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Umwelt in Bayern:Bauernaufstand gegen Biberburgen

Biber

Von Naturliebhabern freudig beobachtet, von Bauern gar nicht gern gesehen: Der Biber breitet sich aus, zur Freude der einen und zur Sorge der anderen.

(Foto: Tim Umprehys/Unsplash)

Der Nager fühlt sich wieder wohl in Bayern, richtet aber große Schäden an. Die Landwirte fordern mehr Geld vom Freistaat - und wollen mehr Tiere töten.

Von Christian Sebald

Der Biber ist ein Beispiel dafür, dass die Wiederansiedlung ausgerotteter Tiere gelingen kann. Jahrhunderte lang gab es an praktisch jedem größeren Bach oder Fluss in Bayern Biberburgen. Doch die Nagetiere, die bis zu 30 Kilo schwer werden können, wurden so gnadenlos gejagt, dass sie Anfang des 19. Jahrhunderts so gut wie ausgerottet waren. Die Gründe waren ihr feines Fell, das schmackhafte Fleisch und das Bibergeil - das Duftsekret der Biber galt als Wundermittel gegen Lähmungen, Krämpfe und hysterische Anfälle, aber auch als Aphrodisiakum. Erst in den Sechzigerjahren wurden wieder Biber in Bayern angesiedelt, die ersten wurden an der Donau ausgesetzt. Von dort aus haben sich die streng geschützten Tiere seither erneut über fast ganz Bayern ausgebreitet.

Doch es gibt nach wie vor Streit über die Biber. Vor allem die Bauern klagen, dass die Tiere wertvolle Bäume fällen, Wiesen und Felder überschwemmen, die Ernte wegfressen und andere Schäden anrichten. Dabei gleicht der Freistaat den Bauern solche Schäden großzügig aus. Erst dieser Tage hat Umweltminister Thorsten Glauber (FW) den eigens dafür eingerichteten Biberfonds um 100 000 Euro auf 550 000 Euro erhöht. Glauber spricht von einem "wichtigen Signal" an die Bauern. Die sind dennoch nicht zufrieden.

Der Vizepräsident des Bayerischen Bauernverbands (BBV), Stephan Köhler, nennt die Aufstockung "längst überfällig", aber zu gering. Denn die Schäden, welche die Biber anrichteten, lägen "im Bereich von 600 000 bis 700 000 Euro im Jahr". Wie in der Vergangenheit werde der Freistaat auch künftig nur einen gewissen Anteil der Schäden ausgleichen. "Die Biberschäden gehen in der Land-, Forst- und der Teichwirtschaft zu großen Teilen zu Lasten der Betroffenen", sagt der BBV-Vize.

Köhler fordert aber nicht nur eine weitere Aufstockung des Biberfonds. Er drängt außerdem darauf, dass der strenge Schutzstatus des Bibers gelockert wird und mehr Tiere eingefangen und erschossen werden dürfen als bisher. Aus Köhlers Sicht ist der Biber schon lange nicht mehr vom Aussterben bedroht. "Deshalb sollte er in seinem Bestand künftig ebenso gemanagt werden, wie es auch mit anderen Tierarten beispielsweise dem Rehwild der Fall ist", sagt der Bauernverbands-Vize.

Nach offiziellen Angaben gibt es in Bayern derzeit etwa 6000 Biberreviere, in denen ungefähr 22 000 Biber leben. Nur in Teilen Unterfrankens und im Voralpenland gibt es noch potenzielle Reviere ohne Biberfamilien. Dennoch sind Experten wie Gerhard Schwab, der seit vielen Jahren als Biberberater Bauern berät, die Probleme mit den Tieren haben, strikt dagegen, den strengen Schutz der Biber anzutasten oder gar aufzuheben. "Denn der Biber hat sich ja nur in Bayern und in einigen Teilen Ostdeutschlands erfolgreich wieder ausgebreitet", sagt Schwab. "In Nord- und in Westdeutschland gibt es ganze Landstriche, die komplett biberfrei sind."

Die Forderung der Bauern, den Biber schärfer zu bejagen, läuft aus Schwabs Sicht ebenfalls ins Leere. Denn überall, wo Biber wirkliche Probleme machen, dürfen die Tiere schon jetzt eingefangen und getötet werden. Zum Beispiel dort, wo sie mit ihren Dammbauten Straßen oder Bahngleise fluten könnten oder Kläranlagen bedrohen. Solche Fälle kommen vergleichsweise oft vor. "2019 sind 1948 Tiere entnommen worden, 2018 waren es 1899", berichtet Schwab. Das sind fast zehn Prozent des Bestands pro Jahr.

Gerade in der jüngsten Zeit waren die Steigerungsraten enorm. Noch vor zehn Jahren waren es weniger als tausend Tiere, die eingefangen und getötet worden sind, vor 15 Jahren sogar nur ungefähr 500 Biber. Die Probleme zwischen Bibern und Bauern sind aus Schwabs Sicht meistens vergleichsweise einfach regeln. "Die Nagetiere sind in der Regel nur auf einem etwa 20 Meter breiten Streifen entlang der Bäche und Flüsse aktiv", sagt Schwab. "Wenn ein Bauer also nicht möglichst nah an den jeweiligen Bach oder Fluss heran ackert, wird er auch keinen Biberschaden haben." Wertvolle Obstbäume wiederum kann man mit einfachen Ummantelungen aus Draht davor schützen, dass sie vom Biber gefällt werden. In mehr als zwei Drittel der Biberreviere in Bayern gibt es laut Schwab denn auch keine Konflikte zwischen Bibern und Bauern.

Gleichwohl, das räumt natürlich auch Schwab ein, wird es immer wieder Biberschäden geben. Deshalb begrüßt auch er die Aufstockung des Biberfonds. Zugleich fordert er aber eine schärfere Überprüfung der Schäden, die die Bauern anmelden. "Wenn ein Biber sich an einem Maisfeld gütlich tut, dann frisst er maximal 200 bis 300 Quadratmeter Fläche ab, und zwar im Lauf von mehreren Wochen", sagt Schwab. "Ich wundere mich immer sehr, wenn ich von Fällen mit 1000 Quadratmetern oder noch mehr höre, die der Bauer außerdem erst bemerkt hat, als sie passiert waren."

© SZ vom 27.11.2020/kafe/van
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