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Bayernweite Umfrage:Abiturienten leiden unter Homeschooling

Coronavirus âÄ" Unterricht in einer Schulklasse

Sehnsuchtsort: Älteren Schülerinnen und Schülern, die kurz vor dem Abschluss stehen, fehlen der gemeinsame Unterricht und oft auch die Inhalte.

(Foto: Matthias Balk/dpa)

Sie fühlen sich allein gelassen vor den Bildschirmen zu Hause, gleichzeitig sei der Leistungsdruck höher. Von 17 000 Befragten kommen nur sieben Prozent mit dem Lockdown zurecht.

Von Sabine Buchwald

Die Vier ist keine gute Note, schon gar nicht, wenn es um das Abitur geht. Mit einer Vier aber haben die meisten bayerischen Abiturienten in einer Umfrage die Effektivität des Homeschooling bewertet. Auch ihre "Zufriedenheit mit der aktuellen Situation" hat die Mehrheit nur mit einem "ausreichend" und knapp ebenso viele sogar mit "mangelhaft" ausgedrückt. In der Regel steht es Schülern nicht zu, Noten zu vergeben. Und sie werden auch nicht all zu oft nach ihrer Meinung gefragt. Die Bewertung ihrer außergewöhnlichen Schulsituation scheint vielen aber ein großes Bedürfnis zu sein. Innerhalb von fünf Tagen haben mehr als 17 000 Abiturientinnen und Abiturienten an einer Online-Befragung teilgenommen. Das ist fast die Hälfte der gesamten Schülerschaft, die derzeit in Bayern die 12. Gymnasialstufe besucht. Die Auswertung nach dieser kurzen Zeit zeigt deutlich: Nicht alle, aber die meisten haben Probleme in diesen letzten Monaten ihrer Schullaufbahn.

Initiiert hat die Umfrage Alexander Löher, erster Bezirksschülersprecher Oberbayern West, der selbst in die 12. Jahrgangsstufe eines Münchner Gymnasiums geht. Zusammen mit seinen Freunden Christian Steger und Lenny Christen hat er vergangenen Freitag die Fragen online gestellt. Der Link dazu ging an Schüler- und Stufensprecher und verbreitete sich rasant über Messagingdienste und soziale Medien in ganz Bayern. Das überaus große Interesse hat auch Löher überrascht. "Ich denke, die hohe Teilnehmerzahl macht die Umfrage repräsentativ", sagt der 18-Jährige. Vor allem die psychische Belastung sei enorm. "Viele Schüler fühlen sich allein gelassen vor ihren Bildschirmen zu Hause, sie wissen nicht, wie es weitergeht und was in den Abiturprüfungen auf sie zukommt." Vor allem die Unsicherheit sei belastend, sagt Löher.

Auch wenn die Umfrage nicht von professionellen Soziologen erstellt wurde, die Aussagen sollten die Profis in Schulen und im Kultusministerium ernst nehmen, fordern die jungen Leute. Denn an den Antworten zeige sich, dass ihnen Unterricht wichtig sei und sie die Inhalte vermissten. 86,4 Prozent bestätigten, dass ihnen allein durch die Schulschließung im Frühjahr fachliche Lücken entstanden seien. Nur sieben Prozent gaben an, dass der Lockdown für sie kein Problem darstelle.

Viele Schüler fühlen einen erhöhten Leistungsdruck durch die Pandemie. Fast 70 Prozent gaben an, dass ihnen die zeitliche Bündelung der Klausuren während der vergangenen Pandemie-Monate zu schaffen mache. Ein Punkt von mehreren Komponenten, der sich negativ auf den allgemeinen psychischen Zustand auswirkt. Auf einer Skala von eins bis zehn sollten die Befragten die Stärke ihrer psychischen Belastung angeben. Mehr als 4000 der Teilnehmer sahen sich bei Punkt acht, 2466 bei neun, 2034 gar beim Maximum. Weit mehr als 4000 Schüler sehen sich bislang auch keineswegs ausreichend auf das Abitur vorbereitet.

Vergleichbare Zahlen über die Situation der Abiturienten aus früheren Jahren, sind nicht zur Hand. Sicherlich findet in den Wochen vor den Prüfungen noch viel Stoff Platz in den Köpfen der Abiturienten. Nur wissen wohl viele nicht, was sie alles lernen sollen und haben manches vor dem Bildschirm sitzend nicht ausreichend verinnerlicht. Deshalb wünschten sie sich mehr Transparenz, klarere Vorgaben und eine Eingrenzung des Stoffes. Vor allem aber bestehe der Wunsch nach "Fairness und Vergleichbarkeit", erklärt Löher. "Das Abi 2021 soll kein geschenktes sein."

Mit den vorgegebenen Antworten erreichten ihn viele Konzepte und Vorschläge, etwa der Ruf nach Verschiebung der Abiturprüfungen, die gerade beschlossen wurde. Allerdings sollten die Termine nur so weit verlegt werden, dass Einschreibe- oder Bewerbungsfristen an Unis - auch im Ausland - eingehalten werden können. Auch die Aufhebung des Zentralabiturs wurde gefordert. Die Aufgaben sollten schulintern von den Lehrern gestellt werden können. Nur sie wüssten, was den Schülern beigebracht worden sei. Zudem sei der Wunsch geäußert worden, dass sich die Prüflinge zur Vorbereitung in Arbeitsgruppen zusammenfinden dürfen. Nicht nur virtuell. Denn Schule sei mehr als nur Unterricht, sagt Löher am Telefon während einer Video-Stunde. "Schule bedeutet, Leute sehen, diskutieren, streiten, trösten und lachen."

© SZ vom 22.01.2021/vewo/sim/van
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