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Abitur im G9:Deutsch und Mathe sind Pflicht - eigentlich

Coronavirus - Bayern Abiturprüfung

Die Abiturprüfung heuer - Abstand ist auch ohne Corona Pflicht. Das wird auch im G 9 so bleiben.

(Foto: Peter Kneffel/dpa)

Die Abiturprüfung am neunjährigen Gymnasium soll flexibler werden und eigene Schwerpunkte zulassen. Die Zustimmung von Lehrern, Schülern und Eltern ist groß.

Von Anna Günther

17 Jahre nachdem der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber beschloss, die Zeit am Gymnasium zu verkürzen, um bayerische Schüler schneller auf den Arbeitsmarkt zu schicken, ist die Reform dieser stoiberschen Reform nun abgeschlossen. Kultusminister Michael Piazolo (FW) präsentierte am Mittwoch den letzten Baustein im Konzept des neuen neunjährigen Gymnasiums in Bayern: die Abiturprüfung. Damit sollen nun alle Kritiker zufriedengestellt werden. Der Weg zur Ruhe an den Gymnasien war lang. "Es ist eben nicht einfach, aus dem achtjährigen ein neunjähriges Gymnasium zu machen", sagte Piazolo. Wie seine CSU-Vorgänger wollte er aber nichts von der Rolle rückwärts zum G 9 hören: "In Bayern gibt es keine Rückschritte." Man habe sich halt grundlegend Gedanken gemacht.

Heraus kam die eierlegende Wollmilchsau: Gymnasiasten sollen künftig breite Allgemeinbildung auf hohem Niveau bekommen wie im G 8, aber auch individuell Schwerpunkte setzen und ein Leistungsfach vertieft belegen. Viele Lehrer hatten sich die G-9-Leistungskurse zurückgewünscht. Dazu kommen mehr politische Bildung, mehr Naturwissenschaft und Digitalisierung bei weniger Schulstunden. Die ersten neuen G-9-Abiturienten werden 2026 ihre Prüfung in fünf Fächern ablegen. Drei Fächer werden schriftlich geprüft, zwei mündlich. Vorgeschrieben sind eine Naturwissenschaft oder eine Fremdsprache und ein gesellschaftswissenschaftliches Fach wie Politik oder Geografie. Außerdem sind Mathe, Deutsch und das neue, wählbare Leistungsfach Pflicht. Eigentlich.

Denn anders als im G-8-Abitur sind die Jugendlichen künftig nicht mehr verpflichtet, ihre Prüfung in Mathe und Deutsch schriftlich zu absolvieren. Damit ist ein Stolperstein aus dem Weg geräumt, der viele G-8-Gymnasiasten Punkte kostete - und von der Kultusministerkonferenz (KMK) so gar nicht vorgeschrieben wird. Wer kein Abitur in Deutsch oder Mathe schreiben will, kann künftig in bestimmten Kombinationen die mündliche Prüfung ablegen. Oder gleich "substituieren": Um ein Deutsch-Abitur zu vermeiden, muss die Prüfung dann in zwei Fremdsprachen und Mathe sowie in einer Gesellschaftswissenschaft abgelegt werden. Mathe muss schriftlich abgeprüft werden, das fünfte Fach ist frei. Wollen Schüler Mathe vermeiden, müssen sie stattdessen zwei Naturwissenschaften wählen und schriftlich in Deutsch ihre Prüfung ablegen.

Leichter solle das Abitur damit nicht werden, sagte Piazolo. "Es bleibt bei hoher Qualität mit hohem Anspruch, wie wir es in Bayern kennen." Schließlich müssten Mathe und Deutsch trotzdem in der 12. und 13. Klasse belegt werden, diese Noten zählen fürs Abitur. "Was man sich dafür einkauft, ist nicht einfacher, sondern hat nur einen anderen Fokus", sagte auch Walter Baier, Chef der Direktorenvereinigung. Der Anspruch des bayerischen Abiturs werde weiterhin hoch sein. Baier wirkte wie die anderen Vertreter der gymnasialen Schulfamilie zufrieden. "Es war uns sehr wichtig, die Flexibilisierung reinzubringen, damit Schüler nach Begabungen Schwerpunkte setzen können", sagte auch Susanne Arndt, Vorsitzende der Landeselternvereinigung Gymnasium. Die Oberstufe des G 8 sei "nicht wirklich prickelnd" für Schüler, weil sie alle Fächer belegen müssen.

Landesschülersprecher Joshua Grasmüller nannte das Konzept eine "zukunftsfähige Lösung" und freute sich, dass Schüler wieder in einer Gesellschaftswissenschaft Abitur machen können. Die Schülersprecher hatten jahrelang mehr Stunden für Politik gefordert. Philologenchef Michael Schwägerl nannte die Diskussionen um Details "konstruktiv", die Arbeitsgruppe "harmonisch". Die Verbände in einer Arbeitsgruppe in den Reformprozess einzubinden, war nach Jahren des scharfen Protests ein kluger Zug des früheren Kultusministers Ludwig Spaenle (CSU). Wer mitwirkt, kann nicht motzen. Schwägerl motzte nicht, aber beließ es auch nicht beim Jubel: "Die Arbeit ist nicht zu Ende. Die Frage ist, ob wir genügend Leistungsfächer anbieten können, um die Vielfalt zu bekommen. Bleiben die Kursgrößen überschaubar, um wirklich zu vertiefen?"

In vier Jahren, wenn die ersten G-9-Schüler ihre Abiturfächer wählen, müssen Details klar und zusätzliches Budget für das neue Konzept vorhanden sein. Dahinter steckt eine simple Rechnung: Nur wenn Schulleiter an großen wie kleinen Gymnasien ausreichend Stunden für die neue Oberstufe zu Verfügung haben, können sie viele und kleinere Kurse anbieten, ohne bei den Jüngeren Abstriche zu machen. 1000 Lehrer stellte schon Horst Seehofer in Aussicht, sein Nachfolger Markus Söder legte 450 Stellen drauf. Wann diese Lehrer eingestellt werden, ließ Piazolo offen. Aber er versicherte, nicht bis 2024 zu warten, wenn die ersten G-9-Schüler in die 12. Klasse kommen.

© SZ vom 02.07.2020/aner

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