SZ: Wie lange sammeln Sie schon Spukgeschichten?
Karl-Heinz Reimeier: Ich habe im Jahr 1986 mit meiner Arbeit als Heimatpfleger im Landkreis Freyung-Grafenau angefangen. Zunächst bin ich ringsum in den Dörfern unterwegs gewesen, bei den Glasmachern, den Bauern. Ich habe sie über ihre Arbeit und ihre sozialen Verhältnisse befragt. Bei der Gelegenheit wurden solche Geschichten immer mehr oder weniger versteckt erzählt. Es wurden im Lauf der Zeit mehr, und ich habe mich auch mehr und mehr dafür interessiert. Schließlich habe ich begonnen, sie intensiv zu sammeln. Das mache ich seit nunmehr 40 Jahren.
Wie viele Menschen haben Sie in dieser Zeit interviewt?
Ungefähr 200. Ich muss jedes Mal hinfahren, da ist man mitunter einen ganzen Tag lang unterwegs. Inzwischen geht es auch ins Allgäu und nach Österreich, in die Oberpfalz. Oft kommt nichts dabei heraus. Die Menschen können es selbst schwer einschätzen, ob das eine echte Weihrazgeschichte ist oder nicht. Sie fürchten sich halt vor irgendwas. Wenn ich ihnen dann sage, dass das keine Weihrazgeschichte sei, so wie ich mir das vorstelle, dann können sie das manchmal nicht recht verstehen.

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Wodurch zeichnet sich eine echte Weihrazgeschichte aus?
Es ist eine Geschichte, die man sich nicht erklären kann, die aus dem Rahmen normaler Alltagserfahrungen herausfällt. Die Gewährsleute leiden darunter, weil sie Angst haben. Wenn sie es mir erzählen, dann spüre ich, dass sie es echt erlebt haben, auch wenn die meisten Menschen abstreiten würden, dass es so etwas gibt. Ich erkenne es am Gesichtsausdruck, ihren Augen, wenn sie da sitzen und zu weinen beginnen. Und ich merke es auch sofort, wenn jemand eine Geschichte erfindet, nur um in meine Sammlung aufgenommen zu werden.
Was sind das für Menschen, die sich an Sie wenden?
Das hat sich im Lauf der Jahre völlig verändert. Am Anfang waren es zumeist ältere Leute. Mittlerweile werden es aber immer mehr Junge im Alter zwischen 25 und 40 Jahren. Im neuen Band stammen fast 40 Prozent der Geschichten von dieser Altersgruppe. Sie hatten Erlebnisse, mit denen sie nur sehr schwer umgehen konnten.
Warum hat sich der Altersschnitt verändert?
Wenn ich das wüsste. Die Jungen sind nach meinen Lesungen total ergriffen und wollen wissen, ob ich das alles glaube, was man mir erzählt. Nun, ich kenne die Gewährsleute ja vorher meistens auch nicht, aber nach fünf Minuten haben wir eine Frequenz, die passt. Sie berichten mir ihre Erlebnisse, weil sie zu mir Vertrauen haben. Dann entsteht eine Atmosphäre, die so dicht ist, dass man es kaum schildern kann. Das interessiert mich meistens noch mehr als die eigentliche Geschichte. Auf dem Heimweg frage ich mich dann oft, wie die Menschen jahrzehntelang mit den Erlebnissen umgegangen sind, die sie für sich behalten haben.
Sie erzählen es Ihnen zum ersten Mal?
Sehr oft. Meistens haben sie es für sich behalten aus Angst davor, dass sie belächelt werden. Deshalb sage ich bei Lesungen oft: Lacht die Leute nicht aus, hört ihnen lieber zu und nehmt ihnen so den Druck.

Gibt es Erlebnisse, die Ihnen besonders häufig berichtet werden?
Ja, wenn jemand stirbt und danach wieder erscheint, um sich bemerkbar zu machen. Er steht vor dem Bett oder Türklinken gehen auf und ab, oder er erscheint am Fenster, oder man hört ihn die Treppe hinaufgehen und und und.
Haben Menschen, die von Unerklärlichem berichten, bestimmte Persönlichkeitszüge?
Das geht vom Bauern über den Glasmacher bis hin zum Lehrer und Doktor. Jede gesellschaftliche Schicht ist vertreten. Ich war bei drei Frauen, Geschwistern im Alter zwischen 30 und 40. Eine von ihnen hat mich angerufen, ob ich nicht kommen möchte. Ihr Vater sei bereits vor einiger Zeit gestorben, aber er erscheine immer wieder. Sie erschrak und fürchtete sich, weil er so unerwartet kam. Ich bin am Ende drei Stunden bei ihnen gesessen und habe nicht mehr gewusst, wie ich mich verhalten sollte, weil sie alle so intensiv erzählt und auch geweint haben. Die Leute erwarten von mir dann immer Ratschläge. Aber ich kann ihnen nur davon berichten, wie andere damit umgehen: Sie arbeiten mit Pfarrern und Psychologen, aber finden trotzdem oft keine Erlösung von ihrem Leiden.
Was ist aus den dreien geworden?
Ich habe das Gefühl, dass sie eine sehr starke Bindung zum Vater hatten, die über seinen Tod hinaus wirkt. Es geht oft um Trauer und Aufarbeitung. Ob das stattgefunden hat, weiß ich nicht. Ich weiß aber, oder anders gesagt, ich fühle aber, dass ihnen die Aussprache guttat.
Jetzt haben Sie bereits den dritten Band herausgebracht. Gibt es etwas, das Sie noch überrascht?
Eine Geschichte in Passau. Da ging es um ein Massaker an 340 russischen Kriegsgefangenen im April 1945. Das hat mich echt bewegt. Ein Mann, der aus dem Bayerischen Wald stammt, ist mit einem Freund in einer kalten Januarnacht am Inn spazieren gegangen. Nach drei- oder vierhundert Metern konnten die beiden einfach nicht mehr weitergehen. Sie rannten zurück zum Auto und fuhren nach Hause. Als der Mann mir gegenübersaß und davon erzählte, hat er geschwitzt und eine Gänsehaut ist ihm über die Arme gelaufen. Die beiden Freunde wussten danach nicht, wie sie damit umgehen sollten. 35 Jahre später hat er in der Zeitung gelesen, dass an der Stelle Gefangene ermordet worden waren. Seit fünf Jahren steht dort eine Stele. Nun weiß er, was passiert ist. Die beiden hatten etwas gespürt, aber keine Ahnung, was es war. Aber die Auflösung hat ihm mehr zugesetzt als die Ungewissheit.
In der dunklen Jahreszeit ziehen Sie wieder mit Ihren Geschichten durch die Gegend.
Seit September habe ich bereits zwischen 20 und 30 Lesungen absolviert. Egal, wie groß ein Saal ist, er ist immer voll. Ich kann es selbst nicht glauben. Früher war das nicht so. In den Achtzigerjahren sind vielleicht 20 Leute gekommen, aber jetzt ist es voll. Das liegt schon auch an der unsicheren Zeit.

Zweiter Weltkrieg:Das Geisterdorf der Vertriebenen
Binnen weniger Jahre entstand in den Wirren nach dem Zweiten Weltkrieg am äußersten Rand der Oberpfalz an der Grenze zu Tschechien ein kleines Dorf, Bügellohe. Seine Geschichte ist kurz und tragisch.
Was fasziniert die Menschen so am Unheimlichen?
Es ist ein Schaudern, aber anders als bei einem Krimi. Hier findet man einen Ort, an dem das Bedürfnis nach Geheimnis, nach Gemeinschaft und nach Grenzerfahrungen hautnah erlebt werden kann. Das ist aufregend. Wenn das Licht wieder angeht, ist es vorbei. Dann kann man befreit heimgehen.
Es geht um existenzielle Erfahrungen.
Es ist stets ein Phänomen dabei, von dem jemand schon mal etwas gehört hat. Ich frage immer ins Publikum: Ist jemand da, der schon mal im Schlaf von der Drud gedrückt worden ist? Dann melden sich ein paar zaghaft und ich frage: Warum hat sich die Drud auf dich gesetzt, wenn man das alles auch medizinisch erklären kann? Dann heißt es: Nein, es war die Drud! Medizinische Erklärungen werden abgelehnt.
Haben sich schon mal Wissenschaftler für Ihre Geschichten interessiert?
Mich fragen nur die Betroffenen. Ich werde mindestens zwei- oder dreimal die Woche angerufen oder erhalte Mails. Es ist umgekehrt: Ich interessiere mich für die Wissenschaft, um den Hintergründen nachzuspüren.
Was haben Sie aus all den Schilderungen gelernt?
Man muss Distanz bewahren, aber das habe ich bereits als Lehrer gelernt. Doch manche Geschichten treffen mich schon.

Schloss von König Ludwig II.:Nachts in Neuschwanstein
Tausende Besucher schauen sich jeden Tag das Märchenschloss im Allgäu an. Bei Licht. Ihnen bleibt allerdings der Zauber der Räume verborgen, wenn es dunkel wird.
Wenn man akzeptiert, dass Menschen beispielsweise den Tod nahestehender Personen spüren, dann gerät das Weltbild ins Wanken.
Ich kenne einen Fall eines Mannes, er hat berichtet, wenn er ins Wirtshaus geht, dann sieht er, wer als nächster stirbt. Bestätigt wird er darin, wenn er die Todesanzeigen liest. Inzwischen glaubt er es selbst. Er lebt in einem Dilemma: Soll er es den Leuten sagen oder nicht? Er hat beschlossen, dass er niemandem was sagt. Aber er leidet sehr darunter.
Haben Sie selbst Angst vor Erscheinungen?
Nein.
Der Bayerische Wald scheint prädestiniert für dunkle Geschichten.
Es gibt Geschichten, die mit Dunkelheit und Finsternis zu tun haben, in denen es dann beispielsweise ums Licht geht, das den Weg erleuchtet. Doch solche und andere Geschichten erzählt man sich überall auf der Welt in gleicher Weise.
Karl-Heinz Reimeier, Wenn's weihrazt, Geschichten aus der Zwischenwelt, Band 3, Edition Lichtland, 23,80 Euro
Weihraz und Druden
Wenn Waidler sagen, dass es „weihrazt“, dann meinen sie: Es spukt. Der Begriff „Weihraz“ geht offensichtlich auf das mittelhochdeutsche Wort „Weize“ zurück. Im Bairischen Wörterbuch von Johann Andreas Schmeller heißt es, dass mit dem Begriff „die Strafe der abgeschiedenen Seelen“ gemeint ist, aber auch „Höllenspuk“ oder „Geisterspuk“. „Da weizt’s“ bedeutet demnach: „Da ist es nicht geheuer.“ Druden gehören seit Jahrhunderten zu den Hauptdarstellern von Schauergeschichten, nicht nur in Bayern, sondern in ganz Europa. Nachts, so lautet der Volksglaube, setzten sie sich auf die Brust ihrer Opfer und verursachen dadurch Atemnot. Mit einem Drudenfuß beziehungsweise Pentagramm über dem Eingang kann man die Plagegeister vom Haus fernhalten.

