Wissenschaft:Eine Podcast-Reihe gegen Verschwörungserzählungen

Lesezeit: 2 min

Ende der Umsturzphantasien: Heinrich XIII. Prinz Reuß wird am 7. Dezember 2022 verhaftet. (Foto: Boris Roessler/dpa)

Aus "dem kleinsten Büro" der Bayerischen Akademie der Wissenschaften heraus befassen sich zwei Referentinnen mit alten und neuen Verschwörungsmythen. Manches darin ist erwartbar, anderes allerdings überrascht.

Von Jürgen Moises

Geht es um Geheimbünde, um Freimaurer und Illuminaten, dann verortet man diese meist in der Vergangenheit. Wenn man sie nicht gleich ins Reich der Mythen schiebt. Die darum entstandenen Verschwörungsgeschichten bekommt man aber trotzdem nicht aus der Welt. Haben die Freimaurer Kennedy ermordet? Sind sie zusammen mit den Illuminaten für die Weltkriege verantwortlich?

Erzählungen wie diese tauchen immer wieder auf. Und in den vergangenen Jahren haben sie, nicht selten in Verbindung mit Antisemitismus, bei den Reichsbürgern oder der QAnon-Bewegung fruchtbaren Boden gefunden. So reden beide Gruppierungen etwa von einem "deep state" oder Schattenstaat, der Deutschland oder Amerika regiert. Und davon, dass man diesen Schattenstaat beseitigen muss.

Newsletter abonnieren
:Mei Bayern-Newsletter

Alles Wichtige zur Landespolitik und Geschichten aus dem Freistaat - direkt in Ihrem Postfach. Kostenlos anmelden.

Dass das mehr als nur Gerede ist, hat die große Razzia bei einer Reichsbürger-Gruppe rund um Heinrich XIII. Prinz Reuß im letzten Dezember gezeigt. Denn: Die Gruppe plante einen gewaltsamen Putsch. Eine Geschichte, die selbst wie eine Verschwörungserzählung klingt. Deshalb taucht sie genauso wie die Freimaurer und Illuminaten in der vierteiligen Podcast-Reihe über "Verschwörungsmythen" der Bayerischen Akademie der Wissenschaften auf. " Geheimbünde - Freimaurer, Illuminaten, Reichsbürger" heißt der erste, unter badw.de sowie auf Spotify & Co. auffindbare Teil der BAdW-Cast-Reihe, für den die Referentin für Digitale Kommunikation Laura Räuber und Ruth Zapf verantwortlich zeichnen. Die nächsten Teile werden sich um Antisemitismus, Hass und Hetze und Klimawandel-Leugnung drehen.

Die Reichsbürger als Geheimbund? Nun, die sich unter anderem aus Angehörigen der Bundeswehr rekrutierende Truppe um Prinz Reuß passt mit ihren Umsturzfantasien da durchaus ins Bild. Und nach dem Anhören des Podcasts lässt sich sagen: dass sie gefährlicher als die Freimaurer war oder ist. Zu deren Idealen gehörten nämlich schon immer Humanität und Toleranz, wie man von zwei "Altstuhlmeistern" der Freimaurer-Loge Lessing zum flammenden Stern aus München erfährt. Und wie man die beiden Herren so reden hört über den Bezug der Freimaurer zu den Handwerker-Zünften. Über die Männer-, Frauen- und gemischten Logen, die es in München gibt. Dann klingt das doch nach einem eher harmlosen Verein. Der Rest gehört ins Reich der Mythen.

Auch Adolph Freiherr Knigge war Mitglied der Illuminaten

Anders beim Illuminatenorden und seinem Gründer: Dem Philosophen und Kirchenrechtler Adam Weishaupt aus Ingolstadt, über den Olaf Simons aus Erfurt Genaueres erzählt. Weishaupt wollte ein republikanisches Reich der Vernunft errichten. Er ließ Freimaurer-Logen unterwandern. Und mithilfe von Adolph Freiherr Knigge, der 1780 den Illuminaten beitrat, sicherte sich der Orden Schlüsselpositionen in der Wissenschaft. Interessant ist, wie nah dabei die Welt des "Schöngeistigen" der umstürzlerischen Gesinnung der Illuminaten stand. So gehörte etwa auch Goethe zu den Illuminaten, wenn auch nicht wirklich als aktives Mitglied. Und der Musikwissenschaftler Helmut Perl ist sich sicher: Mozart war ebenfalls Illuminat.

Vieles davon erzählen Laura Räuber und Ruth Zapf selbst, die, wie sie verraten, "im kleinsten Büro" der Akademie der Wissenschaften sitzen. Und deren Budget dort wohl ebenfalls nicht zu den größten zählt. Die Soundeffekte klingen doch eher simpel und erwartbar. Beim Wort "Land" ist etwa eine Kuh, bei der Wendung "wie ein Lauffeuer" ein knisterndes Feuer aus dem Off zu hören. Und ganz ähnlich ließe sich sagen: Auch über die Freimaurer und Illuminaten hat man doch schon wirklich viel gehört.

Trotzdem: Die einbezogenen Wissenschaftler, zu denen etwa auch die Historiker Helmut Reinalter und Barbara Stollberg-Rilinger gehören, sorgen nicht nur für Expertise, sondern außerdem für Abwechslung. Interessant wird es zudem dadurch, dass Räuber und Zapf die Geschichte der damals ebenfalls von Illuminaten unterwanderten Akademie der Wissenschaften einbeziehen. Und wie sie am Ende den Bogen bis hin zu den Klimawandel-Leugnern spannen, bleibt interessant zu hören.

Der BAdW-Cast "Verschwörungsmythen" ist unter badw.de und bei den üblichen Streaming-Diensten zu finden.

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusLiteratur
:Krimi-Zeitreise in die Schwabinger Boheme

Uta Seeburg hat eine historische Romanreihe geschrieben, die in München um 1900 spielt. Ihr Ermittler Freiherr von Gryszinski kommt aus Preußen. In Bayern nimmt er es nicht nur mit Spitzeln und Spionen auf.

Von Barbara Hordych

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: