, sondern strukturell“. Daher gehe diese Krise länger: „Wir haben die Zukunftsprodukte, aber in Europa keinen Markt.“

Tatsächlich war man im Allgäu bisher gut aufgestellt. Bosch baute hier eine „Fabrik der Zukunft“, um die vernetzte Fertigung zu erproben. Es werden Fahrsicherheitssysteme und Bremsverstärker produziert, auch für E-Autos. Doch die „Marktdurchdringung von Zukunftstechnologien wie der Elektromobilität oder des automatisierten Fahrens“ verzögere sich, begründete der Konzern sein Sparprogramm. Anders formuliert: „Wir haben zu viele Mitarbeiter für zu geringe Stückzahlen“, sagt Lochbihler. Dabei hätten sie vor ein paar Jahren noch neue Leute eingestellt, eine Folge des damaligen „Auto-Booms“.
Der Fahrzeugbau und seine Zulieferer haben Bayern Wohlstand gebracht. Dann hat sich die Welt verändert und das Exportgeschäft mit. Geblieben sind die Probleme daheim. Auch andere Branchen und Firmen sind so ins Fahrwasser der Standortkrise geraten. Der Einkaufswagenfabrikant Wanzl aus Leipheim etwa will zwei seiner vier Werke schließen. In Passau meldete die Hemdenmarke Eterna Insolvenz an. Und in Sulzbach-Rosenberg hat das Rohrwerk Maxhütte den Betrieb eingestellt. Nach mehr als 170 Jahre Montangeschichte ist der Ofen aus.

Sulzbach-Rosenberg:Keine Rettung für das Maxhütte-Rohrwerk
Der Insolvenzverwalter gibt die Schließung bekannt. Etwa 300 Beschäftigte sind betroffen.
In Blaichach/Immenstadt könnten sich die Auftragsbücher im Laufe des neuen Jahres leeren. Für diesen Zeitpunkt sind Betriebsvereinbarungen ausgehandelt, freie Tage statt Geld, reduzierte Arbeitszeiten, so was. Ein Abfindungsprogramm soll Alter und Betriebszugehörigkeit belohnen und Vorruhestände zugunsten der jüngeren Kollegen ermöglichen – oder als Startkapital dienen, um mehr aus anderen Einkommensquellen zu machen: Bei ihnen im Allgäu hätten viele Beschäftigte ein zweites Standbein, sagt Lochbihler, im Tourismus oder in der Landwirtschaft. Außerdem habe man einen Verhandlungsauftrag beschlossen, „um bis Ende 2026 unsere Zukunftsperspektive“ zu klären.
„Dann sind wir absolut wettbewerbsfähig“
Die sucht auch die Wirtschaft für sich. Doch der Pessimismus hat sich wie eine dicke Decke übers Land gelegt, die Anflüge von Optimismus selten durchdringen. Lauter hallen die Hiobsbotschaften nach. Kurz vor Weihnachten warnten die Arbeitgeberverbände der bayerischen Metall- und Elektroindustrie, mehr als 37 Prozent ihrer Betriebe rechneten mit einem Jobabbau. Für 2026 sei ein ähnlich hoher Beschäftigungsrückgang wie 2025 zu erwarten. Laut Wirtschaftsministerium verschwanden zuletzt im Freistaat jeden Monat rechnerisch gut 2000 Industriearbeitsplätze.
Was da Hoffnung macht? „Ich bin ein Mensch, der Gottvertrauen hat“, sagt Lochbihler. Es sei jetzt wichtig, den Menschen Perspektiven geben zu können, „einen Nordstern“, das Gefühl, „das trotzdem alles Sinn macht“. Dazu müsse man den Standort als Ganzes im Auge behalten und nicht in den einzelnen Abteilungen schauen, wen man noch brauche und wen nicht. „Wir müssen auch in Zukunft gut zusammenarbeiten können“, sagt Lochbihler. „Dann sind wir absolut wettbewerbsfähig.“

