Die Folgen von „Fast Fashion“Altkleidermarkt in der Krise –Sammelsystem steht vor dem Kollaps

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Das Bayerische Rote Kreuz hat landesweit mehr als 4000 Altkleidercontainer aufgestellt. Viele davon will die Hilfsorganisation nun abbauen, denn mit Altkleidern ist kaum mehr Geld zu verdienen. 
Das Bayerische Rote Kreuz hat landesweit mehr als 4000 Altkleidercontainer aufgestellt. Viele davon will die Hilfsorganisation nun abbauen, denn mit Altkleidern ist kaum mehr Geld zu verdienen.  Marco Einfeldt

Weil mit Altkleidern kein Geld mehr zu verdienen ist, geben viele Firmen und Hilfsorganisationen auf.  Landauf, landab verschwinden immer mehr Container von den gewohnten Standorten und Landkreise müssen sich selbst ums teure Trennen und Entsorgen kümmern.

Von Matthias Köpf, Rosenheim

Bei dem Modell scheint es viele Gewinner zu geben: Die einen haben wieder ein bisschen Platz in ihrem überfüllten Kleiderschrank und ein gutes Gewissen. Die anderen kommen günstig zu brauchbarer Kleidung aus zweiter Hand. Und all die idealerweise gemeinnützigen Organisationen, deren Logos groß auf den Kleidercontainern kleben, nehmen damit Geld für ihre guten Zwecke ein. Doch für sie und ihre Vertragspartner ist das Altkleidersammeln schon seit einer ganzen Weile kein gutes Geschäft mehr.

Im oberbayerischen Landkreis Rosenheim zum Beispiel will das Bayerische Rote Kreuz aus diesem Grund künftig keine Container mehr aufstellen. Auch gewerbliche Sammler haben dem Landratsamt angekündigt, ihre Behälter abzuziehen. Denn was einst allen gute Einnahmen brachte, produziert mittlerweile Verluste. Zu den Verlierern zählen dabei auch die Kommunen. So wird sich der Kreis in Zukunft selbst um die Entsorgung der Altkleider kümmern müssen – und dabei auch selbst draufzahlen.

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Denn die Landkreise sind als sogenannte öffentlich-rechtliche Entsorger zum Sammeln von Müll und bestimmten Wertstoffen verpflichtet, sofern sie niemanden finden, der das auf eigene Rechnung tut. Im Altkleider-Geschäft geht diese eigene Rechnung für viele Firmen und Organisationen aber nicht mehr auf. Zuletzt haben zwei große Unternehmen aus der Branche Insolvenz angemeldet, die auch für gemeinnützige Organisationen Container aufstellen und die Kleider sortieren und vermarkten. Landauf, landab verschwinden immer mehr Kleidercontainer von den gewohnten Standorten.

„Der Altkleidermarkt ist zusammengebrochen.“ So hat Landrat Otto Lederer (CSU) die Lage nun im Rosenheimer Kreisausschuss zusammengefasst. Es sei auch keine Besserung zu erwarten, weshalb der Landkreis ein eigenes Sammelsystem aufbauen müsse. Dazu braucht es aber einen Plan, Personal, Container, Fahrzeuge und einen Verwerter, der dem Kreis die gesammelten Kleider abnimmt. Viele Aufträge werden europaweit ausgeschrieben werden müssen.

Insgesamt braucht es also auch erst einmal Zeit, von sechs bis zwölf Monaten ist in Rosenheim die Rede. So lange sollen dort die bisherigen gemeinnützigen Sammler wie das BRK und der Malteser Hilfsdienst weitermachen. Das haben ihnen die Kreisräte per „Notvergabe“ aufgetragen. Das Defizit tragen dann aber eben nicht mehr die Hilfsorganisationen und Unternehmen, sondern der Landkreis selbst, vorerst geschätzte 340 000 Euro pro Jahr.

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In Stadt und Landkreis Rosenheim mit zusammen mehr als 320 000 Einwohnern ist das BRK mit 230 Containern bei Weitem der größte Altkleidersammler. In guten Jahren habe man damit sechsstellige Summen für die ehrenamtliche Arbeit eingenommen, heißt es vom BRK-Kreisverband. Aber das ist vorbei. Verluste hat das BRK mit dem Kleidersammeln nach Angaben der Landesgeschäftsstelle bisher zwar nirgends gemacht. Dies aber nur deswegen, weil die mancherorts gerade auslaufenden Verträge mit den Sammelunternehmen das ausschlössen. Die Preise pro Tonne Altkleider, die man von den Verwertern bekommen habe, seien aber seit längerer Zeit stetig gesunken. Inzwischen zahlten die Unternehmen drauf und wollten die Zusammenarbeit beenden.

Solche Probleme hat das BRK beileibe nicht nur in Rosenheim, denn das Geschäft mit den Altkleidern ist überregional. In Tirschenreuth in der Oberpfalz sind bereits alle Kleidercontainer des BRK und etliche von anderen Organisationen wie der Feuerwehr abgebaut worden, weil auch dort das Partnerunternehmen die Kooperation beenden will.  Und so sieht sich auch in Tirschenreuth der Landkreis unter Druck, möglichst schnell eine Lösung zu finden.

In Nürnberg hat das Rote Kreuz laut BRK-Pressesprecher Sohrab Taheri-Sohi vorerst einen Teil seiner Container abgebaut, im Ostallgäu würden demnächst wohl alle entfernt und auch in praktisch allen anderen Kreisverbänden werde so etwas derzeit diskutiert.

Ein immer größerer Anteil der Texitilien aus den Containern landet am Ende auf dem Müll und muss für viel Geld verbrannt werden. 
Ein immer größerer Anteil der Texitilien aus den Containern landet am Ende auf dem Müll und muss für viel Geld verbrannt werden.  Marco Einfeldt

Bisher hat allein das BRK jedes Jahr rund 14 700 Tonnen Material aus seinen bayernweit über 4000 Altkleidercontainern geholt. Davon werde etwa ein Fünftel über Kleiderkammern an Bedürftige verteilt oder in den BRK-Kleiderläden verkauft. 30 Prozent des Materials aus den Containern gehe ins Ausland. Dort seien aber wichtige Märkte weggebrochen, etwa wegen des Kriegs in der Ukraine und der Krise im Nahen Osten, sagt Taheri-Sohi. Zudem drängten Anbieter aus Asien auf den Markt, die mit minderwertiger Neuware die Second-Hand-Kleider aus Europa verdrängten. All das sei aber nur ein Grund für den Zusammenbruch des Altkleider-Geschäfts.

Der andere Grund liegt demnach in den restlichen 50 Prozent des Materials aus den Containern. Diese Hälfte nämlich sei schlicht Müll. Zum Teil Hausmüll oder sonstige Substanzen, die nicht in einen Kleidercontainer gehörten und darin auch die eigentlich noch tragbaren Textilien wertlos machten. Und zum Teil von Haus aus untragbare, weil verschmutzte, durchnässte, zerschlissene oder zerrissene Kleider. All das muss aufwendig aussortiert und am Ende als Restmüll verbrannt werden. Die Kosten dafür würden dem BRK nach Kilo in Rechnung gestellt und lägen weit über dem Kilopreis für die Ware.

Eine neue EU-Richtlinie stiftet zusätzlich Verwirrung

Noch einmal verschärft wurde dieses Problem laut BRK-Sprecher Taheri-Sohi Anfang des Jahres durch eine „schlecht kommunizierte“ EU-Richtlinie. Textilien müssten von 1. Januar an getrennt entsorgt werden, hieß es überall. Mit der Folge, dass viele nicht mehr tragbare und verwertbare Textilien in den Altkleidercontainern landeten statt im Restmüll, wo sie nach wie vor hingehörten.

Ganz ähnlich wie das BRK beschreibt auch der Malteser Hilfsdienst (MHD) in Bayern die Lage: Demnach steigen nicht nur die Kosten für die Entsorgung von unbrauchbaren Textilien, sondern auch für die Reinigung von zugemüllten Containerstandorten. Deshalb rufen die Malteser dazu auf, nur tragbare und in Plastiktüten verpackte Stücke einzuwerfen. Wenn ein Container voll ist, sollten Spender die Tüten einstweilen wieder mitnehmen, statt sie einfach danebenzulegen.

Für eine Tonne Altkleider hat der MHD nach eigenen Angaben im Jahr 2001 durchschnittlich 320 Euro und 2013 sogar 425 Euro bekommen. Im laufenden Jahr lag die durchschnittliche Summe bisher bei 103 Euro und im Juni nur noch bei 45 Euro. Als Gründe für diesen Preisverfall nennt der MHD unter anderem ein Überangebot durch steigende Sammelmengen bei stagnierender Nachfrage. Insbesondere in Osteuropa und Afrika brächen Exportmärkte weg, wegen geänderter Regeln und neuen Importbeschränkungen. Dazu komme eine stetig sinkende Qualität der gesammelten Kleider.

„Fast Fashion“ vermüllt den Markt

Denn die  „Fast Fashion“  – extrem auf kurzlebige Moden hin designte, billigst produzierte, qualitativ minderwertige und daher meist schnell wieder aussortierte Kleidung – ist längst auch in den Altkleidercontainern angekommen. Solche Stücke lassen sich aber kaum weiterverwenden und vermarkten.

Das hat auch der Bayerische Landkreistag registriert. Die Interessenvertretung aller 71 bayerischen Kreise prangerte die „Fast Fashion“ schon im Januar an. Verbraucher sollten sich bewusst für hochwertige und langlebige Kleidung entscheiden, weiterhin nur gut erhaltene Textilien in die Sammlung geben und alles andere im Restmüll entsorgen, hieß es da. Denn die seit Anfang des Jahres EU-weit geltende Sammelpflicht für Textilien sei „in Bayern schon lange umgesetzt“, die Recycling-Quote liege weit über dem europäischen Durchschnitt. Das könne aber nur funktionieren, „wenn nicht jedwede Klamotte im Sammelbehälter landet“.

Doch der Appell der Landkreise blieb ungehört – und so werden immer mehr bald selbst Altkleider sammeln müssen. Der Landkreistag rät ihnen ausdrücklich dazu, dazu notfalls eigene Strukturen aufzubauen. „Die karitativen und gewerblichen Sammler haben lange gut von der bestehenden Praxis gelebt. Wenn sie in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht mehr können, ist das bedauerlich“, sagt der zuständige Abteilungsleiter beim Landkreistag, Christian Hofer. Man stehe im Austausch mit dem bayerischen Umweltministerium, um eine gemeinsame Imagekampagne gegen „Fast Fashion“ zu lancieren.

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