Historie eines Rohstoffes:Fluch und Segen des Holzes

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Historie eines Rohstoffes: Jede Menge Holz vor der Hüttn: typische Dorfszenerie im Bayerischen Wald.

Jede Menge Holz vor der Hüttn: typische Dorfszenerie im Bayerischen Wald.

(Foto: Freilichtmuseum Finsterau)

Im Bayerischen Wald bilden Bäume die wichtigste Lebensgrundlage. Doch die Holzarbeit brachte Entbehrungen und Gefahren mit sich, wie eine Themenführung im Freilichtmuseum Finsterau eindrücklich zeigt.

Von Hans Kratzer, Finsterau

Obwohl das sogenannte Waldlerhaus einst die Landschaften des Bayerischen und des Oberpfälzer Waldes enorm geprägt hat, wurde diesem Gebäudetyp nach dem Krieg fast komplett der Garaus gemacht. Zum einen, weil diese uralten Holzblockbauten den Erfordernissen der modernen Landwirtschaft nicht mehr genügten. Zum anderen, weil die historischen Häuser an bittere Zeiten erinnerten, als nutzlos und unzumutbar galten und deshalb rasch beseitigt wurden. Aber gerade deshalb sind die wenigen erhaltenen Relikte ganz besondere Denkmäler. Sie sind Zeugnisse des dörflichen Alltags, des Darbens und der harten Arbeit, die der bäuerliche Stand einst geleistet hat.

Darüber hinaus dokumentieren die aus dem 18. und 19. Jahrhundert stammenden Waldlerhäuser großartige handwerkliche Fertigkeiten. In einzelnen Gebäuden steckt sogar noch ein baulicher Kern aus dem 15. Jahrhundert. Die Hauslandschaft war wie überall geprägt vom jeweiligen Klima und von den wenigen vorhandenen Materialien in Zeiten ohne Baumarktherrlichkeit. Im Bayerischen Wald, wo Holz im Überfluss vorhanden war, stellten die Menschen deshalb vorwiegend Holzbauten hin. Die Waldlerhäuser entsprechen in ihrer Form der rauen und schroffen Landschaft. Sie sind als einfache Einfirsthöfe konstruiert. Wohnteil, Stall und Stadel befinden sich in der Regel unter einem Dach und sind nur durch Wände getrennt. Das Dach steht weit über das Haus hinaus, wodurch eine große Fläche entlang der Wände vor Nässe geschützt ist. Damit war ein trockener Lagerplatz, beispielsweise für Brennholz, gewährleistet.

Die Holzhäuser belegen nachdrücklich, dass Holz einer der wichtigsten und vielseitigsten Rohstoffe des Bayerischen Waldes war und nach wie vor ist. Es dient seit jeher als Baumaterial, als Werkstoff für Geräte und Möbel und als Brennstoff. Bis heute beschert es den Menschen dieser Region Arbeit und Verdienst. Aber der Wandel ist unübersehbar. Der Waldführer Hubert Herzig erzählt, in seiner Jugendzeit hätten noch 80 Prozent der Dorfbewohner im Wald gearbeitet. Heute sei es oft nur noch einer.

Die Waldarbeit wird romantisiert, aber sie war anstrengend und mit vielen Gefahren verbunden. Herzig bietet am kommenden Sonntag, 14 Uhr, im Freilichtmuseum Finsterau eine Themenführung an, bei der er auf diese Aspekte näher eingehen wird. Unter anderem wird er vom kargen Leben der "Holzbitzler" sowie von alten Holzwerkzeugen und Verarbeitungstechniken berichten, die langsam in Vergessenheit geraten.

Ein trauriges Kapitel sind die vielen Unfälle, die sich beim Fällen der Bäume oder beim Transport der schweren Stämme ereigneten. Die Bewohner des in den 60er-Jahren aufgelassenen Höhendorfes Leopoldsreut lebten fast alle von der Waldarbeit. Im Sommer fällten sie mit ihren schweren Zugsägen die Bäume, im Winter zogen sie die Stämme dann aus dem Wald und transportierten sie mit ihren Schlitten ins Tal. Tödliche Unfälle blieben dabei nicht aus. Am Lusen etwa, wo es nicht nur steil, sondern alles voller Geröll ist, dort wurde mancher Arbeiter vom Stein erschlagen. Ohne Zusammenhalt wäre eine solche Waldexistenz unmöglich gewesen, sagen die alten Holzhauer. Sie übernachteten in Hütten, ihre Verpflegung bestand aus mit Wasser vermischtem Schrot, aus einem bisserl Speck und Kartoffeln. "Sie hatten durch die knochenharte Arbeit einen Kalorienverbrauch wie heutige Hochleistungssportler", sagt Herzig. Eigentlich waren die Mahlzeiten viel zu karg, die Männer waren ausgemergelt. Auch an Schutzausrüstung war damals nicht zu denken. Motorsägen erhielten die Holzhauer erst in den 60er-Jahren.

Originale, wie man sie heute nicht mehr findet

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Mühsame Handarbeit: Forstarbeiter beim Fällen eines Baums. Erst in den 60er-Jahren kamen die ersten Motorsägen zum Einsatz.

(Foto: Scherl/Süddeutsche Zeitung Photo)

"Sogar die Rohre der Wasserleitungen wurden aus Holz gefertigt", erinnert sich Herzig. Mit langen Bohrern wurden die Stämme händisch durchbohrt, auch das war eine Tortur. Die Weiterverarbeitung des Holzes erfolgte nicht selten in Heimarbeit. "Holzbitzler" hießen jene, die Rechen, Holzschuhe, Holzschaufeln und andere Gebrauchsgegenstände fertigten. Auch die Legschindeln, mit denen die Häuser gedeckt wurden, waren aus Fichtenholz. Sie wurden auf dem Dach mit Steinen beschwert. Die Schindeln hielten 20 bis 30 Jahre. Von der Dämmung des Dachstuhls war damals noch keine Rede. Von 1900 an wurden wegen der großen Brandgefahr die feuerpolizeilichen Anordnungen verschärft. Nun erst setzten sich Schiefer und Dachziegel durch.

Herzig kannte als Bub noch zwei Brüder, die als Schindelmacher in der Dreisesselgegend lebten. Ihre Stube diente ihnen zugleich als Arbeitsplatz. "Das waren noch Originale, wie man sie heute nicht mehr findet", sagt Herzig, der die Liebe zum Holz vom Vater geerbt hat, mit dem er als Bub ständig im Wald herumlief.

Redet man heute mit alten Holzhauern, so äußern sie sich mit Blick auf die moderne Waldbewirtschaftung eher skeptisch. "Wir hatten Achtung vor der Natur", erzählten einige von ihnen dem Fotografen Martin Waldbauer, der sie porträtiert hat. Damals beherzigten sie noch, dass Bauholz nur im Winter geschlagen wurde, bei Neumond. Dieses Holz gilt als widerstandsfähiger. In der Zeit der Holzerntemaschinen spielt das keine Rolle mehr. Den Männern gefällt das nicht, sie halten das für Raubbau.

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