Mit ihren Robotern stehen sie auf Messebühnen, auf Social Media begleiten sie durch die Ausbildung, ihre Azubis ziehen durch Schulen in der Region. Vergangenes Jahr sprach Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) im Unternehmen Gluth Systemtechnik, um es als Vorzeigebetrieb zu loben. Und trotzdem sinken die Bewerberzahlen für Ausbildungen in der Firma. Das ist nicht untypisch. „Es gibt einen Wettlauf um Azubis in Bayern“, sagt Thomas Hohenwarter, der technische Geschäftsführer der Firma in Straubing.
Tatsächlich sind die Ausbildungszahlen in der bayerischen Metall- und Elektroindustrie deutlich zurückgegangen. Im Vergleich zum Vorjahr erwartet der Arbeitgeberverband Bayme VBM einen Rückgang von Ausbildungsverträgen um 10,4 Prozent – schon das zweite Jahr in Folge. Viele Firmen suchen noch nach Jugendlichen für den Ausbildungsstart im September.
Hohenwarters Unternehmen hat seine fünf neuen Ausbildungsplätze mittlerweile besetzt. Von allein würden sich die Plätze aber nicht füllen, erzählt er: „Vor fünf Jahren haben wir ohne Werbung mehr Bewerbungen als heute gekriegt.“ Neben einem Industrieelektriker, zwei Industriemechanikern und einem Produktdesigner fängt Anfang September auch eine duale Studentin im Maschinenbau an. Die junge Frau wechselt für die nächsten Jahre zwischen Hörsaal und Betrieb.

Dass die Firma überhaupt Frauen ausbildet, ist neu. „In unserer Montagehalle stehen neben den Jungs jetzt auch Elektrikerinnen und Monteurinnen. Das ist super für die Firmenkultur“, erzählt Hohenwarter. Firmenkultur ist ein neuer Fokus des Geschäftsführers. Ob gratis Getränke im Aufenthaltsraum, das Angebot von Fahrradleasing oder Biermarken für das Gäubodenvolksfest – irgendwie will er den Generationenunterschied überwinden und sich den Jugendlichen annähern. „Man muss auch anders mit den jungen Leuten reden“, sagt Hohenwarter, „mehr auf Augenhöhe.“ Im Betrieb duzen sich alle, Thomas Hohenwarter ist hier nur der „Tom“. Seine Firma ist nicht die einzige, die Jugendliche über Benefits und Firmenkultur auf sich aufmerksam machen möchte.
Nur ein paar Wochen vor Ausbildungsbeginn suchen in Bayern branchenübergreifend noch immer 19 500 Jugendliche eine Ausbildungsstätte, meldet die Bundesagentur für Arbeit. Dabei haben sie eigentlich gute Chancen: In Bayern kommen auf 100 unbesetzte Ausbildungsstellen rein rechnerisch nur 62 Bewerberinnen und Bewerber. Das ist deutlich besser als im Bund. Trotzdem wissen erst 24 000 bayerische Jugendliche, wo sie am 1. September ihre Ausbildung anfangen. Die Hälfte davon in der Metall- und Elektroindustrie.
Die IG Metall sieht die Verantwortung bei den Arbeitgebern. „Wer monatelang mit Stellenabbau, Verlagerungen oder Standortdebatten in den Schlagzeilen steht, muss sich nicht über einen Rückgang der Bewerberzahlen wundern“, sagt Marco Reinders, Bezugsjugendsekretär der IG Metall Bayern. In Zeiten von Transformation, Digitalisierung und demografischem Wandel brauche die Industrie mehr Ausbildung, nicht weniger. „Die jungen Menschen sind da. Die Frage ist vielmehr, ob die Unternehmen attraktive Ausbildungsbedingungen schaffen“, sagt Reinders.
In Straubing hofft man dabei auch auf Förderungen vom bayerischen Wirtschaftsministerium. „Die Ausbildungen kosten uns im Jahr erst mal eine halbe Million Euro, das ist eine Investition“, erzählt Hohenwarter. M+E-Unternehmen zahlen in Bayern ein branchenübergreifend überdurchschnittliches Durchschnittsgehalt von 1389 Euro an ihre Auszubildenden, fast 90 Prozent der Azubis werden übernommen. Auch Hohenwarters Firma will wegen des demografischen Wandels möglichst viele Auszubildende übernehmen. „In den nächsten Jahren verlassen uns die Babyboomer“, erzählt er, „eigentlich wollen wir den Ausbildungsbetrieb hochfahren, nicht runterschrauben.“
Doch die Bedingungen machen es ihnen schwer: „Nur die Hälfte unserer Bewerbungen sind überhaupt qualifiziert genug.“ Von den Betrieben, die einen Rückgang an Ausbildungsplätzen verzeichneten, gaben 46,9 Prozent an, dass der Mangel an geeigneten Auszubildenden die stärkste Ursache hierfür sei. Hohenwarter erzählt: „Wir sind mittlerweile so weit, wir schauen gar nicht mehr auf Noten.“ Bulldog fahren können, auf dem Bauernhof aufgewachsen sein oder viel mit Holz gearbeitet zu haben; das sind Hohenwarters neue Auswahlkriterien auf dem angespannten Ausbildungsmarkt.


