Als Ministerpräsident und CSU-Chef Markus Söder kürzlich nach China gereist ist, hat der bekennende Tierliebhaber den Staatsbesuch – ja genau – in einer Panda-Aufzuchtstation in Chengdu begonnen. „Knuffig sind sie schon“, sagte er da breit lächelnd vor einem der vielen Gehege, in dem einer der schwarz-weißen, pflanzenfressenden Bären mit einem Bambuszweig kämpfte. „Sehr süß, very sweet.“ So hat es der Bayerische Rundfunk berichtet. Und natürlich sind eindrückliche Bilder von Söder und den chinesischen Pandas auf Instagram und allen möglichen anderen sozialen Medien zu sehen. Einmal hat der Ministerpräsident sogar einen Panda vor den Kameras geknutscht – freilich einen aus Plüsch.
Diese Woche geht Söder erneut auf Tuchfühlung mit exotischen Tieren. Anders als bei den Pandas in China fliegt er dafür nicht nach Fernost oder in eine andere weit abgelegene Region. Sondern er fährt gerade mal 150 Kilometer weit von München in den Nationalpark Berchtesgaden. Dort startet am Mittwoch die Auswilderung von zwei 90 Tage jungen Bartgeiern. Die Aktion ist Teil eines auf zehn Jahre angelegten Wiederansiedlungsprojekts, das der Landesbund für Natur- und Vogelschutz (LBV) dort 2021 betreibt. „Wir freuen uns sehr, dass der Ministerpräsident kommt“, sagt LBV-Chef Norbert Schäffer. „Schön, dass es dieses Jahr klappt.“ Natürlich hat der LBV Söder auch schon zu den Auswilderungen in den Vorjahren angefragt. Bisher allerdings vergebens.
Bartgeier oder Gypaetus barbatus, wie ihr wissenschaftlicher Name lautet, zählen zu den weltweit mächtigsten Greifvögeln. Mit einer Spannweite von bis zu drei Metern und ihrem mächtigen hakenförmigen Schnabel sehen sie richtig furchteinflößend aus. Ihren Namen haben die Tiere von den schwarzen Federn, die unter ihrem Schnabel nach unten abstehen. Bartgeier sind harmlos. Sie fressen ausschließlich Knochen und Aas. Gleichwohl sind sie in den Alpen ausgerottet worden. Die Menschen waren überzeugt, dass sie Schafe und sogar kleine Kinder jagen und töten. 1913 wurde im italienischen Aostatal der letzte Bartgeier abgeschossen, der damals noch frei in den Alpen lebte. In Bayern war das tödliche Werk schon viele Jahre zuvor vollbracht.
Heute haben Bartgeier einen fast durchwegs positiven Ruf. In den Alpen leben laut Fachleuten wieder zwischen 300 und 350 Tiere, unter ihnen mehr als 70 Brutpaare. Die Population geht zurück auf ein Wiederansiedlungsprojekt von den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts an, beginnend in Österreich. Seit 2021 nimmt daran der LBV mit seiner Initiative im Nationalpark Berchtesgaden teil. In deren Rahmen werden jedes Jahr im hinteren Klausbachtal in einer Felsnische in 1300 Metern Höhe zwei oder drei junge Bartgeier in die Freiheit entlassen. Den Anfang machten Wally und Bavaria, 2022 sind Recka und Dagmar gefolgt. Nepomuk und Sisi waren 2023 der dritte Jahrgang. Die Wiederansiedlung der Bartgeier ist das derzeit spektakulärste Naturschutzprojekt in Bayern, die Süddeutsche Zeitung hat es vor drei Jahren mit einer Serie begleitet.

Und es ist eines der gelungensten. Zwar ist mit der Freilassung des vierten Jahrgangs junger Bartgeier noch nicht einmal die Halbzeit des Projekts erreicht. Aber dennoch kann man das durchaus konstatieren. Das einzige dramatische Ereignis bisher war der jähe Tod von Wally im April 2022. Das Bartgeier-Weibchen, das von den SZ-Lesern seinen Namen bekommen hatte, war im Wettersteingebirge beim Fressen von einem herabstürzenden Felsen erschlagen worden. So hat es der Chef des Auswilderungsprojekts beim LBV, Toni Wegscheider, später ermittelt. So schlimm das Unglück war, für das Wiederansiedlungsprojekt insgesamt ist Wallys Tod ohne Belang. Schon jetzt zeichnet sich aber ab, dass alle seine Ziele des Projekts eingelöst werden können.
Allen voran das Hauptziel, dass wieder Bartgeier im bayerisch-österreichischen Grenzgebiet heimisch werden. „Für gewöhnlich werden die Greifvögel ja erst ab einem Alter von vier oder fünf Jahren sesshaft, davor unternehmen sie Hunderte Kilometer weite Streifzüge quer durch die Alpen“, sagt Wegscheider. Anders Bavaria, die jetzt gute drei Jahre alt ist. Sie hat ihre Streifzug-Phase womöglich schon hinter sich und hält sich vorzugsweise im Hagengebirge 30 Kilometer östlich des Nationalparks Berchtesgaden auf. „Es ist sehr gut möglich, dass sie da bleibt“, sagt Wegscheider. „Und wenn dort ein Partner vorbeikommt, der zu ihr passt, wird es wieder ein Geierrevier hier bei uns geben.“ Schon jetzt werden laut Wegscheider immer mal wieder wild lebende Geier in der Nähe von Bavaria beobachtet.
Wegscheider ist außerdem zuversichtlich, dass alsbald die bisherige Lücke zwischen den Bartgeier-Populationen in den Alpen und auf dem Balkan geschlossen wird. Das ist das andere große Ziel des LBV-Projekts. „Bisher konzentrieren sich die Bartgeier-Vorkommen alle auf die Hochgebirge in den Zentral- und den Westalpen“, sagt Wegscheider. „Unsere Geier fliegen ganz andere Regionen an – in Friaul und Slowenien zum Beispiel, wo schon 30 Jahre lang keine Bartgeier mehr gesichtet worden sind.“ Das Friaul und Slowenien gelten als Sprungbrett zum Balkan.

Bestätigt hat sich außerdem, dass Bartgeier extrem mobil sind. „Nepomuk, der erst letztes Jahr freigelassen worden ist, ist dafür ein extrem gutes Beispiel“, sagt Wegscheider. „Der ist mal in den Westalpen, dann über Bozen und dann wieder in der Schweiz. Flugstrecken von 400 Kilometer am Tag sind für den überhaupt kein Problem.“ Wegscheider weiß das deshalb so genau, weil die Bartgeier nicht nur beringt sind und ihr Gefieder individuell markiert ist, sodass Beobachtungen schnell an ihnen gemeldet werden. Sondern sie sind obendrein mit winzigen GPS-Geräten ausgestattet, die jede Menge Flugdaten und andere Informationen an die Computer von Wegscheider und anderen LBV-Leuten übertragen.
Jetzt also zwei neue Junggeier. Die beiden sind unter den Kürzeln BG1227 und BG1240 im einschlägigen Erhaltungszuchtprogramm der Zoos und Tierparks in Europa registriert. Der eine stammt aus dem Zoo in der finnischen Hauptstadt Helsinki, der andere aus einer Zuchtstation in Haringsee in Niederösterreich. Der österreichische Junggeier ist ein richtiger Brummer. „Das ist selbst für einen so mächtigen Greifvogel wie den Bartgeier richtig viel“, sagt Wegscheider. „Und im Vergleich zu anderen heimischen Vögeln erst recht.“ Eine frisch geschlüpfte Amsel wiegt gerade mal sechs Gramm. Die Geschlechter der beiden indes werden ebenso wie die Namen, die sie bei ihrer Entlassung in die Felsnische im hinteren Klausbachtal an diesem Mittwoch offiziell bekommen, noch geheim gehalten.
Zu der Entlassung erwarten Wegscheider und LBV-Chef Schäffer nicht nur Ministerpräsident Söder, sondern auch viele andere Besucher. Schließlich ist sie die einzige Gelegenheit, bei der man die beiden Geier aus nächster Nähe erleben kann. Gleichwohl ist Wegscheider unbesorgt, dass einer der Gäste den beiden Greifvögeln zu nahe kommen oder einen sogar – wie Söder den Plüsch-Panda in China – knutschen könnte. Denn obwohl sie noch sehr jung sind und zum Beispiel noch nicht fliegen können, haben die Junggeier schon ordentliche Krallen und Schnäbel. Vor allem aber müffeln sie als Aasfresser, die beide ja von klein an sind, ziemlich streng. Vor allem Letzteres – so zumindest die bisherige Erfahrung von Wegscheider – sorgt selbst bei großem Andrang für eine gewisse Distanz.

