Hans Wimmer:"Wir meinten, dass den Lehrer ruhig der Teufel holen kann, wenn er einmal Zeit hat"

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Hans Wimmer: Zum Andenken an die lange Tradition der Pferdezucht im Rottal stiftete Hans Wimmer dieses als "Wimmer-Ross" bezeichnete Denkmal der Stadt Pfarrkirchen.

Zum Andenken an die lange Tradition der Pferdezucht im Rottal stiftete Hans Wimmer dieses als "Wimmer-Ross" bezeichnete Denkmal der Stadt Pfarrkirchen.

(Foto: Sebastian Beck)

Die Jugenderinnerungen des Bildhauers Hans Wimmer ermöglichen einen Blick auf die Kindheit vor hundert Jahren. Der schmale Band ruft eine Welt ins Gedächtnis, die in ihrer Zwiespältigkeit der heutigen nicht nachsteht.

Von Hans Kratzer, Pfarrkirchen

Vor gut hundert Jahren stand der Hausmeister der Volksschule von Griesbach im Ruf einer Furcht einflößenden Respektsperson. Dieses Urteil ist unanfechtbar, da der Bildhauer Hans Wimmer die Geschehnisse seiner Schulzeit schriftlich festgehalten hat. "Wir boxten und stießen uns durch die Pforte bis zur steinernen Treppe, von wo ab wir uns in sanfte Lämmlein verwandelten, denn auf uns ruhte das Auge des Gesetzes", schreibt Wimmer. Das Gesetz verkörperte eben dieser Hausmeister, der gleichzeitig als Polizeiwachtmeister tätig war. Wimmer schildert ihn als eine "brütende, finsterblickende Natur", die aber den Buben nicht daran hindern konnte, seine dortigen Schuljahre als schön in Erinnerung zu behalten. Denn: "Mir leuchtete auch durchaus und mit Genugtuung ein, dass drei Äpfel mehr sind als zwei und dass man, wenn sie einem zwei davon wegnehmen, nur mehr einen hat."

Hans Wimmer: Dem Bildhauer Hans Wimmer (hier eine Aufnahme von 1983) wurden viele Ehrungen zuteil. Unter anderem war er Mitglied des Ordens "Pour le mérite" für Wissenschaft und Künste.

Dem Bildhauer Hans Wimmer (hier eine Aufnahme von 1983) wurden viele Ehrungen zuteil. Unter anderem war er Mitglied des Ordens "Pour le mérite" für Wissenschaft und Künste.

(Foto: Ulrich Wienke/Bundesarchiv)

Hans Wimmer, einer der bedeutendsten deutschen Bildhauer des 20. Jahrhunderts, hatte seine Erinnerungen zunächst nur seinen Kindern und Enkeln gewidmet. Umso größer ist der Segen, dass der Text letztlich als Buch veröffentlicht wurde. Vor 40 Jahren erschien der schmale Band bei Piper, der Titel lautet schlicht "Niederbayerische Kindheit und Jugend". Obwohl das Werk nur 76 Seiten umfasst, ist es eine Perle, denn Wimmer wusste sich nicht nur als Künstler meisterhaft auszudrücken, sondern auch in der schmunzelnden Ironie der Rottaler Sprachtradition.

Schon im ersten Kapitel kommt diese Kunst perfekt zum Ausdruck. Seine Gabe, Menschen mit dem scharfen Blick des Bildhauers zu beschreiben und mit Worten zu modellieren, ist bemerkenswert. Die Präfektin eines Klosters schildert er als "ein rassiges Englisches Fräulein, eine geschlossene Erscheinung, etwas breiter wie hoch. Ihre Backen quollen aus einem blütenweißen, reinlich gestärkten Wangenpanzer, das Gesicht wurde bestimmt durch die beiden sanften Höhen der Wangen, durch die beiden geringeren Höhen rechts und links vom Kinngrübchen sowie durch Pölsterchen, welche zwei feste Kirschaugen einbetteten".

Bei dieser Dame hatte er also Klavierstunden abzusitzen, wobei er kaum zum Zuge kam, denn die Präfektin kannte ein Fräulein Mager, das früher bei Hofe verkehrte und niemals vergaß, was sie dieser Legende schuldig war. "Sie spielten vierhändig", schreibt Wimmer, dessen geradem Blick nicht entging, "wie da die gichtigen Knochen der einen mit den weichen Würstchen der anderen wetteiferten".

Sein Großvater kam nicht viel weiter, "als ihn sein Pflug führte"

Mit großer Souveränität verleiht Wimmer den Klippen der Kindheit und den Absurditäten einer verstockten Gesellschaft in der Rückschau einen gerechten Sinn. Geprägt hat ihn der Großvater, eine Gestalt, die heute fast märchenhaft wirkt. Er zeichnet ihn als hageren Mann mit wasserhellen Augen und einer Hakennase, die ihm streng im Gesicht stand. "Der karge Mund öffnet sich nur selten zu einem Wort, zeit seines Lebens kam er nicht viel weiter, als ihn sein Pflug führte."

Hier scheint eine Welt auf, die kaum mehr vorstellbar ist, die einerseits grob und unsensibel war, deren Ruhe und und Einfachheit andererseits einen heute ersehnten Gegenpol zur überdrehten Gegenwart bildet. Viele sinnliche Erfahrungen versetzten Wimmer in die Lage, das Wesentliche eines bäuerlichen Lebens zu erspüren und dieses Wissen und Ahnen später im Verbund mit den Erkenntnissen aus Humanismus, Philosophie und antikem Weltverständnis bildlich auszudrücken.

Hans Wimmer: "Die Wagenlenkerin" heißt diese Bronzefigur von Hans Wimmer, die zurzeit in einer Ausstellung in Triftern zu sehen ist. Dort werden auch Werke von Wimmers Bildhauerfreunden Gerhard Marcks und Helmut Heinze gezeigt.

"Die Wagenlenkerin" heißt diese Bronzefigur von Hans Wimmer, die zurzeit in einer Ausstellung in Triftern zu sehen ist. Dort werden auch Werke von Wimmers Bildhauerfreunden Gerhard Marcks und Helmut Heinze gezeigt.

(Foto: Sebastian Beck)

Das Spannungsfeld des Lebens tritt bei Wimmer sogar beim Sauhüten mit seinem Freund Karl zutage. "Auf dem Rücken liegend, die Füße übereinandergeschlagen, einen Strohhalm im Mund, so ergaben wir uns der Faulenzerei", schreibt er. "Wir meinten, dass den Lehrer ruhig der Teufel holen kann, wenn er einmal Zeit hat." In ihrer Meditation gelangten die Buben zu der modernen Erkenntnis, dass das gesamte Regiment auf dieser Welt einer Revision bedürfe. Was auch bedeutete, dass "die Dirndln überhaupt so dumm sind und dass man sie vielleicht öfters schopfen müsste". Gewaltfreiheit war noch kein Ideal, auch nicht beim Ausheben von Rattennestern. Die Tiere wurden bitter gequält, was Wimmer in der Rückschau fragen lässt: "Was ist es doch um die Grausamkeit der Kinder!"

Dann wieder die grenzenlose Idylle der Rottaler Landschaft. "Man musste meinen, wenn irgendwo, dann müsste hier das Glück zu Hause gewesen sein." Es war aber auch eine Welt, in der kleine Kinderhände zu harter Arbeit herangezogen wurden. Ob sein Großvater je eine Schule besucht habe, wisse er nicht, schreibt Wimmer, der daraus die Erkenntnis ableitet: "Im Übrigen sind die Zeiten der Analphabeten durchaus keine kulturlosen Zeiten gewesen, wie etwa die unsere, wo jeder Dummkopf seinen Doktor hat."

Als junger Mann fand Wimmer seine Bestimmung in der Münchner Staatsgalerie, wo ihn eine von Bernhard Bleeker geschaffene Büste in den Bann zog. Von da an stand fest: "Nicht angemalt möchte ich etwas anderes sein als Bildhauer."

Hans Wimmer (1907-1992) war ein bedeutender deutscher Bildhauer. Seine Plastiken stehen für eine klare, objektive Darstellungsweise in der Bildhauerei. Wimmer war von 1929 bis 1935 Schüler Bernhard Bleekers an der Münchner Kunstakademie. Bekannt wurde er erst nach dem Krieg, da er Berufungen, die einen Parteieintritt in die NSDAP erfordert hätten, abgelehnt hatte. Von 1949 bis 1974 lehrte er an der Nürnberger Akademie. Wimmer schuf unter anderem das Ehrenmal im Münchner Nordfriedhof, den Richard-Strauss-Brunnen in der Fußgängerzone und das Rottaler Ross, eine Bronzeplastik, die er 1966 seiner Heimatstadt Pfarrkirchen schenkte. Seine Werke sind auf Plätzen und an öffentlichen Gebäuden im In- und Ausland zu sehen. Einen Großteil seiner Werke vermachte er der Stadt Passau, die 1987 im Oberhausmuseum eine Wimmer-Sammlung eingerichtet hat. Im Stadl der Alten Post in Triftern wird zurzeit eine Ausstellung gezeigt, in der auch bedeutende Skulpturen von Wimmer zu sehen sind.

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