Das Verhältnis der Bauern zur EU darf – gelinde gesagt – als schwierig bezeichnet werden. Denn viele Landwirte fühlen sich von den Agrar-Regularien aus Brüssel arg gegängelt. Und erst recht von den Naturschutz-Vorgaben, an die sie sich halten müssen. Bei ihren Visiten in Bayern dürfen EU-Agrarkommissare deshalb für gewöhnlich schon froh sein, wenn die Bauern sie nicht sofort mit geharnischten Protesten überziehen, sondern es bei Klagen belassen.

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Anders bei EU-Agrarkommissar Christophe Hansen, der noch kein Jahr im Amt ist und diese Woche Niederbayern besucht hat. Für den luxemburgischen Europapolitiker sind die Bauern – zumindest dieser Tage – voll des Lobs. Allen voran ihre Standesvertreter. „Wir freuen uns sehr über die klaren Worte von Hansen“, sagt zum Beispiel Thomas Lang, Vorsitzender der Landesvereinigung für den ökologischen Landbau in Bayern (LVÖ).
Manfred Gilch, Vorsitzender der Milchbauern-Organisation BDM in Bayern, spricht gar von einem „wichtigen Signal“. Hansen habe sich bei seinem Besuch „offen für die Argumente des BDM gezeigt“. Und Bauernpräsident Günther Felßner konstatiert zufrieden, dass es bei dem Besuch „gelungen zu sein scheint, einer Lösung näherzukommen“. Zumindest habe der Agrarkommissar dies zugesagt.
Bei dem Lob für Hansen geht es um die sogenannte Weidepflicht für Rinder in Bio-Haltung. Sie besagt, dass Kühe auf Bio-Höfen Zugang zu Weiden haben müssen. Die Vorgabe bringt derzeit eine Reihe von Bio-Bauern in große Nöte. Das ist zumindest auf den ersten Blick erstaunlich. Schließlich gilt es als Binse, dass Nutztiere in der Bio-Landwirtschaft einen großzügigen Auslauf ins Freie haben müssen. Und die EU hat bereits in ihrer Öko-Verordnung von 1999 festgelegt, dass Kühe auf Bio-Höfen auf Weiden können müssen.
Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass es lange Jahre eine Reihe Ausnahmen von der Weidepflicht gab. Zum Beispiel, wenn ein Bio-Hof samt Stall mitten im Ort liegt und deshalb eine Weide für die Kühe nicht zur Verfügung steht oder – aus Sicht des jeweiligen Bio-Bauern – nur mit nicht zumutbarem Aufwand erreichbar wäre. Dann genügte statt einer Weide ein Auslauf am Stall, auf dem die Rinder ins Freie können.
So wie bei Pankraz Eck aus Ampferbach im fränkischen Steigerwald. Der Bio-Bauer, der inzwischen gut in den Sechzigern ist, ist Öko-Pionier. 1988, da war er Mitte 20, stellte er den elterlichen Hof auf Bio-Landwirtschaft um. Auf den Feldern baut er viel Bio-Getreide an, Dinkel und Gerste etwa, aber auch Hafer, Weizen und Leinsamen. Und in seinem Stall stehen 17 Milchkühe.
Das Problem ist, dass Ecks Hof mitten im Dorf steht. Die Kirche von Ampferbach liegt gleich hinterm Stall. Die einzige aus Ecks Sicht mögliche Weide für seine Kühe liegt hinter einem Neubaugebiet. „Aber dorthin müsste ich meine Tiere zweimal am Tag durch das Neubaugebiet hin und her treiben“, sagt Eck. „Das machen die Leute dort nicht mit.“ Deshalb müssen Ecks Kühe auf den Weidegang verzichten. Dafür hat ihnen der Bio-Bauer am Stall einen großzügigen Auslauf eingerichtet, auf dem sie ins Freie können.
Das ging gut bis zum Jahreswechsel 2024/2025. Dann stellte die EU-Kommission die Weidepflicht für Kühe scharf. Vorangegangen war ein längeres Hin und Her zwischen Kommission, Deutschland und Bayern. Doch seit diesem Jahr, allerspätestens ab Anfang 2026 soll es für Bio-Kühe keine Ausnahmen mehr von der Weidepflicht geben. Trotz aller Proteste der Bauern.
Und trotz der düsteren Szenarien, dass damit der Ausbau der Bio-Landwirtschaft torpediert werde. Auch wenn es bisher keine genauen Zahlen gab, wie viele Bio-Höfe in Bayern so von der rigiden Weidepflicht betroffen sind, dass ihre Zukunft auf dem Spiel steht. In der Agrarszene war immer von einigen hundert die Rede. Deshalb war es nur eine Frage der Zeit, bis die Klagen die EU-Kommission erreichten.
Dort haben sie nun ganz offenkundig Gehör gefunden. Bei seinem Besuch in Niederbayern habe Agrarkommissar Hansen versichert, er werde die EU-Ökoverordnung schnell öffnen für Ausnahmeregelungen von der Weidepflicht. So berichten es übereinstimmend alle Teilnehmer des Treffens mit Europas höchstem Agrarpolitiker. Bund und Länder sollten nun schnell nachziehen und zumindest Übergangsregelungen ausarbeiten, bis die EU ihre neuen Regularien erlassen hat.
Und was meint der Öko-Pionier Eck zu der Nachricht von dem Treffen? „Natürlich ist sie auch bei uns sofort rumgegangen“, sagt er am Telefon und hört sich dabei überraschend zurückhaltend an. Darauf angesprochen meint Eck, er „habe in der Agrarpolitik schon so viele Ankündigungen gehört, dass ich erst auf eine vertraue, wenn sie schwarz auf weiß umgesetzt worden ist“. Und schickt hinterher: „Wenn sich das nächste Vierteljahr nichts tut bei der Weidepflicht, war's das mit mir als Bio-Bauer. Dann muss ich meine Bio-Zulassung zurückgeben.“ Nach fast 38 Jahren.

