A Riesengaudi? Nein, a Riesengaudi macht Johann Schnitzer nicht. Vielleicht a bisserl Gaudi. Höchstens. Ist ja Montag, da geht der 69-Jährige aus Garmisch-Partenkirchen zum Stammtisch. Und dieses Mal kann es gut sein, dass ihn seine Freunde in der Gaststube mehr fragen als sonst. Dass er erzählen muss, wie das so war in München.
Als er, das verdiente Mitglied des Trachtenvereins Garmisch-Partenkirchen, in seiner Festtracht im opulenten Antiquarium der Residenz saß. Als der bayerische Ministerpräsident Markus Söder ihm die Hand geschüttelt und sich bedankt hat. Und als er diese silberne Medaille in die Hand gedrückt bekam.
Man kann Johann Schnitzer jetzt offiziell einen Helden nennen.
Söder nennt ihn jedenfalls so. Und nicht nur ihn. Der Regierungschef sieht sich am Montagmorgen in einem Raum voller Helden. Er sagt, das hier sei „ein ganz besonders schöner Termin“. Und ein ganz besonders wichtiger noch dazu.
Der Ministerpräsident verleiht an diesem Morgen die Bayerische Rettungsmedaille. Eine Auszeichnung für 28 Menschen, die andere unter Einsatz ihres eigenen Lebens gerettet haben. Menschen wie Johann Schnitzer.
Der will das eigentlich gar nicht so, diese mediale Aufmerksamkeit. Kurz nur solle man über ihn schreiben. Ganz kurz. Der langjährige Feuerwehrmann selbst sagt: „Ich habe da etwas gemacht, was nicht alltäglich ist.“
Schnitzers nicht alltägliche Tat ereignet sich am Morgen des 9. November 2023 um kurz vor sieben Uhr. Schnitzer beschreibt sie so: Er ist im Schlafzimmer, als er von draußen einen Hilfeschrei hört. Seine Frau läuft zum Balkon. Kurz danach schreit sie: „Da raufen zwei draußen.“ Schnitzer eilt herbei und ihm wird schnell klar: Einer der beiden hat ein Messer.
Christian Ach, Eslarn; Sonja Bayer, Ingolstadt; Manuel Bruck, Rosenheim; Vicente Caceres Belmonte, Fridolfing; Philipp Ciossek, Regensburg; Alexia Dendere, Roding; Maximilian Dirlenbach, Vierkirchen; Shatana Flandergan, Erding; Josef Freundorfer, Vilshofen an der Donau; Janos Horvath, Deutschlandsberg; Alexander Kirschweng, Freising; Tobias Löcker, Obertaufkirchen; Stembile Mhondoro, Roding; Günter Modzel, Burghausen; Jan-Marco Müller, Valley; Sven Neuwirth, Bruckmühl; Katharina Paul-Schmelter, Ingolstadt; Dominik Saake, Freyung; Felix Schickling, Aschaffenburg; Tanja Schinagl, Hof; Johann Schnitzer, Garmisch-Partenkirchen; Herbert Stadler, Tittmoning; Marlon Tröger, Bamberg; Markus Upsing, Regensburg; Matthias Wambsganz, München; Johannes Weigandt, Oberviechtach; Dominik Wittl, Neumarkt-Sankt Veit; Amanuel Yemane, Lappersdorf
Danach übernehmen beim 69-Jährigen die Instinkte: Er spurtet in die Garage, schnappt sich seinen Wanderstock – ein Ast an dessen unterer Seite zwei Enden abgehen. In Schlafanzug, Hausschuhen und mit seiner Astgabel stellt sich Schnitzer dem Messerangreifer entgegen. Er schlägt ihm die Waffe aus der Hand, schafft es, den Täter gemeinsam mit dem Opfer zu überwältigen. Danach hält Schnitzer den Mann fest bis die Polizei eintrifft.
Er habe nicht viel nachgedacht, sagt Schnitzer. „Es waren mehr oder weniger die Reflexe.“ Der Impuls, helfen zu wollen. Manchmal denke er zurück an den Tag. Schnitzer weiß: Der hätte auch ganz anders ausgehen können. „Mut kann auch in die Hose gehen.“
So aber sitzt er am Montag in der Residenz auf einem der Ehrenplätze. Er hört das Posaunenquartett des Bayerischen Rundfunks. Der Ministerpräsident spricht von „ungeahnten Superkräften“, die die Anwesenden gezeigt hätten. „Sie sind quasi Schutzengel geworden.“
Ja, diese Schutzengel. Priorin Alexia Dendere glaubt, sie waren am 6. April 2025 an ihrer Seite. In den Minuten, diesen entscheidenden Minuten nach dem Anruf. Feuer, Rauch – das hatte ihre Mitschwester Stembile Mhondoro ihr gemeldet.

Die beiden waren in dieser Nacht für das Altenheim des Klosters Strahlfeld in Roding zuständig. Das Feuer war in einem der Zimmer ausgebrochen und drohte, sich in dem Stockwerk auszubreiten. Dendere dachte kurz an Gott – dann erinnerte sie sich daran, was sie beim „fire drill“ im englischen Kloster gelernt hatte: einen Feuerlöscher nehmen und gegen die Flammen kämpfen.
Am Ende werden es drei Feuerlöscher. Dendere und ihre Mitschwester dämmen das Feuer ein, sie bringen dazu noch eine ältere Mitschwester in Sicherheit. Auch deshalb bleibt die ganz große Katastrophe aus. Acht Bewohnerinnen erleiden zwar leichte Rauchvergiftungen, können aber bald wieder zurückkehren. „Wir und der liebe Gott haben das zusammen geschafft“, sagt Dendere.
Und am Montag, da sei der liebe Gott auch bei ihr gewesen. Ein bisschen nervös war Dendere nämlich schon. Sie wusste gar nicht so wirklich, was sie erwartet. Da ist es vielleicht ganz gut, einen Ministerpräsidenten zu haben, der gleichzeitig Medien-Profi ist. Routiniert zeigt Söder den beiden Nonnen, wo die Fotografen stehen. Dann stellt sich der CSU-Politiker dazu und lächelt sein Kamera-Lächeln.
Amelie Aireyu Stein, Regensburg; Ardan Atak, Hepberg; Matthias Bauer, Bayreuth; Jan Baumann, Volkach; Michael Beranek, Karlshuld; Sven Bügel, Harztor; Marc Bühner, Sandberg; Jennifer Burghart, München; Emanuele Ciarrapico, München; Johann Dickl, Passau; Michael Dietrich, Ansbach; Felix Dömges, Düsseldorf; Mario Doti, Karlsfeld; Inken Dreyer, München; Marinus Eisenkolb, Fischbachau; Daniel Erhardt, Bayreuth; Silke Feix, München; Christian Fischl, Ohlstadt; Joachim Freund, Kirchdorf am Inn; Silvana Garone, Karlsfeld; Lukas Gick, Waischenfeld; Katharina Gläßel, Weismain; Christian Gottschalk, Tiefenbach; Gregor Gramm, Schierling; Nadina Hrabia, Ingolstadt; Lucia Jander, Brunnthal; Niklas Jentsch, Frankfurt am Main; Marijo Kraljic, Fischbachau; Herbert Mate, Nürnberg; Eric Meyer, Wiesen; Paul Nonnenmacher, Rutesheim; Florian Partsch, Senden; Andreas Rogg, Senden; Lukas Rottbauer, Kirchroth; Laura Schaffeld, Tübingen; Klaus Schickling, Aschaffenburg; Leonhard Schmidt, Kösching; Mandy Schmidt, Nürnberg; Thomas Schneider, München; Alina Schwarzer, Regensburg; Markus Soldner, Feuchtwangen; Verena Stahr, Eschenlohe; Stefan Stern, Passau; Johannes Unterhitzenberger, Teising; Miriam Unterhitzenberger, Teising; Anna Völlmark, Marktoberdorf; Max Völlmark, Marktoberdorf; Christina Wagner, Mistelgau; Michael Walter, Miltenberg; Peter Wienzl, Neuötting.
Man sieht es oft an diesem Tag. Söder übergibt 28 Rettungsmedaillen. Außerdem zeichnet er 50 Menschen mit der Christophorus-Medaille aus, die Rettungstaten unter besonders schwierigen Umständen vollbracht haben. Ebenfalls eine Rettungsmedaille erhält Katharina Paul-Schmelter. Sie ist gezeichnet von ihrem Einsatz.

Die Schläge haben Spuren hinterlassen. Das linke Auge ist vernarbt. Sie hatte Kopfschmerzen, ein halbes Jahr lang. Sie hält ihre Medaille in der Hand und sagt, die Auszeichnung bedeute für sie, dass sie „nicht umsonst fast zu Tode geschlagen“ wurde.
Paul-Schmelter erhält die Auszeichnung spät. Ihr Fall liegt schon knapp fünf Jahre zurück. Damals beobachtet sie in Ingolstadt, wie ein 23-Jähriger auf zwei 13-jährige Teenagerinnen losgeht. Paul-Schmelter eilt dazu, schreit nach Hilfe und nach der Polizei. Dadurch gerät sie in das Visier des Täters. Er schlägt sie, tritt sie. Solange, bis sie bewusstlos wird. Erst als Anwohner auf das Geschehen aufmerksam werden, lässt der Täter von ihr ab und flüchtet.
Sie blicke heute „mit verschiedenen Gefühlen“ auf den Tag zurück, sagt Paul-Schmelter. Auch mit Gefühlen, die sie nachdenklich machen. Ihre Hilferufe seien quälend lang nicht erhört worden. Erst nach mehreren Minuten kam jemand heraus. Nicht alle haben so schnell reagiert wie sie selbst.


