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Astra-Zeneca-Impfstoff:Ansturm auf Hausärzte in Bayern

Impfen in Arztpraxis

Kleiner Piks, große Hoffnung: Die Staatsregierung will keine Dosis Corona-Impfstoff verkommen lassen und gibt deshalb das von einigen Impfwilligen abgelehnte Astra-Zeneca-Serum für alle Altersgruppen frei.

(Foto: Florian Peljak)

Der Gesundheitsminister gibt das Vakzin für alle ab 18 Jahren frei - und erzürnt damit Hausärzte, die nun mit Anfragen "bombardiert" werden. Viele machen sich Hoffnung auf eine baldige Immunisierung, doch ganz so einfach ist es leider nicht.

Von Florian Fuchs, Dietrich Mittler und Christian Sebald

Wer mit Arzthelferinnen in Hausarztpraxen spricht, hört zunehmend lautes Stöhnen. "Es ist ein Hin und Her", sagt eine. "Seit Corona sind wir durchgehend in einem hohen Stresspegel." Dieser Stresspegel hat sich mindestens für den Donnerstag noch einmal erhöht, das kann etwa Martin Kayser bestätigen, Hausarzt in Schongau. Seit der Ankündigung vom Mittwochabend aus dem Gesundheitsministerium, dass die Impfpriorisierung für Astra Zeneca aufgehoben ist, werde seine Praxis "bombardiert" mit Nachrichten und Anrufen von Patienten, die den Impfstoff wollen. Grundsätzlich, heißt es von einem Großteil der Hausärzte, sei der Schritt schon sinnvoll. Der Zeitpunkt der Ankündigung erzürnt die Ärzteschaft allerdings - denn nächste Woche erhalten die Praxen ausnahmsweise gar keinen Impfstoff dieses Typs. "Das müsste auch der Gesundheitsminister wissen. So etwas Unkoordiniertes sollte man nicht machen", schimpft deshalb Hausarzt Kayser.

Nach der Ankündigung durch Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) können Hausärzte ab sofort alle Erwachsenen ab 18 Jahren mit Astra Zeneca impfen. Die Impfreihenfolge nach Prioritätsstufen für diesen Impfstoff ist aufgehoben. Voraussetzung ist, dass der Hausarzt den Impfwilligen über Risiken aufklärt - und dieser danach die Impfung dennoch wünscht. "Das ist eine pragmatische Lösung, die aus meiner Sicht auch Sinn macht", sagt dazu der Vorsitzende des Bayerischen Hausärzteverbands, Markus Beier. Und von der Kassenärztlichen Vereinigung Bayerns heißt es: "Die Freigabe von Astra Zeneca ist prinzipiell kein schlechter Weg, um der Herdenimmunität näher zu kommen."

Viele Hausärzte gehen allerdings davon aus, dass die Freigabe auf ihren Ablauf bei den Impfungen erst einmal gar keinen großen Einfluss haben wird. "Wir arbeiten weiter unsere Impfliste ab, die schon seit längerem täglich fortgeschrieben wird", sagt etwa Hausarzt Bastian Fischer aus München. "Und da stehen über 60-Jährige vorne." Bisher sollte der Impfstoff auf Empfehlung der Ständigen Impfkommission in erster Linie bei Menschen über 60 Jahren eingesetzt werden. Der Grund ist, dass es in Deutschland und anderen Ländern bei einigen, die mit Astra Zeneca geimpft worden sind, zu Hirnvenen-Thrombosen gekommen ist. Betroffen waren hauptsächlich jüngere Frauen. In Bayern wird Astra Zeneca seit dem 19. April grundsätzlich nur noch von Hausärzten nach Beratung gespritzt. Schon bisher konnte der Wirkstoff auf ausdrücklichen Wunsch auch jüngeren Menschen verabreicht werden, freilich unter Einhaltung der Priorisierung.

Mit der jetzigen Freigabe will die Staatsregierung die Corona-Impfkampagne in Bayern weiter beschleunigen. Denn auch wenn nächste Woche ausnahmsweise kein Astra Zeneca geliefert wird, sollen laut Prognosen die Lieferungen von Mai an deutlich zunehmen. Es werde den Hausärzten so leichter gemacht, jüngeren Patienten den Impfstoff anzubieten - wenn sie denn merken, dass unter den über 60-Jährigen viele den Impfstoff ablehnen, sagt Verbandschef Beier.

Das dürfte auch für Holetscheks Entscheidung eine Rolle gespielt haben. Auf der einen Seite stellen viele Hausärzte gerade bei älteren Impfkandidaten tatsächlich eine gewisse Skepsis gegenüber Astra Zeneca fest, so dass es immer wieder zu spontanen Absagen von Impfterminen kommt. Hausarzt Kayser etwa hatte diese Woche 30 Termine für den Impfstoff ausgemacht, neun Patienten sagten vor der Impfung ab. Für die Hausärzte und ihre Angestellten am Empfang ist es dann oft mühselig, Kandidaten aufzutreiben, die so einen Termin kurzfristig übernehmen. Mit der Astra-Zeneca-Freigabe will die Staatsregierung nun sicherstellen, dass wirklich jede Dosis verimpft wird.

Auf der anderen Seite ist die Nachfrage nach dem Wirkstoff gerade bei jüngeren Menschen riesig. Das hat die Resonanz auf Astra-Zeneca-Sonderkontingente gezeigt, die Anfang April in etlichen Landkreisen ausgegeben wurden. Die Region Hof etwa kam so vor zwei Wochen an 4000 zusätzliche Astra-Zeneca-Dosen, für die sich jeder ab 18 Jahren anmelden konnte - vorausgesetzt die Interessenten leben in der Region. Nach zwei Tagen waren alle Impftermine für das Kontingent reserviert.

"Die Ärzte kennen ihre Patienten gut und wissen, wem sie aus dem Kreis der Unter-60-Jährigen ein Impfangebot mit Astra Zeneca machen können", sagt Minister Holetschek. "Dieses besondere Vertrauensverhältnis wollen wir nutzen, denn jede Dosis Impfstoff muss möglichst rasch verimpft werden." Zahlreiche Hausärzte werben weiterhin für den Astra-Zeneca-Impfstoff. "Das Risiko, Schaden durch Corona davon zu tragen, ist deutlich höher", sagt Hausarzt Fischer. Sein Kollege Kayser aus Schongau dagegen will weiterhin nur Männer unter 60 Jahren mit Astra Zeneca impfen. Bei Frauen sei ihm dies "wegen der bekannten Thromboseereignissen zu gefährlich".

Einig sind sich die meisten Hausärzte darin, dass die Kommunikation des Gesundheitsministeriums verbesserungswürdig ist. Die zahlreichen Anfragen nach Impfterminen laufen nun erst einmal alle ins Leere, da nächste Woche ja gar kein Astra-Zeneca-Impfstoff ausgeliefert wird. Und Hausarzt Kayser erzählt, dass seine Telefonleitung inzwischen so oft blockiert ist, dass sich eine Frau mit akuten Bauchschmerzen selbst ins Auto setzen und bei seiner Praxis vorfahren musste - sie war telefonisch schlicht nicht durchgekommen. "Das alles geht inzwischen teilweise auf die Gesundheit", kritisiert Kayser.

© SZ vom 23.04.2021/van, mmo
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