„Eine echt gute Bilanz“ haben die Beteiligten mitgebracht. So sieht das Markus Schmitz, Chef der bayerischen Arbeitsagenturen – vor allem „in diesen Zeiten“, die wirtschaftlich so schwierig sind. Denn von den mehr als 94 000 Ausbildungsstellen, die bayernweit gemeldet wurden, konnten bis Ende September rund 80 500 besetzt werden. Und den offengebliebenen standen nur 1800 Interessenten gegenüber. Dass die Unternehmen weiter in Ausbildung investierten, sagt Schmitz, sei „nicht selbstverständlich“.
Tatsächlich droht die Wirtschaftsflaute alte Gewissheiten zu kippen. Auch im Bereich der Ausbildung: In Berlin etwa sind statt der Ausbildungsstellen, so wie man es seit Jahren gewohnt ist, inzwischen die Azubis in der Überzahl. So weit ist es zwar in Bayern lange nicht. Trotzdem überlegen sich Firmen eher fünf- als dreimal, ob sie sich gerade einen Lehrling leisten können. Gut 5100 Azubistellen weniger als im Vorjahr wurden den Arbeitsagenturen gemeldet.
Womöglich werde man da auch in Bayern weiter „Federn lassen“, so formuliert es Schmitz. Zu schwarz wollen er und die Bilanzbeteiligten die Zukunft an diesem Donnerstag trotzdem nicht malen. Einmal im Jahr laden die Regionaldirektion der Bundesagentur für Arbeit, Kammern, Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft, Gewerkschaften und Staatsregierung zu einem Blick auf den Ausbildungsmarkt ein. Von einem „Familientreffen“ ist dann gerne scherzhaft die Rede, das diesmal beim Münchner Klima- und Kältetechniker Luka stattfindet – und bei dem es normalerweise viel um die Vergangenheit geht, um Statistiken zum einige Wochen vorher gestarteten Ausbildungsjahr.
Doch in diesem Jahr ist da die Gegenwart. Gerade in der Industrie ist die Stimmung mies. Und die Zahlen, die parallel zum Treffen über den bayerischen Arbeitsmarkt publik werden, sind nicht erheiternd. Die Arbeitslosenquote für den Oktober ist im Vergleich zum Vorjahr um 0,2 Punkte auf 3,9 Prozent gestiegen. Es wurden 21 083 Arbeitslose mehr gezählt, ein Plus von 7,4 Prozent. Dazu wurde bis Juli in gut 51 000 Fällen Kurzarbeit realisiert, eine Zunahme um 19 Prozent.
Unternehmen bemängeln Soft Skills
Angesichts dessen wirkt die Lage bei den Azubis stabil. Vor allem aber die Industrie- und Handelskammern beobachten, dass die Konjunktur auf die Zahl der Ausbildungsstellen durchschlägt. Und sie sehen noch eine weitere Herausforderung: Defizite bei den sogenannten Soft Skills. In einer Kammerumfrage bemängelten 84 Prozent der Unternehmen, dass Bewerberinnen und Bewerbern Belastbarkeit, Disziplin und Engagement abgehe. Bei der Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbunds weist man hingegen auf die Widersprüche hin, mit denen sich Azubis konfrontiert sähen: Von ihnen würde erwartet, flexibel bei der Ausbildungswahl zu sein – während sie in Ballungsgebieten kaum Wohnungen fänden, die sie sich von ihrer Vergütung leisten könnten.
Absehbar ist zudem, dass die berufliche Orientierung in der Schule noch wichtiger werden könnte. Denn die Wirtschaft braucht junge Menschen – nur vielleicht öfter in anderen Jobs. Schon der demografische Wandel, sagt Schmitz, mache Ausbilden weiter erforderlich. Und Gastgeber Ralf Weisheit weist darauf hin, dass es auch Firmen gebe, denen es gut gehe. Seiner zum Beispiel. Luka wirbt unter anderem mit einem Zuschuss zum Führerschein um künftige Fachkräfte; mit betrieblicher Altersvorsorge, Prämien für gute Leistungen und einem Instagram-Account, auf dem zu sehen ist, „dass bei uns nicht nur gearbeitet, sondern auch gefeiert wird“. Weisheits Bilanz: Momentan beschäftigt er 29 Azubis.

