Unter Bayern:Vom Geschlechterkampf im Baumarkt

Lesezeit: 1 min

Welche Schraube für was, wie dick und lang, welcher Kopf und welches Metall? Da treffen die unterschiedlichsten Expertenmeinungen aufeinander. (Foto: Catherina Hess)

Frauen verstehen einfach nichts von Schrauben und Werkzeug. Die Deutungshoheit in der Eisenwarenabteilung gehört immer noch den Männern - das glauben sie zumindest.

Glosse von Hans Kratzer

Vor einigen Tagen hat eine Frau, die handwerkliches Geschick aufblitzen ließ, in einem Baumarkt im niederbayerischen Velden schraubentechnische Irritationen ausgelöst. Ihr Begehr war ein 20er-Bit, mit dessen Hilfe sie diverse Schrauben aus alten Holzlatten entfernen wollte. Zur Veranschaulichung zeigte sie ein Foto her. Trotzdem warf der Fall beim Verkäufer Fragen auf: Sind das jetzt 25er-Torx? "Ich brauch aber einen 20er-Bit", sagte die Frau, "also vier Millimeter stark."

Nun mischte sich ein weiterer Kunde ein. Er habe gerade Schrauben gekauft, sagte er, "und des san Dreißiger". Die Frau wusste sofort Bescheid: "Die ham sechs Millimeter Durchmesser!" Es erfolgte Widerspruch: "Ja gar nia!", sagte der Mann, legte seine Schrauben auf den Tisch und forderte die Frau auf, sie solle deren Größe bitte schön mit dem Meterstab nachmessen. Diese kam dem Wunsch freundlich nach. "Und was jetzt?", fragte der Mann. "Ja, des san sechs Millimeter." "Niemals", konterte er, "des kann ned sein." "Ja dann miss es halt selber aus", forderte ihn die Frau auf. Auch bei seiner Prüfung waren es sechs Millimeter. "Hmmm", brummelte der Mann, "dann wird halt der Meterstab ned stimmen." Schmunzelnd erwiderte die Widersacherin: "Guat, dass man einer Frau im Baumarkt nix glaubt."

Dieses Geschehen ruft jene Szene in Robert Seethalers Roman "Der Trafikant" in Erinnerung, in der Sigmund Freud dem Buben Franz erklärt, dass an den Klippen zum Weiblichen "selbst die besten von uns zerschellen". Die soeben eröffnete Landesausstellung in Freising über das frühmittelalterliche Bayern bestätigt diese These recht eindrucksvoll. Liutpirc, die Gemahlin des Bayernherzogs Tassilo, hatte den mächtigen Franken schon im 8. Jahrhundert herzerfrischend signalisiert, sie sollten sich besser nicht mit ihr anlegen. Sie reizte die eitlen Männer bis aufs Blut.

Ein bisserl was von Liutpircs Courage schwebte neulich auch durch den Veldener Baumarkt, in dem deutlich wurde, dass das Ringen der Geschlechter selbst in Schraubenfragen wie eh und je kompliziert ist. Manchmal übersteigt dieser Kampf gar die Grenzen der Vernunft. Die Freisinger Kulturreferentin blieb soeben der Eröffnung der Landesausstellung fern, weil dort nur alte weiße Männer redeten und weil sie das alles zum Speien fand. Die Lage ist bedrohlich. Liutpirc hilf!

© SZ - Rechte am Artikel können Sie hier erwerben.
Zur SZ-Startseite

SZ PlusSZ-Serie: Sagenhaftes Bayern, Teil 10 und Ende
:Wo kommen Gruselgeschichten eigentlich her?

Sie faszinieren und unterhalten - manchmal sollen sie aber auch warnen und erziehen: Gruselgeschichten trotzen jeder Form der Aufklärung und Rationalität. Und das hat mindestens einen triftigen Grund, erklärt der Volkskundler Helmut Groschwitz.

Interview von Patrick Wehner

Lesen Sie mehr zum Thema

Jetzt entdecken

Gutscheine: