Wohnen in BayernWarum eine Münchner Großfamilie in den Bayerischen Wald zog

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Die Familie Dorsch vor ihrem Haus im Bayerischen Wald. Von links nach rechts: Maria, Lukas, Theresa, Kilian auf dem Arm von Magdalena, Korbinian, Florian, Mama Steffi und Papa Martin.
Die Familie Dorsch vor ihrem Haus im Bayerischen Wald. Von links nach rechts: Maria, Lukas, Theresa, Kilian auf dem Arm von Magdalena, Korbinian, Florian, Mama Steffi und Papa Martin. (Foto: Marco Einfeldt)

Natürlich waren die Mondpreise für Wohnungen und Häuser der Hauptgrund, München den Rücken zu kehren. Doch was Familie Dorsch in Eberhardsreuth im Bayerischen Wald gefunden hat, lässt sich nicht allein mit Geld bemessen.

Von Patrick Wehner, Eberhardsreuth

An den beiden Hasen vorbeigehen, ohne jedem eine Karotte zum Futtern zu geben: ausgeschlossen. Es ist Freitagvormittag im zugeschneiten Eberhardsreuth, einem Ortsteil des Marktes Schönberg (Landkreis Freyung-Grafenau). Gerade hat Stefanie Dorsch ihre Tochter Theresa vom Schulbus abgeholt. Auf dem 150-Meter-Weg nach Hause kommen sie immer an einem Gehege vorbei, in dem zwei Hasen sitzen. Zwei gut genährte Hasen wohlgemerkt, schließlich werden sie regelmäßig mit Karotten versorgt. Mama Stefanie, 42, nestelt zwei Möhrchen aus dem Kinderwagen hervor, in dem sie ihren jüngsten Sohn Kilian schiebt, und gibt sie Theresa. Die Hasen kommen angehoppelt und holen sich ihre tägliche Ration ab.

Hasenfüttern ist eine der neuen Routinen der Familie, die im Sommer vor einem Jahr ein zweites Leben begann. Familie Dorsch, das sind Stefanie und Martin Dorsch – und ihre Kinder Florian, Korbinian, Magdalena, Theresa, Lukas, Maria und seit vergangenem Jahr: Kilian. Zwei Erwachsene, sieben Kinder. Sie alle haben in München ihre Sachen gepackt oder packen lassen und sind 2024 über 200 Kilometer in den Osten Bayerns gezogen. Ein Schritt, den die Familie nicht bereut. Im Gegenteil.

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„Es ist alles familiärer geworden“, sagt Stefanie Dorsch. „Wir wurden hier in Eberhardsreuth wirklich warm und herzlich aufgenommen.“  Schon während der Bauphase hätten die Nachbarn viel geholfen, in der Gemeinde in Schönberg sei alles unkompliziert gelaufen. Mit der Anmeldung, mit den Schulen, mit dem Kindergarten. Dorsch steht gerade in der Küche ihres Hauses, das das Ehepaar hier letztes Jahr fertig gebaut hat und macht Weißwürste warm, der Rest der Kinder wird schließlich bald eintrudeln.

Eine ihrer großen Sorgen war, sagt Dorsch, dass es schwer werden könnte, Anschluss zu finden. Doch als die Kinder vom ersten Schultag nach Hause kamen, hätten viele von ihnen erzählt, dass sie schon neue Freunde gefunden haben. Mittlerweile sind fast alle im Trachtenverein, einige im Fußballverein, beim Jugendrotkreuz, bei der Kinderfeuerwehr. Das hilft natürlich auch dabei, Fuß zu fassen in einer neuen Umgebung.

Mama Stefanie mit Kilian, Maria und Theresa.
Mama Stefanie mit Kilian, Maria und Theresa. (Foto: Marco Einfeldt)

„Um ehrlich zu sein: Wir hatten am Anfang überhaupt keinen Plan, ob das hier funktionieren kann. Ich habe mir die Option offengelassen, nach München zurückzukehren“ sagt Stefanie Dorsch. In München sind sie und ihr Mann Martin aufgewachsen, auf der Wiesn haben sie sich kennengelernt, die meisten ihrer Kinder sind in der Landeshauptstadt zur Welt gekommen. Deshalb probierten sie es auch zunächst dort, mit dem Leben und dem Wohnen als Großfamilie.

Als die erste Wohnung am zentral gelegenen Kolumbusplatz für das Paar und ihre damals noch vier Kinder langsam zu klein wurde, suchten sie nach Alternativen. Nach größeren Wohnungen, nach Häusern. Erst in der Stadt, dann am Stadtrand, dann im S-Bahn-Bereich. „Wir haben uns mehr als 50 Häuser angeschaut in den vergangenen Jahren“, sagt Stefanie Dorsch. Doch die waren alle einfach viel zu teuer. „Eineinhalb Millionen Euro für ein altes, kleines Haus mit 100 Quadratmetern, in das man noch viel Geld reinstecken muss und nur einen Mini-Garten hat?“. Dorsch schüttelt den Kopf. Und für Genossenschaftswohnungen hätte die Wartezeit Jahre betragen. Hinzu kam noch, dass es keine Kindergärten in der Nähe gab, in die sie alle Kinder hätten bringen können.

Fündig wurde die Familie ein paar Jahre später in Grünwald, in einer etwas größeren Wohnung der Gemeinde. „Dort teilten sich die drei Mädchen und drei Jungs jeweils ein Zimmer“, erzählt Dorsch. Doch das Haus war alt, in einigen Ecken schimmelte es, erzählt sie. „Kein guter Platz für Kinder“, sagt sie. Und dann irgendwann kam Ehemann Martin mit der Idee daher, dass sie doch einfach in den Bayerischen Wald ziehen könnten. Nach Eberhardsreuth. Schließlich kannte er den Ort aus seiner Vergangenheit, hat dort Verwandtschaft. Und genau das taten sie dann auch.

Martin Dorsch kommt in die Küche. Der 43-Jährige, der einen guten Job bei einer Münchner Firma hat und mit seinem Gehalt gerade die Familie ernährt, hat Mittagspause. Dreimal in der Woche kann er, wie heute, im Homeoffice arbeiten. Zweimal allerdings muss er nach München kommen. Das heißt: sehr früh aufstehen, 50 Minuten mit dem kleineren der beiden Autos nach Plattling fahren. Und dann zwei Stunden mit dem Zug weiter in die Stadt. Und das gleiche abends wieder zurück. Kein kleiner Aufwand. Aber das ist es Martin Dorsch wert. Nicht nur, weil er im neuen Haus jetzt einen Holzofen hat, in dem auch gelegentlich ein Schweinsbraten brutzelt. „Natürlich sind damals, am Tag der Abreise, Tränen geflossen. Aber wir haben uns hier schnell frei und im Ort wirklich gut angekommen und angenommen gefühlt“, sagt er.

Florian, 11, darf den Ofen befeuern, in dem hin und wieder auch ein Schweinsbraten gemacht wird.
Florian, 11, darf den Ofen befeuern, in dem hin und wieder auch ein Schweinsbraten gemacht wird. (Foto: Marco Einfeldt)

Und dass die Dorschs hier auf ihre Nachbarn zählen können, ist nicht erst seit dem Hausbau klar. Im Frühjahr fing sich Stefanie Dorsch eine Hirnhautentzündung ein. Sie musste stationär ins Krankenhaus. Martin Dorsch übernahm. Aber als sich kurz darauf ihre Tochter Theresa bei Spielen auch noch kompliziert den Arm brach, war Land unter. „Ich habe unsere Nachbarin angerufen und sie um Hilfe gebeten. Die hat sofort alles stehen und liegen gelassen und sich um die Kinder gekümmert, damit Martin mit Theresa ins Krankenhaus konnte“, erzählt sie.

Man merkt, wie sehr sie diese Hilfsbereitschaft heute noch berührt. Auch eine Verwandte aus der Nähe kam schnell zu Hilfe. „Das war toll, das kannte ich von meiner alten Umgebung in München so nicht“, sagt sie. Und Theresa ergänzt, dass sie im Krankenhaus zur Mama ins Zimmer und dort spätabends noch ihre erste Cola trinken durfte.

Sieben Kinder, viele Schuhe.
Sieben Kinder, viele Schuhe. (Foto: Marco Einfeldt)
Theresa mit ihrem jüngsten Bruder Kilian.
Theresa mit ihrem jüngsten Bruder Kilian. (Foto: Marco Einfeldt)
Korbinian und Lukas beim Fußballspielen im Wohnzimmer.
Korbinian und Lukas beim Fußballspielen im Wohnzimmer. (Foto: Marco Einfeldt)

Mittagszeit, die Schule ist aus. Einer nach dem anderen trudelt ein, der Geräuschpegel nimmt langsam zu. Der 14 Monate alte Kilian, dessen symbolischer Pate übrigens Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ist, wird von seinen Geschwistern im Wohnzimmer herumgetragen, er ist überall dabei. Magdalena deckt den Tisch, Florian, der Älteste, kümmert sich um seine stattliche Bohnenpflanze auf dem Fensterbrett, ein Projekt aus dem Gymnasium, Korbinian und Lukas spielen Fußball im Wohnzimmer.

Stefanie Dorsch stellt den großen Topf mit den Würsten auf den Tisch, grinst und sagt: „Mit jedem weiteren Kind wird man ein Stück entspannter.“ Über manche Dinge sehe man mit sieben Kindern einfach mehr hinweg als mit zwei Kindern. Zum Beispiel, wenn ein Zimmer mal zwei Wochen nicht aufgeräumt wird. Klar, die viel gepriesene Me-Time, also die Zeit für sich selbst, werde mit sieben Kindern deutlich weniger.

Aber dafür seien ihre Kinder auch in vielen Dingen sehr selbständig. Hausaufgaben machen zum Beispiel klappt gut, die Älteren helfen den Jüngeren immer wieder. „Es ist einfach schön, wenn man viele Geschwister hat, dann ist man nie allein“, sagt Magdalena.

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