Verkehr in Bayern:Mit der Bahn zur EM? Lieber zwei Stunden Puffer

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Fans, die mit dem Zug zu Spielen der Fußball-Europameisterschaft anreisen wollen, sind wahrscheinlich gut beraten, wenn sie zeitig losfahren – wollen sie den Anpfiff nicht verpassen. (Foto: Sven Hoppe/dpa)

Wer zu den EM-Spielen nach München mit dem Zug fährt, sollte lieber deutlich mehr Zeit einplanen – sicherheitshalber. Hochwasserschäden sind derzeit nicht die einzigen Probleme im bayerischen Bahnnetz.

Von Maximilian Gerl

Wer planen sollte, zu den Fußballpartien der Europameisterschaft in München mit dem Zug zu fahren, dem empfiehlt Lukas Iffländer vor allem eines: „zwei Stunden auf die ursprüngliche Planung draufzupacken“. Sicher ist sicher, nicht dass man den Anpfiff verpasst. Und Iffländer hat die Tortur, die man als Bahnfahrer manchmal erlebt, dieser Tage schließlich mitgemacht. Gut zwei Stunden Verspätung hatte sein Zug am Ende, erzählt der stellvertretende Vorsitzende der Fahrgastvereinigung Pro Bahn am Telefon.

Dabei hatten Iffländer und andere Reisende eigentlich noch Glück: Sie kamen an. Andere Verbindungen fielen zuletzt ganz aus. Zu groß waren und sind auf manchen Strecken die Schäden, die das Hochwasser angerichtet hat. Hinzu kommen Personalsorgen – und nun voraussichtlich ein erhöhtes Reiseaufkommen, der EM wegen. Allein 100 000 spezielle „Fan-Tickets“ hat die Deutsche Bahn (DB) bundesweit verkauft. Von einem sich anbahnenden „Chaos“ auf der Schiene ist deshalb bereits öffentlich die Rede.

Sicher ist, dass die Herausforderungen im bayerischen Netz groß sind. Als aktuell vielleicht größter Problemfall gilt die Strecke Würzburg-Nürnberg. Der Regen hat zwischen Dettelbach und Kitzingen die Gleise so stark unterspült, dass der Damm laut DB „stabilisiert und teilweise neu aufgebaut werden“ muss. Manche Fernverkehrszüge werden deshalb umgeleitet, andere wurden gestrichen. Statt der Regionallinie RE 10 fahren zwischen Kitzingen und Würzburg Busse. Die Bauarbeiten werden nach derzeitigem Stand bis 24. Juni dauern. Bis gar 1. Juli ist laut einem Info-Portal der DB die Behebung eines Hangrutsches zwischen Buchloe und Memmingen terminiert. Die Fernverkehrszüge von und nach Zürich fallen so lange zwischen München-Lindau-St. Margrethen (Schweiz) aus; stattdessen pendeln Busse zwischen Lindau-Reutin und dem Zentralen Omnibusbahnhof an der Münchner Hackerbrücke. Auch im Regionalverkehr gibt es Einschränkungen, unter anderem beginnen und enden der RE 72 und der RE 96 in Sontheim.

Und das sind nicht die einzigen Probleme. Im Zuge der Hochwasserkatastrophe könnten sich andere Baumaßnahmen auf der Schiene verzögern – und so für zusätzliche Einschränkungen sorgen. Überdies fehlen Fachkräfte in den Führerständen, Werkshallen und Stellwerken. Unter anderem das Dieselnetz Allgäu und die Südostbayernbahn meldeten zuletzt immer wieder Personalausfälle. Bei der Westfrankenbahn plant man bis voraussichtlich Oktober, einzelne Verbindungen zu streichen. Diese betreffen laut Info-Portal der DB den RE 87 und die RB 88 von und nach Aschaffenburg.

Beim Fahrgastverband Pro Bahn hofft man, dass der Logistikkonzern es zumindest schafft, rechtzeitig auf baustellenbedingte Verzögerungen im Schienenverkehr hinzuweisen. (Foto: Daniel Vogl/dpa)

Nach Werbung fürs „Bahnland Bayern“ klingt das alles weniger. Dabei haben kurz vor EM-Beginn der Freistaat und mehrere Eisenbahnunternehmen ein „Aktionsbündnis“ gegen den Personalnotstand geschlossen. Auf diese Weise wolle man „die Zukunftschancen der Branche noch besser in der Öffentlichkeit platzieren“, heißt es in einer Mitteilung der Bayerischen Eisenbahngesellschaft. Als erste Aktion starte eine Kampagne für Bahnarbeitsplätze, das Motto: „Superjobs“. Mit einer Super-Wirkung ist allerdings bestenfalls langfristig zu rechnen. Die Branche bemüht sich seit Jahren um mehr Personal, durchaus mit Erfolg, allein: Der Bedarf ist riesig. Laut einer Studie fehlen bundesweit mehr als 4000 Lokführer.

Dennoch gibt man sich bei der Deutschen Bahn für die kommenden Wochen optimistisch. Während der EM reduziere man die Bauarbeiten „auf ein Minimum“, teilt eine Sprecherin mit. Die Austragungsstätten verteilten sich außerdem über die ganze Bundesrepublik – und damit verteilten sich auch im Schienenverkehr die Fußballfans „praktisch auf alle mehr als 24 000 Züge, die wir im Nah- und Fernverkehr jeden Tag anbieten“.

Andere sind da skeptischer. Bei Pro Bahn beispielsweise rät man nicht nur zu großzügigen Zeitpuffern – sondern weist auch darauf hin, dass bei Tickets mit Zugbindung selbige entfällt, wenn für den Zug eine Verspätung von 20 Minuten und mehr am Zielort erwartet werde. In diesem Fall dürfe man auf andere Züge ausweichen, sagt Iffländer. Ansonsten hoffe er, dass es „die Bahn hinbekommt“, alle baustellenbedingten Verzögerungen auszuweisen. Teils würden Fahrgäste unzureichend über die Verzögerungen informiert. Dabei sollten zeitnahe Fahrplan-Updates „in unseren technischen Zeiten schon möglich sein“.

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