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Endlager-Suche:Nördlich der Donau ist in Bayern praktisch alles möglich

Endlager-Suche: 90 Gebiete als geologisch geeignet benannt

Ein Blick in den Empfangsbereich im Zwischenlager für hochradioaktiven Abfall in Gorleben. Ein Endlager wird es dort nicht geben.

(Foto: dpa)

Umweltminister Glauber hatte zuletzt oft betont, dass ein Endlager in Bayern nicht möglich sei, diese Ansicht dürfte auch Ministerpräsident Söder teilen. Doch die bayerische Haltung ist pikant.

Von Christian Sebald

Natürlich haben Ministerpräsident Markus Söder (CSU) und Umweltminister Thorsten Glauber (Freie Wähler) damit rechnen müssen. Dennoch dürften die beiden Politiker nun sehr verärgert sein. Fast ganz Bayern nördlich der Donau soll nach dem Willen der Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) erkundet werden, ob dort ein Standort für eben jenes Endlager möglich ist, in das die hoch radioaktiven Abfälle aus den deutschen Atomkraftwerken gebracht werden sollen. So steht es in dem "Zwischenbericht Teilgebiete", den die BGE vor wenigen Stunden veröffentlicht hat. Glauber hatte in den vergangenen Wochen immer wieder betont, dass aus seiner Sicht ein Endlager in Bayern nicht möglich ist. "Wir sind überzeugt, dass in Bayern kein geeigneter Standort für ein Endlager zu finden ist", sagte der Umweltminister bei jeder Gelegenheit.

Das ist genau der Satz, der auch im Koalitionsvertrag von CSU und Freien Wählern steht. Deshalb darf man fest davon ausgehen, dass Ministerpräsident und CSU-Chef Söder Glaubers Überzeugung teilt, auch wenn er sich erst am Mittag äußern wollte. Die bayerische Haltung ist insofern pikant, als die CSU im Jahr 2017 im Bundestag und im Bundesrat dem jetzigen Vorgehen der BGE ausdrücklich zugestimmt hat. Damals hat sie das neue Standortauswahlgesetz (StandAG) ausdrücklich befürwortet. Damit war zumindest grundsätzlich klar, dass auch große Teile Bayern geprüft werden, ob das Endlager dort errichtet werden könnte.

Experten sind deshalb schon vor Monaten fest davon ausgegangen, dass die BGE nicht wie in den früheren Debatten nur den Bayerischen Wald und das Fichtelgebirge als potenzielle Endlager-Standorte in der Debatte belassen will. Sondern auch viele andere aufnehmen will, an die bisher kein Experte und kein Politiker gedacht hat. Im Prinzip könne es alle Regionen nördlich der Donau treffen, haben die Beobachter immer wieder gesagt.

Das liegt daran, dass nach dem StandAG nun auch Granit als Gestein für das Endlager in Frage kommt. Und zwar Granit, der einerseits nicht absolut wasserdicht ist, so dass die Dichtigkeit des Endlagers erst mit "technischen oder geotechnischen Barrieren" hergestellt werden muss, wie es im StandAG heißt. Und andererseits hunderte Meter tief unter der Erdoberfläche liegt und von Ton, Sandstein oder anderem Material überdeckt ist. Nun sind die Vorhersagen eingetroffen.

Nicht mehr nur Ostbayern und der äußerste Nordosten des Freistaats sind nun wie in den früheren Debatten betroffen. Sondern praktisch ganz Bayern nördlich der Donau. Darunter eben auch solche Regionen, in denen der Granit hunderte Meter im Untergrund unter Ton, Sandstein oder anderem Material schlummern.

Im Bayerischen Wald haben sie die Entwicklung schon früh kommen sehen. Deshalb sind sie dort wenig überrascht von dem Zwischenbericht der BGE. "Natürlich haben wir alle gehofft, dass wir nicht dabei sind und der Bayerische Wald endgültig ausscheidet", sagt Martin Behringer. "Aber man muss realistisch sein. Es war klar, dass sich die BGE die Option für ein Endlager bei uns nicht so schnell nehmen lassen wird."

Behringer ist seit gut 18 Jahren Bürgermeister des 2500-Einwohner-Orts Thurmansbang im Landkreis Freyung-Grafenau. In der Zeit ist er immer wieder damit konfrontiert worden, dass das Endlager für den deutschen Atommüll in seiner Heimat errichtet werden könnte.

In Thurmansbang und andernorts setzen sie jetzt auf die CSU-Abgeordneten in Bund und im Landtag. "Sie müssen sich jetzt klar positionieren, dass unser Granit untauglich ist für das Endlager", wie Behringer sagt. "So wie Glauber das schon getan hat." Das Credo des bayerischen Umweltministers lautet wie das der BGE, dass bei der Standort-Auswahl die Sicherheit des Endlagers an erster Stelle stehen müsse - "und zwar für einen Zeitraum von einer Million Jahren". Aber Glauber ist der Überzeugung, dass technische oder geotechnische Barrieren, die von Menschenhand gebaut werden, diese Sicherheit nicht liefern könnten. "Das wird sich auch im Rahmen der weiteren Untersuchungen zeigen", gibt sich Glauber zuversichtlich.

Genau das ist auch die Hoffnung des Thurmansbanger Bürgermeister Behringer. Der Lokalpolitiker sagt auch: "Vielen bei uns in der Gegend ist ja noch nicht bewusst, was da auf uns zukommen kann. Deshalb müssen wir jetzt zusammen stehen und mit aller Macht klar machen, dass wir ein Endlager nicht akzeptieren."

© SZ.de/infu
Board management members Steffen Kanitz and Stefan Studt of German's Federal Company for Radioactive Waste Disposal (BGE) hold a news conference, in Berlin

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