Studie des DGBZufrieden, aber schlecht bezahlt: So geht es den Azubis in Bayern

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Eine Auszubildende im Friseurhandwerk übt an einem Puppenkopf.
Eine Auszubildende im Friseurhandwerk übt an einem Puppenkopf. (Foto: Hendrik Schmidt/dpa)

Mehr als die Hälfte der Lehrlinge kann kaum oder gar nicht von der Ausbildungsvergütung leben. Ein Problem: die hohen Mieten. Mancher muss sogar zu drastischen Mitteln greifen.

Von Maximilian Gerl

Mit der Arbeit zufrieden – trotzdem reicht das Geld nicht richtig zum Leben: So erlebt es offenbar eine Mehrheit der Azubis im Freistaat. Das geht aus einem „Ausbildungsreport“ hervor, den die Jugend des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) Bayern an diesem Mittwoch in München vorgestellt hat.

Demnach gefährdeten unter anderem „finanzielle Belastungen und strukturelle Hürden“ die Ausbildungsqualität, heißt es in einer Mitteilung. Bezirksjugendsekretärin Anna Gmeiner sagte, für viele junge Menschen entscheide nicht die Motivation oder die Eignung über den Einstieg in die Ausbildung – „sondern die Frage, ob sie sich das Leben am Ausbildungsort leisten können“.

Die DGB-Jugend veröffentlicht jährlich einen Bericht, für den bayernweit Azubis über ihre Ausbildungs- und Arbeitsbedingungen befragt werden. An der nun präsentierten Ausgabe für 2025 nahmen nach Gewerkschaftsangaben gut 1300 Lehrlinge teil, die Ergebnisse seien repräsentativ, heißt es. 55 Prozent der Befragten gaben an, nicht oder kaum von ihrer Vergütung leben zu können.

Gut elf Prozent müssen neben der Ausbildung sogar einen Zweitjob ausüben, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. „Die Antworten der Befragten legen den Schluss nahe, dass der Anstieg der Ausbildungsvergütung nicht mit den in den letzten Jahren inflationsbedingt stark gestiegenen Lebenshaltungskosten und Mieten hat mithalten können“, vermerkt der Report.

Entsprechend größer ist das Problem, wo die Vergütung niedriger ist – oder zumindest zu niedrig für die örtlichen Preise. So sagte ungefähr ein Drittel der Auszubildenden im Hotelfach, von der Vergütung selbständig leben zu können. Bei den Tischlerinnen und Tischlern sagten Gleiches nur gut 13 Prozent. Am häufigsten erhielten die Betroffenen Unterstützung durch Familie oder Freunde. Bei 17,8 Prozent – gerade zu Anfang sind viele Azubis noch minderjährig – spielten staatliche Kindergeldzahlungen eine wichtige Rolle.

Dennoch scheint Geld bei der Berufswahl eher nachrangig zu sein. Als wichtigstes Kriterium, warum sie sich für ihren Ausbildungsbetrieb entschieden hätten, nannten gut 60 Prozent der Lehrlinge dessen gute Erreichbarkeit. Als ähnlich wichtig wurden ein gutes Arbeitsklima im Betrieb und die Arbeitszeiten eingeschätzt. Die Höhe der Ausbildungsvergütung schätzten dagegen nur 46 Prozent als bedeutsam ein.

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Auch andere Themenbereiche wurden im Report abgefragt: ob zum Beispiel regelmäßig Überstunden zu leisten seien (für 35 Prozent) oder ob die fachliche Qualität des Berufsschulunterrichts überzeuge (für 56 Prozent). Insgesamt zeigte sich eine deutliche Mehrheit zufrieden. Fast 73 Prozent bewerteten ihre Ausbildung positiv. „Das ist erfreulich und zeigt das Potenzial der beruflichen Bildung“, sagte Gmeiner. Zufriedenheit entstehe dort, wo junge Menschen verlässliche Perspektiven vorfänden.

DGB-Bayern-Chef Bernhard Stiedl verwies darauf, dass ein „stabiles Gesamtangebot an Ausbildungsplätzen“ nicht bedeute, dass alle Jugendlichen die gleichen Chancen hätten. Gerade in ländlichen Regionen sei die Auswahl oft begrenzt – während die Chance, eine Stelle in der Stadt anzutreten, kaum realistisch sei angesichts fehlender ÖPNV-Anbindungen oder hoher Mieten. „Diese Realität sieht man in keiner Statistik, aber sie prägt den Alltag vieler Jugendlicher.“

Angesichts der Ergebnisse des „Ausbildungsreports“ forderten die Jusos per Pressemitteilung unter anderem eine Mindestausbildungsvergütung auf Mindestlohnniveau. „Wer heute in einer bayerischen Stadt eine Ausbildung macht, lebt de facto unterhalb der Armutsgrenze“, teilte Benedict Lang mit, der Vorsitzende des bayerischen SPD-Nachwuchses. Man wolle nicht länger akzeptieren, dass „eine ganze Gruppe junger Menschen konkret einem Armutsrisiko ausgesetzt ist”.

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