Start ins BerufslebenWie Mittelschüler ihren Weg finden - gegen alle Widrigkeiten

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Nicht immer verläuft ein Schulweg geradlinig. Dennoch kann man Erfolg haben. Es gibt viele Wege, die Mittelschülern offenstehen, weiteres Lernen an beruflichen Schularten, etwa bis zum Fachabitur.
Nicht immer verläuft ein Schulweg geradlinig. Dennoch kann man Erfolg haben. Es gibt viele Wege, die Mittelschülern offenstehen, weiteres Lernen an beruflichen Schularten, etwa bis zum Fachabitur. Marijan Murat/dpa

Die Krux beginnt schon in der fünften Klasse: Kinder kommen auf die Mittelschule, für Gymnasium und Realschule hat der Schnitt nicht gereicht. Aber sind sie deswegen aussortiert? Keinesfalls. Vier Beispiele von jungen Frauen und Männern, die ihren Weg erfolgreich gehen.

Von Lena Hamel

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„In der vierten Klasse kam eine Sechs nach der anderen“, sagt Julian Fiegl. Dann hatte er keine Lust mehr, es sei deprimierend, immer die schlechteste Note zu schreiben. Fiegl ist inzwischen 17 Jahre alt. Er hat mittlerweile, nach sechs weiteren Schuljahren, seinen Abschluss an der Eichendorffschule Erlangen geschafft. Wie Fiegl haben in diesem Sommer etwa 59 000 bayerische Mittelschüler ihre Abschlussprüfungen geschrieben. Während für die meisten Schüler an diesem Freitag die Sommerferien beginnen, öffnet sich für die Mittelschüler ein neuer Lebensabschnitt. Oft nach einer Schulzeit, die nicht immer geradlinig verlief.

„Zum Teil haben sie schon in der Vierten aufgegeben“, sagt der Erlanger Schulleiter Helmut Klemm. Mit „sie“ meint er die Fünftklässler, die in den Klassen seiner Eichendorffschule sitzen. Eine Schule wie jede andere auch, als zweckmäßig könnte man sie mit ihrem Wasserspender in der Eingangshalle und dem betonierten Pausenhof beschreiben. Mit einem Grundschulschnitt von 2,67 oder schlechter kommen die meist Zehnjährigen an die Mittelschule. Und glauben laut Klemm dann fest, dass sie Mathe oder Deutsch halt nicht können.

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Viele Mittelschüler haben anfangs schlechte Noten und wenig Selbstvertrauen, aber auch aus ihren Reihen gibt es Erfolgsgeschichten zu erzählen. Es gibt viele Wege, die Mittelschülern offenstehen, weiteres Lernen an beruflichen Schularten, etwa bis zum Fachabitur an der Fachoberschule (FOS).

Nach Angaben des bayerischen Kultusministeriums machten 2023 an den Mittelschulen 23 004 Schüler ihren Abschluss nach der neunten Klasse. 14 689 legten im sogenannten M-Zweig den Mittleren Schulabschluss ab, mit dem sie zum Beispiel an die FOS gehen können. 2703 Schüler verließen die Mittelschule ohne Schulabschluss.

Für diese Jugendlichen gibt es an Berufsschulen gezielte Förderangebote, die dann im Idealfall auch in Ausbildungsverträgen münden. Denn ohne abgeschlossene Lehre wird es schwierig auf dem Arbeitsmarkt, sogar in Zeiten des Fachkräftemangels. Aber laut der aktuellen Bertelsmann-Studie zu Ausbildungsperspektiven würde ein Viertel der befragten 14- bis 25-Jährigen lieber sofort nach der Schule arbeiten, als noch eine Ausbildung zu machen. Besonders häufig betrifft das Schüler mit niedrigerem Bildungsniveau, die auch ihre Chancen eine Lehrstelle zu bekommen eher geringer einschätzen.

2023 hatten laut einem aktuellen Berufsbildungsbericht deutschlandweit 19 Prozent der 20- bis 34-Jährigen – das sind 2,86 Millionen Menschen – keinen Berufsabschluss. Dann noch einen Job zu finden, sei schwierig, sagt Jens Christopher Ulrich, Sprecher des Bayerischen Handwerkstags.

Grundsätzlich aber sind auch die Mittelschüler beim Handwerk in Bayern gern gesehen. Handwerk und Industrie suchen für alle Branchen und in allen Schularten Auszubildende. Trotzdem haftet den Mittelschulen ihr schlechter Ruf an, unter dem auch die Schüler und Schülerinnen leiden. Manche Experten sprechen gar von Stigma.

Dass Julian Fiegl offen über seine Schulzeit spricht, liegt wohl auch daran, dass er in der Mittelschule Selbstbewusstsein gewonnen hat. In der Grundschule wurde er gemobbt. Die ersten drei Jahre schrieb er gute Noten, ist im Stoff mitgekommen. In der vierten Klasse aber ging es bergab.

Wegen seines Notenschnittes und mit attestiertem sonderpädagogischen Förderbedarf besuchte er nach der Grundschule für ein Jahr ein Förderzentrum. Besonders das Schreiben und Lesen fiel ihm schwer. Der Förderunterricht half ihm, Fiegl schaffte den Sprung auf die Mittelschule und machte in der zehnten Klasse seinen Qualifizierenden Abschluss, kurz Quali. Üblicherweise folgt diese Abschlussprüfung am Ende der neunten Klasse, aber an der Eichendorffschule können Schüler ihren Quali binnen zwei Jahren machen. So möchte Schulleiter Klemm Druck rausnehmen. Mit dem Quali in der Tasche können Mittelschüler dann auch den Mittleren Schulabschluss ablegen.

Bayerisches Schulsystem sei „pädagogischer Blödsinn“

Julian Fiegls Weg ist für Schulleiter Klemm eine klare Erfolgsgeschichte. Die Regel sei das nicht. Im Gegenteil. In Erlangen würden viele Kinder „abgeschult“, vor allem von den Realschulen runter auf Mittelschulen wie die Eichendorffschule. Aus sechs Grundschulen kommen 20 Prozent der Kinder eines Jahrgangs zu ihm auf die Eichendorffschule. Der Großteil also verteilt sich zunächst auf die sechs Gymnasien, zwei Realschulen und eine städtische Wirtschaftsschule in Erlangen. Wenn es dort nicht klappt, kommen die Kinder doch auf die Mittelschule. Im Schuljahr 2024/2025 wurden 19 Jugendliche auf die Eichendorffschule abgeschult. Dabei kamen vier der Schülerinnen und Schüler direkt vom Gymnasium.

Landesweit gehen im Schnitt etwa 30 Prozent der Grundschüler an Mittel-, 30 Prozent an Realschulen und 40 Prozent ans Gymnasium.

„Abschulen. Ein furchtbarer Begriff“, sagt Klemm. Schlimm auch für die Kinder, deren Selbstwert durch diesen Abstieg im Schulsystem einen Dämpfer bekommt. Für Klemm ist das fatal und ein Grundproblem des bayerischen Systems. „Pädagogischen Blödsinn“, nennt er das Sortieren per Note für Gymnasien, Realschulen und Mittelschulen. Das Übertrittszeugnis habe nach vier Jahren Grundschule keine Aussagekraft für die richtige, spätere Schullaufbahn von zehnjährigen Kindern. So würden eher „Talente verschleudert.“

Viele Eltern würden auf Biegen und Brechen versuchen, die Kinder in der vierten Klasse so zu trimmen, dass sie zum Gymnasium können, sagt auch Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands, der traditionell Grund- und Mittelschullehrer vertrat. Manche Mütter und Väter würden sogar ihre Arbeit auf Teilzeit reduzieren, um mit dem Viertklässler die bestmöglichen Noten zu erarbeiten. Ist der Übertritt ans Gymnasium einmal geschafft, ist das Kind wieder auf sich gestellt und hält den Anforderungen nicht stand. Die Folge: Abschulung.

Für Raimund Willert, Schulleiter der Georg-Göpfert-Mittelschule in der unterfränkischen Kleinstadt Eltmann, ist das vermehrte Abschulen auch eine Auswirkung der Corona-Pandemie. Damals sei man mit der Notengebung zurückhaltender gewesen – zugunsten der Schüler. Die, die dann zurückkommen, kommen jedoch zu spät, meint Willert. Wechseln die Jugendlichen in der neunten Klasse an die Mittelschule, müssen sie sich direkt auf die Prüfungen der Mittelschule vorbereiten. Besser sei es nach der achten Klasse.

Der überwiegende Teil der Schüler an Mittelschulen hat sein Päckchen zu tragen. Da sind sich Klemm, Willert und Fleischmann einig. Häufig sind es Kinder mit Migrationshintergrund oder aus sozial schwächeren Familien.

Der Erlanger Schulleiter Klemm und seine Lehrerkollegen versuchen das auszugleichen, solange die Jugendlichen bei ihnen sind. Und sie machen manches anders als sonst in Bayern üblich: Zentral sei das selbständige Lernen im Lernbüro. Lehrkräfte geben den Jugendlichen Material, Strukturen und Vertrauen, weiter nichts. So entwickeln die Schüler in den Fächern Deutsch, Mathe und Englisch Eigenverantwortlichkeit. Sie würden selbstbewusster, ambitionierter und in ihren Ideen und Ansprüchen realistischer, sagt Klemm.

Experten geben seiner Methode recht und machten ihn zum nationalen Vorbild: 2023 gewann die Eichendorffschule den Hauptpreis des Deutschen Schulpreises. Und auch die Noten stimmen: Die Mehrheit seiner Schüler und Schülerinnen schafft mehr als ihren Quali, sie verlassen die Eichendorffschule mit dem Mittleren Schulabschluss.

Julian Fiegl macht nach seinem Schulabschluss eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann.
Julian Fiegl macht nach seinem Schulabschluss eine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann. Lena Hamel

Das Lernbüro half auch Julian Fiegl, sagt er. Im September beginnt er seine Ausbildung zum Einzelhandelskaufmann bei einem großen Discounter. Vielleicht macht er danach noch den Fachwirt, um Filialleiter zu werden. In der neunten Klasse absolvierte Fiegl dort bereits ein Praktikum. Mit den Möglichkeiten, die ihm sein Abschluss bietet, ist Fiegl zufrieden. Klar hätte er auch andere Jobs machen können, sagt er. Dafür bräuchte er aber den Mittleren Schulabschluss. „Den habe ich mir aber nicht zugetraut, weil ich Angst hatte, wieder in die Sechser-Dinger reinzufallen.“

Hier ein paar Geschichten, die Mut machen.

Ezgi Akanyildiz

Eigentlich hätten Ezgi Akanyildiz' Grundschulnoten für die Realschule gereicht. Nur Englisch stach heraus, das war noch nie ihr liebstes Fach. Daran hat sich bis heute nichts geändert. Ihre Lehrer rieten ihr deshalb, lieber auf die Mittelschule zu gehen. Sie hatte kein Problem damit und machte nun in der zehnten Klasse an der Eichendorffschule ihren MSA.

Ezgi Akanyildiz möchte Elektronikerin für Geräte und Systeme in der Medizinabteilung bei Siemens werden.
Ezgi Akanyildiz möchte Elektronikerin für Geräte und Systeme in der Medizinabteilung bei Siemens werden. Lena Hamel

Doch sie wird wahrscheinlich nicht für immer in Erlangen bleiben. Denn die 16-Jährige zieht es nach Südkorea. Sie interessiert sich für die Kultur und hat sogar schon mal versucht Koreanisch zu lernen. Wenn sie sich da wirklich ins Zeug legt, glaubt sie, schafft sie es auch. Erst einmal steht aber ihre Ausbildung bei Siemens auf dem Plan. Elektronikerin für Geräte und Systeme in der Medizinabteilung möchte Akanyildiz werden. Löten und mit Holz arbeiten mag sie gern. Metall und Plexiglas so gar nicht. Elektrik aber fasziniert sie: „Crazy, wie man mit kleinen Geräten wirklich sehr viel bewegen kann.“ Nach den dreieinhalb Jahren traut sie sich vielleicht auch noch an das Fachabi ran.

Leon von der Linden

Lernen war für Leon von der Linden nie besonders spannend – schon in der Grundschule fehlte dem 16-Jährigen oft die Motivation. „Ich habe mich nur selten ins Zeug gelegt, höchstens, wenn es dafür eine Belohnung gab“, erzählt er mit seinem Rollerhelm in der Hand. Für gute Noten bekam er von seiner Mutter Geld. In der sechsten Klasse entschied er sich dazu, den MSA an der Georg-Göpfert-Mittelschule in Eltmann zu machen.

Leon von der Linden startet nach seinem Abschluss eine vollschulische Ausbildung zum Technischen Assistenten für Informatik an der Berufsfachschule.
Leon von der Linden startet nach seinem Abschluss eine vollschulische Ausbildung zum Technischen Assistenten für Informatik an der Berufsfachschule. Lena Hamel

Nach der Schule macht von der Linden eine vollschulische Ausbildung zum Technischen Assistenten für Informatik an der Berufsfachschule in Haßfurt. Dort lernt er unter anderem das Programmieren, Datenbanken, Netzwerkadministration und den Umgang mit Betriebssystemen kennen. Eigentlich wollte er direkt eine Ausbildung zum Fachinformatiker beginnen. „Die Berufsberatung hat mir dann gesagt, dass es eine Alternative gibt, den Technischen Assistenten. Das habe ich mir als Plan B überlegt“, erklärt er. Sein Traumjob bleibt aber der Fachinformatiker. Nach der  Schule möchte er deshalb eine dreijährige duale Ausbildung anschließen.

Gabriela Rotari

Gabriela Rotari ist 17 Jahre alt, kommt aus Moldawien und lebt seit zweieinhalb Jahren in Deutschland. Vor Kurzem schloss sie die zehnte Klasse der Georg-Göpfert-Mittelschule mit dem MSA ab. Jetzt wechselt sie an die Fachoberschule (FOS) in Bamberg, um später etwas im Bereich internationale Wirtschaft zu machen – auch wenn sie noch nicht genau weiß, welche Berufe es in diesem Bereich gibt.

Gabriela Rotari spricht fünf Sprachen und bildet sich zunächst an der Fachoberschule weiter.
Gabriela Rotari spricht fünf Sprachen und bildet sich zunächst an der Fachoberschule weiter. Lena Hamel

In einem ist sie sich aber sicher: „Ich möchte etwas mit Sprachen machen“, sagt sie. Gabriela spricht gleich fünf: Russisch, Rumänisch, Deutsch, Englisch und Italienisch. Deshalb kann sie sich auch vorstellen, einmal als Flugbegleiterin zu arbeiten. Für ihre Zukunftspläne möchte sie sich aber noch Zeit lassen: „Deswegen gehe ich an die FOS.“ Dass es dort „wahrscheinlich ein bisschen schwieriger“ wird, nimmt sie in Kauf.

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Der Verein „Arbeit für Jugend“ bietet Mittelschülern nicht nur Nachhilfe an. Die Coaches kümmern sich auch um Praktika und Lehrstellen, vermitteln nebenbei Werte wie Pünktlichkeit und sind für ihre Schützlinge einfach da.

Von Alexandra Vecchiato

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