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Autokinos:Ein Stück neue alte Freiheit

Autokino Landshut

Das Autokino in Landshut wird vom Passauer Eventmanager Nicolas Nagel betrieben.

(Foto: Everlasting Entertainment)

Es hat gedauert, bis der Freistaat Autokinos genehmigt hat - doch nun werden auf Festplätzen und Parkflächen die Leinwände aufgebaut. Von dreien, die den Kinosommer in Corona-Zeiten retten wollen.

Von Viktoria Spinrad

Langsam umkreisen die beiden Männer, die nun alles kaputt machen könnten, das Hoffnungsobjekt des Kinosommers. Drücken mit den Fingern prüfend in die Leinwand, blicken hoch, deuten auf die vier riesigen Gewichte am Boden, die das acht Meter hohe und 250 Kilo schwere Ungetüm sichern sollen. Nicolas Nagel steht da, tritt nervös auf der Stelle, hängt der 30-Jährige doch vom Urteil der beiden Männer ab, damit sein Projekt klappt. Fast 100 000 Euro hat er dafür investiert und viel Zeit und Nerven.

Ein Nachmittag Mitte Mai auf dem Straubinger Volksfestplatz. In wenigen Stunden soll die Premiere von Nagels neuem Autokino beginnen, mit dem Tarantino-Klassiker "Pulp Fiction". Fehlt nur noch die Abnahme. Und die gestaltet sich komplizierter als gedacht. Weil die Männer vom Bauamt unsicher sind, ob zwölf 1000-Liter-Wassertanks zur Halterung der Leinwand tatsächlich genügen. Deswegen wollen sie sich erst einmal mit dem TÜV kurzschließen. "Wird scho passen", sagt Nagel, als die beiden Männer abziehen.

Nicolas Nagel

Dank des Neulings Nicolas Nagel, 30, werden Filme nun auch erstmals in einem Autokino in Straubing gezeigt.

(Foto: Viktoria Spinrad)

In Bayern mussten Filmfans lange neidvoll dabei zuschauen, wie die von der Quarantäne Gebeutelten in Höxter, Hoyerswerda und Heilbronn mit ihren Autos auf die Freiflächen strömten, um sich dort dem Filmgenuss hinzugeben. Doch seit mit den plötzlichen Lockerungen Anfang Mai auch in Bayern Autokinos grundsätzlich erlaubt sind, ziehen nun Kinobetreiber und findige Veranstalter hierzulande nach, das amerikanische Filmegucken durch die Windschutzscheibe auf die Fest- und Parkplätze des Freistaats zu holen. Allein seit März wurden 13 Radiofrequenzen für die Tonübertragung in die Autos bei der Bundesnetzagentur beantragt, im Laufe des Sommers dürften es noch mehr werden.

Denn wo die eigentlichen Kinos geschlossen sind und in den Biergärten um 20 Uhr die Sperrstunde schlägt, bleiben Autokinos oft die einzige Abendunterhaltung. Was nun dazu führt, dass manche Städte zwischen mehreren Bewerbern wählen können. Egal ob der zurzeit arbeitslose Kinobetreiber, Event-Veranstalter oder der lokale Handballverein: Jetzt möchte jeder ein Stück vom Kuchen abhaben, was nicht selten in einem Konkurrenzkampf endet, wie in der Szene zu vernehmen ist.

Auch Nicolas Nagel hat es als Neuling in der Szene nicht ganz leicht. In der Vergangenheit hat der Passauer mit seiner Eventfirma vor allem Festivals veranstaltet. 2019 sattelte er um, sein neuer Plan: Autokinos. Und nun, ein Jahr später nur, ist sein Wanderkino zwischen Straubing, Landshut und Passau plötzlich das einzig machbare Open-Air-Event. Der Aufwand dahinter ist nicht unerheblich: Da muss Technik aufgetrieben, eine Radiofrequenz bei der Bundesnetzagentur beantragt, Filmrechte gesichert und die Erlaubnis bei der Stadt beantragt werden. Und die kann im Zweifel immer noch ein Veto einlegen.

Etwas leichter haben es zurzeit alte Hasen wie Michael Neidhardt. Der 53-Jährige betreibt seit fast drei Jahrzehnten zwei klassische Kinos in Oberfranken und der Oberpfalz, hat nebenher auch immer wieder Freiluft-Veranstaltungen organisiert. Und weil die Soforthilfen nicht lange helfen, und Neidhardt kein großer Freund des Nichtstuns ist, hat er seine Open-Air-Leinwand aus besseren Tagen aus der Garage geholt. Er hat sie entstaubt, seine Angestellten in Kurzarbeit reaktiviert und ist nach acht Wochen Schließung auf Autokino umgestiegen. "Sonst wirst ja verrückt!", sagt er, zumindest mache man so wieder etwas. Dank ihm kann man in Marktredwitz und Tirschenreuth Actionfilme und Komödien sehen, die zuletzt noch in den Kinos liefen.

Auch das ist ein Thema in der Szene: Weil die Verleiher ihre Neuerscheinungen zurückhalten, bis die klassischen Kinos wieder öffnen, müssen die Veranstalter kreativ werden. Da alte Filme ohnehin Aushängeschild des Autokinos sind, kann man nun vielerorts in Bayern Klassiker wie "Men in Black", "Grease" und die "Rocky Horror Picture Show" anschauen.

Dabei gelten strenge Pandemie-Vorschriften. Maximal zwei Besucher je Auto, Ticketscan durch die Scheibe, Verlassen des Autos nur mit Mundschutz, Verkauf von Speisen und Getränken wenn überhaupt nur mit Vorbestellung. Einheitliche Regelungen gibt es nicht, Erlaubnis und Auflagen obliegen den jeweiligen Behörden. Weil die Vorgaben vage sind, und die meisten noch nie mit Autokinos zu tun hatten, ruft schon mal einer aus dem Straubinger Rathaus in Landshut an und fragt nach, wie es denn dort gehandhabt wird.

Für die Kinobetreiber ist diese Zeit im Großen und Ganzen ja eine wahre Malaise, und wenn man lernen will, worauf es bei der Renaissance der Autokinos nun ankommt, dann kann man Franz Kober in Landshut besuchen. Der 64-Jährige gilt als Pionier der Kinobranche. Mit seiner Firma "Cine Project" hat er mindestens 8000 Kinos ausgestattet, schätzt er, im Dschungel von Burma, in Palästen von Scheichs, im Einkaufszentrum in Uganda; heuer feiert seine Firma ein eher zerknirschtes 25-jähriges Bestehen. Aber immerhin gibt es nun die Autokinos.

Etwa 50 von ihnen zwischen Hamburg, Düsseldorf und Augsburg statte er zurzeit aus, sagt er, plus Projekte in Kasachstan und Usbekistan. Seine jahrzehntelange Erfahrung hat ihn schon manches Problem lösen lassen. Mancherorts sind die spontan ins Leben gerufenen Autokinos aber schon wieder verschwunden, bevor jemand vom örtlichen Bauamt kritische Fragen stellen konnte. Die häufigsten Fehler der Betreiber? "Zu früh beginnen, die Menschen schlecht einparken lassen, LED-Wände statt Projektionen, zu wenig Puffer zwischen den Vorstellungen", sagt Kober.

Ansonsten aber sei das Autokino ja eine simple Angelegenheit: ein Platz, eine Leinwand, Server, Projektor, eine UKW-Frequenz für den Ton - fertig ist das Autokino. So einfach, scheint es, und dann wieder doch nicht. Während Kober erzählt, blinkt sein Handy auf: Es ist Nicolas Nagel in Straubing mit dem Hilferuf, dass man nicht aufbauen dürfe.

Eigentlich gelten Autokinos ja als Spielwiese für Freaks mit tiefergelegten Autos. Nun wird eine ganze Generation aus Mangel an Alternativen in diese Welt der "Knutschkinos" eingeführt, die einst für die amerikanischen GIs hierherkam und etwas Verruchtes mit sich brachte. Wie lang nun die Liaison zwischen den erlebnishungrigen Bayern und dem Mythos der amerikanischen Kulturgeschichte andauern wird? Die drei glauben eher an eine kurze Affäre. "Es wird sicherlich eine Zeiterscheinung bleiben", sagt Kober, der Ausstatter. "Irgendwann wird's wieder langweilig werden", sagt Neidhardt, der Rastlose. Und auch Eventmanager Nagel meint: "Wenn alles wieder aufmacht, wollen die Leute raus." Sie alle warten auf die Erlaubnis für Open-Air-Veranstaltungen - diese hat Kunstminister Bernd Siebler (CSU) für die Zeit nach Pfingsten angedeutet.

In Straubing bekommt Nicolas Nagel dann doch noch einen Anruf von den eifrigen Kontrolleuren: Die Premiere ist freigegeben. Wenige Stunden später fahren sie ein, das 18-jährige Schmusepärchen, der tätowierte Tarantino-Fan, das 40-jährige Geburtstagskind, allesamt Autokino-Neulinge, froh, mal wieder rauszukommen in dieser verrückten Zeit, in der eine geparkte Blechkiste ein Stück neue Freiheit verspricht.

© SZ vom 25.05.2020/vewo
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