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Corona-Zeiten:Viele Firmen wollen weiter ausbilden

Ausbildung in der Gastronomie

Egal ob Gastronomie, Handel, Handwerk oder Hotelgewerbe - alle Branchen sind von Einschränkungen der Corona-Pandemie betroffen.

(Foto: picture alliance/dpa)

Die Zwangspause hat viele kleinere und mittlere Betriebe getroffen - und die stellen den Großteil der Ausbildungsplätze. Doch nach dem Neustart wird es wohl mehr Lehrstellen als Bewerber geben.

Als sie dachte, jetzt kann sie ihre Lorbeeren ernten, war plötzlich Schluss. Eigentlich wollte Anna Huber unbedingt ihr drittes Lehrjahr im Verkauf machen, um als Einzelhandelskauffrau auch eine Abteilung leiten zu können. Doch als sie ihren Chef im Möbelhaus fragte, wie es ausschaut, hieß es plötzlich: nein, wegen Kurzarbeit dürfe der Betrieb keine weiteren Kosten aufbauen. Nun schreibt die 20-Jährige, die eigentlich anders heißt, bis spätabends Bewerbungen. Kein Wunder: Kommt sie nicht anderweitig unter, ist sie in zwei Wochen ohne Job.

Die Zwangspause in vielen Betrieben und Schulen hat auch die Ausbildung durcheinandergewirbelt. Geschlossene Berufsschulen, abgesagte Azubi-Messen, Betriebe in Kurzarbeit - die Krise traf viele kleinere und mittlere Betriebe. Und die stellen den Großteil der Ausbildungsplätze. Entsprechend groß war die Sorge, dass die Rezession auch eine Nachwuchskrise auslöst und den Fachkräftemangel noch weiter befeuert.

Tatsächlich sind Firmen in den gebeutelten Branchen wie dem Verkauf noch zaghaft: Hier gibt es zurzeit zehn Prozent weniger Ausbildungsangebote als im Vorjahr. Insgesamt aber ist in der Ausbildungsszene ein vorsichtiges Aufatmen zu vernehmen: Viele bayerische Firmen wollen offenbar weiterhin ausbilden.

Das legen zumindest erste Zahlen nahe. Demnach gab es heuer im Mai zwar neun Prozent weniger Ausbildungsstellen - aber auch 7,2 Prozent weniger Bewerber. Sprich: Sowohl die Firmen als auch die Schulabsolventen sind noch etwas zögerlich. Kein Wunder: Viele Betriebe wollen erst einmal sehen, inwiefern der Neustart überhaupt gelingt. Gleichzeitig sind viele Azubis wegen verschobener Prüfungen noch gar nicht zum Bewerben gekommen.

Handwerk - Schreiner

Die Sorge war groß, dass die Rezession auch eine Nachwuchskrise auslöst und den Fachkräftemangel noch weiter befeuert.

(Foto: dpa)

Auch wenn sie wohl noch etwas mehr Flexibilität als sonst mitbringen müssen: Statistisch werden sie immer noch die Qual der Wahl haben. Im Schnitt stehen jedem Schulabgänger in Bayern immer noch 1,7 offene Ausbildungsstellen zur Verfügung - das sind 0,4 mehr als der bundesweite Schnitt. Entsprechend erleichtert zeigt sich Klaus Beier. "Wir hatten am Anfang Schlimmeres erwartet", sagt der Geschäftsführer der Regionaldirektion Bayern der Bundesagentur für Arbeit. Er zählt die Vergleichszahlen vom April auf: Nur 101 aus der Ausbildung gefallene Jugendliche mehr als im Vorjahr, nur 87 mehr, die nicht übernommen worden - und im Mai etwa so viele Stellen wie 2015, also mitten im Wirtschaftswachstum.

Also alles gut? Nicht ganz. Denn da sind ja noch die Sorgenkinder. Arbeitgeber wie Lara Helmig, wenn man so will. Die Veranstaltungskauffrau besitzt eine Eventfirma nahe Regensburg. Motivationsveranstaltungen, Produktpräsentationen, die Eröffnung des neuen Autohauses: Es gab stets so viel zu tun, dass Helmig einen dualen Studenten beschäftigte. Dann kam Corona, das Geschäft lag brach, und als eine neue Auszubildende anklopfte, nahm Helmig sich ein Herz und sagte ihr ab. "Was sollte ich mit ihr machen, wenn ich selber nichts zu tun hab?", fragt sie, und man merkt, dass ihr das Ganze nicht leicht fällt.

In manchen Branchen gibt es nach wie vor mehr Ausbildungsstellen als Bewerber.

(Foto: Catherina Hess)

Für Menschen wie sie hilft auch die neue Ausbildungsprämie nichts mehr. Nachdem Berufskammern Alarm geschlagen hatten, hat der Bund diese in der vergangenen Woche auf den Weg gebracht. Demnach sollen Firmen, die mit großen Umsatzeinbrüchen und Kurzarbeit zu kämpfen haben, aber ihre Ausbildungsplätze erhalten oder sogar ausbauen, staatliche Prämien von bis zu 3000 Euro pro Ausbildungsplatz bekommen. Ein 500-Millionen-Euro-Programm, um Ausbildungsplätze zu erhalten - reicht das?

Nicht, wenn es nach Peter Dörr geht. Er ist Personalleiter in den Häusern des Nürnberger Hoteliers Werner Rübsamen - und macht mit der neuen Prämie kurzen Prozess: Diese sei zwar "nett", aber "kein wirklicher Anreiz", so Dörr. Er sieht andere Stellschrauben, an denen man besser justieren könnte. Zum Beispiel an dem Umstand, dass Arbeitgeber ihre Auszubildenden nach Beginn der Kurzarbeit im Betrieb erst sechs Wochen weiterbeschäftigen müssen, bevor sie auch diese in Kurzarbeit schicken dürfen. Auch, wenn es schlicht nichts zu tun gibt. Er mahnt: "Wir dürfen nicht dafür bestraft werden, dass wir ausbilden."

In einem seiner Einsatzgebiete, dem Ramada Nürnberg Parkhotel, gibt es üblicherweise fünf Auszubildende im Hotelfachbereich und zwei Auszubildende in der Küche, erzählt er. Doch weil noch unklar ist, inwiefern Messen und Geschäftsreisen demnächst wieder anlaufen, hat man im März erst einmal gar keinen Azubi eingestellt. Es tue ihm leid um die jungen Leute, sagt er. Aber es helfe ja nichts, "wenn ich einen einstelle, ihn nicht beschäftigen kann und ihm in der Probezeit wieder kündigen muss", so Dörr.

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Aber für den Ausbildungsmarkt atmen die Experten auf: Lehrstellen wird es auch in diesem Herbst mehr geben als Bewerber.

(Foto: imago)

Während die einen sich aus wirtschaftlichen Gründen noch zurückhalten, fehlen bei manch anderen, die gerne ausbilden würden, die Interessenten: Das altbekannte Thema des Bewerbermangels ist auch in Corona-Zeiten längst nicht vom Tisch. So gibt es beispielsweise in der Metallerzeugung, -bearbeitung und im Metallbau mehr als dreimal so viele freie Stellen wie potenzielle Bewerber. Bis Ende Mai verzeichneten die Handwerkskammern im Freistaat 16,5 Prozent weniger Lehrverträge als im Vorjahr. Deshalb braucht es aus Sicht des bayerischen Handwerks weitere Förderprogramme.

Ein positives Signal dürfte die Ankündigung der Arbeitsagentur in Bayern aufgenommen werden, Unterstützungsmöglichkeiten für Betriebe so großzügig wie möglich einzusetzen. "Wir stehen Gewehr bei Fuß", sagt Beier. Wegen der allgemeinen Verunsicherung rechnet er wie viele mit Verzögerungseffekten. In der Arbeitsagentur bereitet man sich deshalb bereits auf eine Nachvermittlungsaktion vor. Virtuelle Berufsmessen und Videobewerbungen sollen helfen, Betriebe und Schulabgänger auch im Herbst noch zusammenzubringen. Bis dahin dürfte Anna Huber längst in einem anderen Betrieb untergekommen sein.

© SZ vom 29.06.2020/vewo
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