SZ-Serie: Vogelwuid:Ab in die Lüfte - hoffentlich

SZ-Serie: Vogelwuid: Wally und Bavaria in ihrer Felsnische am Knittelhorn. Screenshot: LBV-Bartgeierwebcam

Wally und Bavaria in ihrer Felsnische am Knittelhorn. Screenshot: LBV-Bartgeierwebcam

Die ausgewilderten Bartgeier-Weibchen Wally und Bavaria im Klausbachtal üben nun jeden Tag fleißig für ihren ersten Flug: Mehrere hundert Mal am Tag schlagen sie mit den Flügeln, um ihre Brustmuskeln zu kräftigen.

Von Christian Sebald, Ramsau

Wie die Zeit vergeht. Es ist jetzt dreieinhalb Wochen her, dass Toni Wegscheider und seine Mitarbeiter Wally und Bavaria zu der Auswilderungsnische unter dem Knittelhorn hinaufgeschleppt haben. Damals waren die beiden Bartgeier-Weibchen noch zwei scheue, ein wenig verhuschte flauschige Jungvögel. Das ist vorbei, die beiden haben sich in der Auswilderungsnische bestens entwickelt, sie strotzen vor Kraft und Entdeckerlust. Nur fliegen können Wally und Bavaria noch nicht. "Aber wenn alles so gut weiterläuft wie bisher, dann könnten sie womöglich nächstes Wochenende erstmals abheben", sagt Wegscheider. "Dann haben die beiden das Alter dafür erreicht." Das erste Ziel des Bartgeier-Projekts des Landesbunds für Vogelschutz (LBV) ist also in greifbarer Nähe: Demnächst werden wieder Bartgeier am Himmel über den Berchtesgadener Alpen ihre Kreise ziehen.

Junge Bartgeier unternehmen ihren ersten Flug im Alter von etwa 120 Tagen. Wally ist an diesem Montag 113 Tage alt, Bavaria 115. "Es bleibt also nicht mehr viel Zeit", sagt Wegscheider. "Zumal die beiden ja viel üben." Üben heißt: Sie schlagen mit den Flügeln, um ihre Brustmuskulatur zu stärken und zu trainieren, und zwar immer und immer wieder, bisweilen mehrere hundert Mal am Tag. "In der ersten Zeit war das Ganze ein wildes und eher zufälliges Geflatter, mit ziemlich willkürlichen Hopsern", berichtet Wegscheider. "Inzwischen springen Wally und Bavaria sehr zielgerichtet in der Nische herum und schaffen pro Serie bis zu 20 kräftige Flügelschläge." Die nächsten Tage müssen die beiden aber noch sehr viel trainieren. "Denn erst wenn sie stabil um die 200 Flügelschläge am Tag schaffen, haben sie die Ausdauer für ihren ersten Flug", sagt Wegscheider. Der Biologe hat schon eine ganze Reihe Bartgeier-Auswilderungen in den Alpen begleitet.

Der Bartgeier (Gypaetus barbatus) zählt mit 2,90 Metern Flügelspannweite zu den mächtigsten Greifvögeln der Welt und war Jahrhunderte lang auch im gesamten Alpenraum daheim. Doch die Greifvögel wurden so gnadenlos gejagt, dass sie Anfang des 20. Jahrhunderts ausgerottet waren. Der Grund war der Volksglaube, dass Bartgeier Schafe und sogar Kleinkinder jagen. Dabei tun sie anderen Tieren und schon gar nicht Kindern etwas zuleide. Denn Bartgeier sind Aasfresser. In den Achtzigerjahren begann man denn auch mit ihrer Wiederansiedlung in den Alpen - erst in den Hohen Tauern, später am Ortler und im Mont-Blanc-Gebiet. Aktuell beträgt die Bartgeier-Population alpenweit etwa 300 Exemplare. Das neue Auswilderungsprojekt in Berchtesgaden, dessen Träger der LBV ist, soll dazu betragen die Lücke zum Balkan zu schließen. Die Süddeutsche Zeitung begleitet die Aktion.

Das Interesse an dem Projekt ist groß. Der LBV hat in der Auswilderungsnische zwei Webcams installiert. Vogelfans können das Geschehen im Internet (www.lbv.de/bartgeier-webcam) live mitverfolgen. "Die Webcams sind ein Riesenerfolg", sagt Wegscheider. "Wir haben Tage mit mehr als 10 000 Zugriffen." Außerdem hat sich eine Fangemeinde im Internet gebildet, die von früh bis spät eine jede Regung oben am Knittelhorn mitverfolgt. Und mit der beginnenden Urlaubszeit wird auch der Andrang an dem Infostand an einem breiten Weg in Höhe der Halsalm größer. Von ihm aus können Wanderer mit Spektiven und Ferngläsern direkt in die nur 800 Meter Luftlinie entfernte Auswilderungsnische hinübersehen.

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Dort üben Wally und Bavaria nicht nur fleißig für ihren ersten Flug. Sie fressen viel und haben deutlich zugelegt. Bei ihrer Auswilderung brachte jedes Weibchen gut fünf Kilo auf die Waage. Wally war etwas leichter als Bavaria. "Inzwischen dürften es bei beiden ein bis eineinhalb Kilo mehr sein", sagt Wegscheider, "schließlich vertilgt jede 500 Gramm Fleisch und Knochen am Tag, das ist mehr als ein adulter Bartgeier." Die Greifvögel sind Aasfresser, sie ernähren sich vor allem von den Knochen von Gämsen und anderen Wildtieren, die bei Muren, Steinschlägen oder im Winter bei Lawinenabgängen getötet werden. "Wally schafft es bereits, 15 bis 20 Zentimeter lange Knochen in einem Stück zu schlucken", berichtet Wegscheider. "Bavaria hingegen frisst lieber große Fleischbrocken."

Fleisch und Knochen werden den Greifvogel-Weibchen weiter frei Haus geliefert. Wegscheider schleppt alle vier Tage bis zu sieben Kilogramm tiefgefrorene Schädel, Vorderläufe und andere nicht verwertbare Teile von Gämsen zu der Auswilderungsnische hinauf. Die Tiere sind im Winter bei der regulären Jagd im Nationalpark erlegt worden. Mitarbeiter haben die Teile, die sonst als Jagdabfälle hätten entsorgt werden müssen, portionsweise für die Bartgeier eingefroren. Die Versorgung von Wally und Bavaria ist eine mühselige Plackerei. Wegscheider muss einen extremen Steilhang 300 Höhenmeter hinauf zu der Auswilderungsnische kraxeln. Auf der Strecke herrscht Absturzgefahr. Außerdem fallen immer wieder Felsbrocken und Steine aus den Wänden des Knittelhorns herunter.

SZ-Serie: Vogelwuid: Wally beim Flügelschlagen. Erst wenn junge Bartgeier sicher 200 Flügelschläge am Tag schaffen, sind sie bereit für den Jungfernflug. Screenshot: LBV-Bartgeierwebcam

Wally beim Flügelschlagen. Erst wenn junge Bartgeier sicher 200 Flügelschläge am Tag schaffen, sind sie bereit für den Jungfernflug. Screenshot: LBV-Bartgeierwebcam

Wally und Bavaria haben auch noch einmal um die zehn Zentimeter Flügelspannweite gewonnen, sie sind jetzt in etwa so groß wie die adulten Bartgeier. Aber nicht nur das. "Ihre schokoladenbraunen Deckfedern sind voluminöser als die erwachsener Tiere", sagt Wegscheider. "Deshalb ist ihre Flügelfläche vergleichsweise groß. Damit sind sie zwar anfangs nicht so windschnittig, aber sie segeln sicherer durch die Luft und können in Ruhe alle möglichen Flügelstellungen ausprobieren." Und sie können die Thermik am Berg besser ausnutzen. "Man muss sich das vorstellen wie die Stützräder bei einem Kinderfahrrad", sagt Wegscheid, "das ist gleichsam Fliegen mit Stützfedern."

Und wie sieht nun so der Jungfernflug eines Bartgeiers aus? "Da ist alles möglich", sagt Wegscheider. "Da gibt es welche, die werden unverhofft von einem Aufwind erfasst, machen ein paar Purzelbäume in der Luft und landen 200 Meter weiter verdattert am Boden." Wegscheider hat aber auch schon junge Bartgeier erlebt, "die souverän den richtigen Moment zum Abheben abgepasst haben, dann sofort die richtigen Steuerbewegungen gemacht haben und nach 500 Metern so gekonnt aufgesetzt haben, als hätten sie das schon zigmal gemacht". Wie auch immer, der Biologe wird von nun auch in einem größeren Umkreis um die Felsnische herum Fleischbrocken und Knochen deponieren - damit Wally und Bavaria auch dann etwas zum Fressen haben, falls sie nach ihrem Jungfernflug nicht gleich in sie zurückfinden.

© SZ vom 05.07.2021
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