Um Allerheiligen herum erwacht im Heimatdorf gerne die Erinnerung an die alte Kath. Sie war eine schrullige Person, erst recht, wenn der November nahte und die Kath in größter Geschäftigkeit verschiedene Gräber herrichtete. Allerheiligen ist ja nicht zuletzt eine Leistungsschau der Grabgestaltung. Gelegentlich gefiel es der Kath jedoch, grobes Unkraut auf die Grabstätten zu pflanzen. Das weckte Irritationen, aber wenn man sie zur Rede stellte, dann verdrehte sie nur die Augen und erwiderte maliziös: „Ach geh, du Rindviech!“
Eines Tages sah es so aus, als sei der Friedhof tatsächlich von Rindviechern heimgesucht worden. Etliche Gräber waren verwüstet, was sich letztlich als das Zerstörungswerk einer Horde von Stallhasen herausstellte. Diese waren aus dem Nachbaranwesen ausgerissen und hatten sich auf der weichen Friedhofserde barbarisch ausgetobt.
Harte Worte und Verdächtigungen machten die Runde, und manche Geschädigte wandten sich in ihrer Not an den heiligen Antonius, dessen Beistand gerne erfleht wird, wenn man etwas verloren hat. Man nennt ihn deshalb auch den Schlampertoni.

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Nebenbei bemerkt, hat das Fest Allerheiligen tatsächlich mehr mit dem Schlampertoni zu tun als mit dem landesüblichen Totengedenken. Ursprünglich standen an jenem Gedenktag die Heiligen und Seligen der katholischen Kirche im Mittelpunkt, mehr als 6000 sind es an der Zahl. Den lieben Gott eingerechnet, wirkt diese Masse an Heiligkeit dennoch eher armselig, vergleicht man sie zum Beispiel mit dem Hinduismus, in dessen Rosengarten sich 330 Millionen Götter tummeln, all die Gurus, Heiler und sonstigen Spezialisten gar nicht mitgezählt.
Genau betrachtet, brachte auch der dem Monotheismus verpflichtete Katholizismus in Bayern Götter in reicher Zahl hervor. Hoch in Ehren stehen bis heute Bauerngötter (Vor Unglück, Seuche und Gefahr, Sankt Leonhard das Vieh bewahr!), Rossheilige (Sankt Wendelin verlass uns nie, schirm unsern Stall, schütz unser Vieh!) und Feuerpatrone (Sankt Florian, verschon mein Haus, zünds andere an!). Ganz zu schweigen von all den Fußballgöttern und Lichtgestalten, die sich gerade vermehren wie die Karnickel.
Der Philosoph George Steiner (1929-2020) hat diese verzwickte theologische Gemengelage trefflich analysiert. Er sagte: „Das hat nichts mit Monotheismus zu tun. Tausende Heilige! Unzählige Reliquien. Bitte! Das ist Polytheismus der offensichtlichsten Art.“
Das Schöne am bayerischen Polytheismus ist, dass er recht sympathisch daherkommt. Der Volkskundler Paul Ernst Rattelmüller hat einmal erzählt, der Schmied von Percha habe in seiner Werkstatt ein Kästlein mit dem Totenschädel seines Meisters aufbewahrt, und immer, wenn ihm ein Stück bestens gelungen war, habe er das Türl aufgemacht und es dem Meister gezeigt.

