Süddeutsche Zeitung

Artenschutz:Die Geier kreisen wieder

Menschen rotteten die Bartgeier vor hundert Jahren in Bayern aus. Nun könnten sie dauerhaft zurückkommen: Im Nationalpark Berchtesgaden sollen zwei Tiere angesiedelt werden.

Es gibt kaum eine Greifvogelart, deren Flug so spektakulär ist wie der des Bartgeiers. Allein wegen der Flügelspannweite der Tiere von bis zu 2,90 Metern. Mit ihr zählt der Bartgeier oder Gypaetus barbatus, wie sein wissenschaftlicher Name lautet, zu den größten Greifvögeln weltweit. Einst war die Art weit verbreitet in der Bergwelt Europas. Wegen des Irrglaubens, dass die harmlosen Aasfresser Lämmer, Ziegen und sogar kleine Kinder angreifen und töten, wurden sie gnadenlos gejagt. Anfang des 20. Jahrhunderts waren sie europaweit ausgerottet.

Geht es nach dem Landesbund für Vogelschutz (LBV), soll der Bartgeier wieder heimisch werden in Bayern. "Wenn alles schnell klappt, könnten wir womöglich in zwei Jahren hierzulande zwei junge Bartgeier freilassen", sagt der LBV-Vorsitzende Norbert Schäffer. Die beste Region dafür ist aus seiner Sicht der Nationalpark Berchtesgaden. Nationalpark-Chef Roland Baier hat seine Unterstützung bereits zugesagt.

Bartgeier sind sehr markante Greifvögel. Und zwar nicht nur wegen ihrer imposanten Größe, den rötlichen Brustfedern und dem hellen Kopf. Sondern vor allem wegen ihres hakenförmigen Schnabels und der schwarzen Federn, die borstenartig an ihm nach unten abstehen. Von diesen Federn haben sie ihren Namen. Bartgeier sind ausschließlich Aasfresser und ernähren sich zum weitaus größten Teil von Knochen. Mit dieser Nahrungsnische vermeiden sie eine Konkurrenz zu anderen Greifvögeln. Außerdem sind Knochen, etwa von abgestürzten oder von Lawinen mitgerissenen Steinböcken oder Gämsen, in der Bergwelt reichlich vorhanden. Um sie verdauen zu können, haben die Greifvögel eine besonders starke Magensäure.

Hierzulande bekommen Wanderer und Bergsteiger Bartgeier bislang hauptsächlich in den Allgäuer Alpen zu Gesicht. Und das auch erst seit knapp fünf Jahren. Damals beobachtete der Allgäuer Biologe und LBV-Mann Henning Werth auf einer Winterwanderung in der Bergwelt bei Oberstdorf erstmals einen Bartgeier, als der hoch oben am Himmel über den Gipfeln seine Kreise zog.

Werth, der sich schon damals intensiv mit Geiern beschäftigt hat, identifizierte den Greifvogel schnell. Es war Fortuna, ein junges Bartgeier-Männchen, aus dem österreichischen Nationalpark Hohe Tauern. In dem Schutzgebiet läuft seit einigen Jahren ein Wiederansiedlungsprojekt. Im Zuge dessen wurde Fortuna, der wie alle Bartgeier in den Alpen aus einer Nachzucht stammt, freigelassen. Zuvor hatte man ihm einzelne markante Federn gebleicht, sodass Experten wie Werth ihn auch hoch oben am Himmel erkennen können. Außerdem trägt Fortuna einen GPS-Sender.

Inzwischen werden in den Allgäuer Alpen immer häufiger Bartgeier gesichtet. Sie kommen nicht nur aus den Hohen Tauern herüber, sondern auch vom Südtiroler Ortler-Gebiet und vom Schweizer Mont Blanc, wo ebenfalls Wiederansiedlungen laufen. Allein dieses Jahr wurden laut Werth fünf Exemplare gesichtet. Deshalb will der LBV nun auch in Bayern die Wiederansiedlung systematisch angehen.

Zwei wichtige Vorarbeiten sind aus Sicht von LBV-Chef Schäffer schon erledigt. Die erste war eine Akzeptanz-Studie. Der LBV startete dazu eine Umfrage im Internet, die freilich nicht repräsentativ war. "Aber das Ergebnis war überwältigend", sagt Schäffer. "Mehr als 90 Prozent der 1300 Teilnehmer sind den Geiern gegenüber positiv eingestellt." Nur zwei Prozent hätten angegeben, in möglichen Geiergebieten mit einem "unangenehmen Gefühl" unterwegs zu sein.

Im Gegensatz dazu würden viele Umfrage-Teilnehmer Assoziationen wie "Freude", "Schönheit" oder "Naturerlebnis" mit den Greifvögeln oder ihrer Sichtung verbinden. Andere beurteilten Geier als einen "Hauch Wildnis" und Teil eines intakten Ökosystems. "Das ursprüngliche Negativimage, das zur massiven Verfolgung und Ausrottung der Tiere führte, hat sich offenbar ins Positive gewandelt", sagt Schäffer. "Das ist eine wichtige Voraussetzung für das Gelingen eines Wiederansiedlungsprojekts."

Die andere wichtige Vorarbeit ist die Machbarkeitsstudie des Biologen und Greifvogel-Spezialisten Toni Wegscheider. Er kommt darin zu dem Ergebnis, dass die Bedingungen für Bartgeier in den bayerischen Alpen günstig sind - und zwar nicht nur wegen der hohen Akzeptanz in der Bevölkerung. Auch Bedrohungen, etwa durch Seilbahnkabel oder Windräder, sind kaum vorhanden. Vor allem aber sei das Nahrungsangebot - vor allem in Form von Steinbock- und Gamskadavern - ausreichend vorhanden. Rechne man verunglückte Rinder und Schafe auf den Almen hinzu, von denen die Bauern zumindest einige für die Aasfresser liegen lassen könnten, statt sie mühevoll zu bergen und ins Tal zu transportieren, sei das Nahrungsangebot sogar sehr reichlich.

Die einzigen Gefahren für die Greifvögel sind aus Wegscheiders Sicht Wilderer und Bleivergiftungen. Im österreichischen Vorarlberg zum Beispiel schoss erst in diesem Sommer ein Wilderer einen Bartgeier ab. Und die Bleivergiftungen rühren von bleihaltiger Munition her, die unter Jägern weit verbreitet ist. "Wenn Geier Überreste von Jagdwild fressen, das mit bleihaltigen Munitionsrückständen kontaminiert ist, ziehen sie sich Vergiftungen zu, an denen sie qualvoll verenden", sagt Wegscheider. Die strenge Verfolgung von Wilderern und der Verzicht auf bleihaltige Munition seien zentrale Voraussetzungen für das Gelingen eines Wiederansiedlungsprojekts.

Im Nationalpark Berchtesgaden wird kaum gejagt und die Jäger dort verwenden schon lange bleifreie Munition. Aber nicht nur deshalb eignet sich das Schutzgebiet aus Wegscheiders Sicht bestens für die Wiederansiedlung. Es sind dort auch Fachleute und Logistik dafür vorhanden. Außerdem werden in den Allgäuer Alpen so viele Bartgeier gesichtet, dass sich nach Wegscheiders Überzeugung über kurz oder lang von selbst ein Paar finden und einen Horst bauen wird.

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SZ vom 19.09.2019/kaal
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