Wirtschaft in Bayern:"Der Wettbewerb um Lehrlinge ist schwieriger als der um Kunden"

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Wirtschaft in Bayern: Handwerksberufe, wie etwa das Maurerhandwerk, müssen für junge Menschen ansprechend vermittelt werden, damit sie sich für eine solche Ausbildung interessieren.

Handwerksberufe, wie etwa das Maurerhandwerk, müssen für junge Menschen ansprechend vermittelt werden, damit sie sich für eine solche Ausbildung interessieren.

(Foto: Waltraud Grubitzsch/dpa)

Jahr für Jahr gibt es im Handwerk mehr offene Stellen als Bewerber. Betriebe und Politik wollen deshalb mehr tun, um Nachwuchs zu gewinnen. Warum auch "Fridays for Future" dabei eine Rolle spielt.

Von Maximilian Gerl und Johann Osel

Wie alle drei Jahre bauen auch diesmal wieder Max Heimerls Lehrlinge alleine ein Haus. Die angehenden Mauerer vom ersten bis dritten Lehrjahr studieren die Pläne, besorgen die Kellerarbeiten, verlegen die Grundleitungen, ordern Beton, der dann pünktlich verbaut werden muss, bevor er hart wird. Derzeit ist bei dem "Lehrlingshaus" in Regenstauf der Innenausbau dran. "Das ist eins unserer schönsten Projekte", sagt Heimerl, Chef einer gleichnamigen Baufirma in Schönthal (Landkreis Cham). Und eines, das sich seiner Schilderung nach für alle Beteiligten auszahlt: für die Lehrlinge, die mit Freude über so viel Vertrauen bei der Arbeit seien und am Ende auch selbständiger - und für die Firma, unter anderem als Marketinginstrument. "Der Wettbewerb um Lehrlinge ist schwieriger als der um Kunden", sagt Heimerl.

So gesehen befindet sich Max Heimerl Bau in einer hervorragenden Lage. Vier neue Maurerlehrlinge hat das Bauunternehmen gefunden - in früheren Jahren waren es im Schnitt zwei. Bei vielen Kollegen schaut es da nicht so gut aus. Überhaupt klagen bayerische Unternehmer schon seit Langem über die schwierige Nachwuchssuche. Und die Uhr tickt, wieder einmal: Die Wochen von Pfingsten bis Ende Juli gelten als heiße Phase, bald verschwinden die Schulabgänger in den Sommerferien und tauchen erst im Herbst zum Start des Ausbildungsjahres wieder auf.

Die Folgen der Pandemie haben mancherorts die Nachwuchsnöte sogar verschärft. In den vergangenen beiden Jahren fielen coronabedingt Praktika und Berufsmessen aus, hatten Betriebe wie Interessenten Probleme, überhaupt voneinander zu erfahren. Seit diesem Frühjahr aber ist wieder mehr möglich, genauer: "Präsenz", sagt Christian Gohlisch, der den Bereich Berufsbildung bei der Handwerkskammer für München und Oberbayern verantwortet. Unternehmen könnten zum Beispiel wieder an die Schulen gehen und auf sich aufmerksam machen. Das funktioniere besser als über Online-Plattformen und "zeigt, wie wichtig die Berufsorientierung in der Schule ist". Auch Jobmessen haben zuletzt bayernweit wieder stattgefunden.

Pandemiebedingt seien Lehrinhalte nur in Teilen vermittelt worden

Die ersten Zahlen spiegeln die neuen alten Zeiten nur eingeschränkt wider. 11 548 neue Lehrverträge zählten sie bis Ende Juni bei den bayerischen Handwerkskammern, das entspricht gegenüber dem Vorjahr einem Plus von 0,2 Prozent. Die Regionaldirektion Bayern der Agentur für Arbeit hingegen meldet in ihrem jüngsten Bericht branchenübergreifend rund 56 200 Interessierte, etwas weniger als 2021. Der Rückgang bereite "ein wenig Sorgen", heißt es im Bericht. Wichtig sei nun, vor allem diejenigen zu erreichen, "die nicht wissen, was sie nach der Schule machen möchten; sie dürfen uns nicht verlorengehen".

Doch mehr Präsenz allein reicht nicht, um dem Nachwuchsmangel zu begegnen. So verzeichneten zum Start des Ausbildungsjahres 2021/22 Bayerns Jobcenter und Arbeitsagenturen 15 609 offene Ausbildungsplätze. Dabei waren wegen allerlei Corona-Ungewissheiten noch einmal deutlich weniger Stellen als sonst gemeldet worden. Hinzu kommt, dass neben der Vermittlung von Lehrstellen auch die Ausbildung selbst mancherorts unter der Pandemie gelitten hat. Wie, ließ die Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbunds Bayern im vergangenen Jahr durch Umfragen ermitteln. Demnach machte sich ein Drittel der Befragten Sorgen, die Ausbildung nicht erfolgreich abschließen zu können: Pandemiebedingt seien Lehrinhalte nur in Teilen vermittelt worden. 24,3 Prozent der Befragten wurde zeitweise gar die Ausbildungsvergütung gekürzt, während fast 80 Prozent wöchentlich bis zu fünf Überstunden machen mussten. Werbung, die Lust macht aufs Arbeiten, hört sich anders an.

Der demografische Wandel ist das größte Problem

Die größte Herausforderung bleibt der demografische Wandel. Durch ihn gehen tendenziell mehr Menschen in den Ruhestand, als Schulabgänger nachrücken. So gut wie alle Branchen klagen deshalb neben Nachwuchs- besonders über Fachkräftemangel. Ein wenig lässt sich zwar über die Digitalisierung gegensteuern, doch am Ende geht es oft ohne Menschen nicht, ob in der Pflege oder beim Fliesenlegen. "Es wird auch dieses Jahr wieder mehr offene Stellen als Lehrlinge geben", sagt Gohlisch. Trotzdem sieht er "positive Signale": Auffällig sei zum Beispiel, dass immer mehr Menschen mit Hochschulreife den Weg ins Handwerk fänden, "eine Entwicklung, die man so nicht glauben würde". Doch Abgänger von Gymnasium und Fachoberschule machten inzwischen gut zwölf Prozent der bayerischen Neu-Lehrlinge aus.

Ein Mentalitätswandel, mehr gesellschaftliches Renommee für die Berufe - das beschäftigt diese Woche auch die Internationale Handwerksmesse in München. Ministerpräsident Markus Söder (CSU) forderte, dass der Besuch der Meisterschule wie ein Studium kostenlos sein solle; seine Staatsregierung plane zudem einen Tag des Handwerks an den Schulen. Der Präsident des Bayerischen Handwerkstages, Franz Xaver Peteranderl, beklagte "falsche Vorstellungen", wie man im Handwerk heutzutage arbeite. So müsse man jungen Leuten und vor allem Frauen besser vermitteln, dass sie im Handwerk, "die Energiewende vom ersten Tag an umsetzen" könnten. Auch Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) nennt es einen "schlauen Ansatz, die Klimakrise ins Zentrum der Kampagne zu stellen". "Fridays for Future" führt demnach "direkt in die Handwerksausbildung, wenn man das ernst nimmt".

Dass man sich im Kampf um den Nachwuchs schon etwas einfallen lassen muss, sieht auch Max Heimerl so. Jeder seiner Lehrlinge bekommt auch deshalb ein Firmenauto. Da die meisten noch nicht volljährig sind, ist das "Azubi-Mobil" auf 45 Kilometer pro Stunde gedrosselt und kann mit dem Mofa-Führerschein gefahren werden. "Das schaut fetzig aus", sagt Heimerl, und die Eltern freuten sich, wenn die Kinder im Winter nicht mit dem Moped in die Arbeit fahren müssten. Das Wichtigste aber aus seiner Sicht: Wertschätzung, Willen, den jungen Menschen etwas beizubringen - und ein guter Ruf. Die Lehrlinge kämen alle aus der Gegend, sagt Heimerl, da spreche sich schnell rum, "ist das eine gescheite Firma oder nicht".

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