Geschichte des Bayerischen WaldesWie der Wilde Osten wirklich war

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Entgegen landläufiger Meinung war der Bayerische Wald in früheren Jahrhunderten technisch durchaus auf der Höhe der Zeit, erlitt aber durch politische Fehlentscheidungen mehrmals wirtschaftlich schwere Rückschläge.
Entgegen landläufiger Meinung war der Bayerische Wald in früheren Jahrhunderten technisch durchaus auf der Höhe der Zeit, erlitt aber durch politische Fehlentscheidungen mehrmals wirtschaftlich schwere Rückschläge. Haus der Bayerischen Geschichte
  • Richard Loibl räumt in seinem neuen Buch mit Vorurteilen über den Bayerischen Wald auf und belegt anhand historischer Ansichtskarten, dass die Region nicht rückständig war.
  • Die Säkularisation von 1802/03 und die späte Anbindung an die Eisenbahn schwächten die zuvor blühende Wirtschaft des Bayerischen Waldes dramatisch.
  • Das Buch basiert auf einer wertvollen Ansichtskartensammlung aus dem Nachlass des Schriftstellers Max Peinkofer und gilt als Standardwerk zur Kulturgeschichte der Region.
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Richard Loibl räumt in einem neuen Buch gründlich mit Vorurteilen und Zerrbildern auf, die es über den Bayerischen Wald gibt. Bayerns jungem Königreich wirft er eine miserable Politik vor.

Von Hans Kratzer, Regensburg

Nur wenige Landschaften wirken dermaßen hintergründig wie der Bayerische Wald, was nicht zuletzt daran liegt, dass im Sagenschatz dieser Gegend viel Rätselhaftes und Schauerliches verborgen liegt. Seit ältesten Zeiten wird geraunt, hier hausten finstere Mächte, Rückständigkeit und Armut. Sogar das Klima besitze Horrorqualität, unkt man heute noch: „Dreivierteljahr Winter, Vierteljahr kalt!“

Zur Einordnung ein Schwenk zum Autor Ludwig Leythäuser, der schon im Jahre 1906 schrieb, all diese Vorurteile beruhten auf totaler Unkenntnis der bestehenden Verhältnisse. Ähnlich wie er erhebt heute der aus Hengersberg stammende Richard Loibl seine Stimme, und die hat durchaus Gewicht, schließlich hat sich Loibl als Direktor des Hauses der Bayerischen Geschichte hinlänglich Meriten erworben. „Wenn ich höre, der Wald sei finster, rückständig und bar jeder Industrie gewesen, dann beidlt es mich“, sagt er, es schüttelt ihn also vom Bein weg. Das Gerede vom Armenhaus, vom Siechtum, „das ist ein richtiger Schmarrn“, ereifert sich Loibl.

Schon vor Jahren hatte er sich vorgenommen, die Zerrbilder des Bayerischen Waldes zu korrigieren und dessen übliche Karikatur als „Bayerisch Sibirien“ zu widerlegen. Freilich ist das leichter gesagt als getan, immerhin verweist eine Fülle an Schrifttum auf bedrückende Lebensverhältnisse, etwa die Physikatsberichte aus dem 19. Jahrhundert oder die vielen Dokumente von Auswanderern, die der „elenden“ Waldheimat entfliehen wollten. Loibl relativiert dies: Nur zu bestimmten Zeiten seien manche Regionen notleidend gewesen, aber nicht dauerhaft.  „Und Auswanderung gab es immer“, wirft er ein, „aber sie war nicht so stark, wie man immer meint.“

Dass Loibl nun in einem Buch sowie in einer Ausstellung alte Irrtümer bereinigen und neue positive Aspekte des Bayerischen Waldes präsentieren kann, verdankt er einem bemerkenswerten Fund. Bei seinen Recherchen stieß er nämlich auf eine Ansichtskartensammlung, deren kulturgeschichtlicher Wert sich als immens herausstellte. Jene Tausende Karten, die aus dem Nachlass des Schriftstellers Max Peinkofer (1893-1961) stammen, ermöglichen nicht mehr für möglich gehaltene Einblicke in das Leben, Arbeiten und Denken der Vorfahren.

Der ermattete Zecher, der gewissermaßen auf der Grenze dreier Länder ausnüchtert, erinnert an die engen Bande, die es im Bayernwald schon in früheren Zeiten mit Böhmen und Österreich gab.
Der ermattete Zecher, der gewissermaßen auf der Grenze dreier Länder ausnüchtert, erinnert an die engen Bande, die es im Bayernwald schon in früheren Zeiten mit Böhmen und Österreich gab. Haus der Bayerischen Geschichte

„Viele neue Erkenntnisse mit diesen Karten und Bildern belegen zu können, ist ein einmaliger Glücksfall“, sagt Loibl. In all den Bildern und Texten schimmert eine Gegend durch, in der Nachhaltigkeit etwa bei der Waldbewirtschaftung viel wichtiger war als heute. Ins Auge sticht auch die enge wirtschaftliche Verknüpfung mit der Donauregion und mit Südböhmen. Überdies ist deutlich zu erkennen, dass der Bayerwald wiederholt den Folgen einer miserablen Politik ausgeliefert war. Trotzdem erwies er sich um 1900 herum als eine kraftvolle Boomregion.

Als ein Hauptopfer des politischen Versagens schildert Loibl in seinem Buch das Kloster Niederaltaich. Über Jahrhunderte hinweg ragte es als ein Wirtschaftsbetrieb erster Güte heraus. Es gab dort alles, was seinerzeit technisch erfunden war, von der Brauerei über eine Mühle bis zum Kalkofen. Die alte Spruchweisheit „Unterm Krummstab ist gut leben“, die auf Stab des Abtes anspielt, gelte im Fall Niederaltaich vollumfänglich, schreibt Loibl.

Während der Säkularisation von 1802/03 zerlegte und verschleuderte der bayerische Staat dieses funktionierende komplexe System ohne Rücksicht auf Verluste. Was das für die Menschen bedeutete, erklärt Loibl so: „Die Träger für Sozial- und Rentenversicherung wurden samt ihren Krankenhäusern und höheren Bildungseinrichtungen ausgemerzt, ohne dass der Staat für Ersatz Sorge getragen hätte.“ In einem Brief schildern ehemalige Untertanen des Klosters anno 1803 ihre Not, weil sie weder Arbeit noch Brot fänden, seitdem das Kloster seine Pforten geschlossen habe.

Bei der Waldarbeit mussten auch viele Frauen mit anpacken.
Bei der Waldarbeit mussten auch viele Frauen mit anpacken. Haus der Bayerischen Geschichte
Beliebtes Postkartenmotiv: ein kauzig wirkender Waldler mit Weidenkörben voller Pilze.
Beliebtes Postkartenmotiv: ein kauzig wirkender Waldler mit Weidenkörben voller Pilze. Haus der Bayerischen Geschichte

Loibls Urteil ist ein Stich ins Herz eines jeden Anhängers der Säkularisation: „Der Klostersturm war eine kapitale Fehlleistung des jungen Königreichs Bayern.“ An dem verantwortlichen Minister Maximilian von Montgelas lässt der Historiker kein gutes Haar: „Er war ein Ideologe und kein Pragmatiker.“

Dabei hätte Montgelas, der gerühmte Schöpfer des modernen Bayern, nach Loibls Einschätzung die radikale Klosterzerstörung und die daraus folgenden Verheerungen leicht vermeiden können. Er hätte es nur so machen müssen wie Kaiser Joseph II. in Österreich: die lebensfähigen Klöster erhalten und nur die schlecht geführten aufheben. „Dem Bayerischen Wald hat Montgelas durch seine Politik schwersten Schaden zugefügt“, schlussfolgert Loibl. Schlimme Folgen für die Bevölkerung hatte überdies die politische Abschottung gegenüber Österreich und Böhmen. Als der rege Grenzhandel versiegte, begann das Schmuggeln, das Schwirzen, das die Not lindern sollte, aber auch Verfolgung und Verderben mit sich brachte.

All diese Probleme werden im Buch und in der Ausstellung nachdrücklich mithilfe von Ansichtskarten und Exponaten verdeutlicht. Etwa mit einer Inszenierung des sogenannten Saccharin-Heiligen. Diese Figur war im Inneren hohl und stets randvoll mit der Schmuggelware Saccharin, gefüllt, wenn man sie betend über die streng bewachte Grenze zu einem böhmischen Kirchlein trug.

Der Anschluss des Bayerischen Waldes an die Eisenbahn wurde sträflich vernachlässigt, urteilt Autor Richard Loibl in seinem Buch „Grüße aus dem Wilden Osten“.
Der Anschluss des Bayerischen Waldes an die Eisenbahn wurde sträflich vernachlässigt, urteilt Autor Richard Loibl in seinem Buch „Grüße aus dem Wilden Osten“. Haus der Bayerischen Geschichte

Den in diesem Jahr gefeierten König Ludwig I. verschont Loibl ebenso wenig mit Kritik wie dessen Erzfeind Montgelas. Für einen völligen Blödsinn hält Loibl die flächendeckenden Kanalbaupläne des Königs, deretwegen die Eisenbahn sträflich vernachlässigt wurde. In den Osten Bayerns wurden die Eisenbahnlinien viel zu spät verlegt, was die dort blühenden Industrien dramatisch schwächte. Im Wettbewerb mit Regionen, die bereits an die Eisenbahn angeschlossen waren, gingen den Bayerwäldlern satte Einnahmen verloren.

Loibl hat mit seinem Buch ein Standardwerk zur Geschichte des Bayerischen Waldes geschaffen. Die darin erzählten Geschichten und Bilder belegen facettenreich, dass sich vieles anders abgespielt hat, als wir uns das heute vorstellen. Die Ansichtskarten dokumentieren eine faszinierende, aber vergessene Welt, die bereits eine fortschrittliche Kommunikationstechnik pflegte. Loibl nennt die Postkarten die „SMS der alten Zeit“. Mehrmals am Tag wurden sie zugestellt, der rasche Austausch an Nachrichten war damit garantiert – auch für die Touristen, die dem Bayerischen Wald seit 150 Jahren eine Erfolgsgeschichte ohnegleichen bescheren. Heute besitzt die Ortschaft Bodenmais die größte Dichte an Wellnesshotels in Deutschland.

Richard Loibl: Grüße aus dem Wilden Osten. Kulturgeschichte des Bayerischen Waldes auf Ansichtskarten, Pustet Verlag, 320 Seiten, Einführungspreis 39 Euro. Begleitend dazu läuft im Museum der Bayerischen Geschichte in Regensburg die Ausstellung „Geschichten aus dem Bayerland, Teil II“, bis 14. Juni 2026, Di-So 9-18 Uhr.

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