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Augsburg:So leben die Menschen in der ältesten Sozialsiedlung der Welt

Ein Sessel und eine Stehleuchte zeigen, wie das Leben in der Sozialsiedlung früher aussah.

(Foto: Fuggersche Stiftungen)

Touristen halten Bewohner der Fuggerei in Augsburg oft für Schauspieler. Nun bieten zwei neue Museen Einblicke in den Alltag der Siedlung.

Auf dem Plattencover hatte sie noch pechschwarze Haare, "Engel muss man gut behandeln" hat sie gesungen und "Karussell meiner Träume". 1971 war das, quasi auf der Straße ist Ilona Barber entdeckt worden. Sie ging nach Hamburg, nahm bei BASF ihre Songs auf, aber die ganz große Karriere ist es nicht geworden. Dass sie gerne auf der Bühne steht, dass sie gesellig ist und mit Menschen kann, das merkt man aber gleich, hier in der sogenannten Herzkammer, einem der beiden neuen Fuggerei-Museen, wo Bewohner private Stücke ausstellen und über ihre Geschichte erzählen: Ilona Barber hat für das Projekt gerne aus ihrem Leben geplaudert und die einzig verbliebene Platte mit ihren Songs zur Verfügung gestellt.

Die Fuggerei in Augsburg ist ein touristischer Höhepunkt auf einer Bayern-Reise, die älteste Sozialsiedlung der Welt kennt man auf allen Kontinenten. Es gibt schon ein Museum mit einer historischen Wohnung und Geschichten über die Familie Fugger, es gibt auch den Bunker, in dem das Ausmaß der Zerstörung nach dem Zweiten Weltkrieg dargestellt wird. Nun sind am Sonntag in zwei Wohnungen zwei neue Museen eröffnet worden, die den Besuchern das Leben der Fuggerei-Bewohner näherbringen sollen: Das "Museum der Bewohner" soll zeigen, wie ein Leben trotz Armut gelingt. Das "Museum des Alltags" vollzieht nach, wie sich Armut in den vergangenen 70 Jahren verändert hat - wie haben die Bewohner nach dem Zweiten Weltkrieg gelebt, wie leben sie heute?

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"Jeder Bewohner soll in der Fuggerei eine Heimat finden und ein gelingendes Leben führen können", das hatte Maria Elisabeth Gräfin Thun-Fugger - eine der Nachfahren des Fuggereigründers Jakob Fugger - vor der Eröffnung der Museen bei einem Festakt im Goldenen Saal des Augsburger Rathauses gesagt. Ilona Barber ist dafür ein gutes Beispiel: In einer Artistenfamilie im Zirkus groß geworden, tingelte sie mit Musikern über die Dörfer, wie sie sagt. Zuletzt lebte die 69 Jahre alte Rentnerin ein paar Jahre in den USA und arbeitete in einem Casino, bevor sie nach Deutschland zurückkehrte und schließlich in der Fuggerei ihr Zuhause fand. Bis 1972 wurden nur ältere Ehepaare aufgenommen, heute leben Menschen jeden Alters, auch Kinder und Säuglinge, in der Sozialsiedlung. Barber steht trotzdem für einen Trend: Die Anfragen nach einer Fuggerei-Wohnung steigen seit 2017 sehr stark, ist auf einer der Schautafeln zu lesen. Insbesondere Frauen bewerben sich, die wegen Scheidung oder mangelnder Altersvorsorge von Armut bedroht sind. Die Miete beträgt symbolische 0,88 Euro pro Jahr.

1400 Bewohner lebten seit dem Zweiten Weltkrieg in der Fuggerei, 57 Prozent sind weiblich, im Schnitt bleiben sie 13,9 Jahre in einer der 150 Wohnungen. Seit 1968 gibt es Fernsehgeräte, von 1973 an wurden sukzessive Badezimmer in die Wohnungen eingebaut, davor gab es ein Badehaus. Dies zeigt schon, wie sich das Leben und die Armut verändert haben, es ist komfortabler geworden. Die Alltagsängste, sagt Thun-Fugger, seien trotzdem immer noch da, nur auf eine andere Art existenziell: Heute stellt eben eine kaputte Waschmaschine ein finanziell kaum lösbares Problem dar. Wo früher viele Bewohner Obst und Gemüse in den Gärten anbauten und sogar Hasen hielten, spielt Selbstversorgung dagegen keine Rolle mehr. "Es kommt das auf den Tisch, was Geschmack und Geldbeutel hergeben", heißt es auf einer der Schautafeln im neuen Museum.

In der ältesten Sozialsiedlung der Welt eröffnen zwei neue Ausstellungshäuser. Dort werden multimedial zum einen die Bewohner und zum anderen deren Alltagsleben vorgestellt.

(Foto: Fuggersche Stiftungen)

Ilona Barber freut sich, dass es die beiden Museen jetzt gibt. Es sei nämlich so, sagt sie, dass viele Touristen die Fuggerei-Bewohner mit Statisten verwechselten, die tagsüber bezahlt werden, um Leben in der Sozialsiedlung vorzuspiegeln. Sie erkläre dann immer gerne und helfe weiter, aber von nun an können sich Besucher selbst in den Ausstellungsräumen informieren. Unter anderem auch darüber, dass ein Drittel der Bewohner in Voll- oder Teilzeit arbeitet, als Elektriker, als Hausmeister, als Pflegehelfer. Und dass sie hier wirklich leben.

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