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Fotografie:Gesichter einer fernen Zeit

Martin Waldbauer hat alte Holzhauer aus dem Bayerischen Wald porträtiert. Die Bilder zeigen eindringlich, wie sich harte körperliche Arbeit in die Mienen und Hände der Menschen eingräbt.

Von Hans Kratzer

Vieles von dem, was ein Mensch erlebt und erlitten hat, verraten seine Hände. Oft geben sie mehr preis als hundert erzählte Erinnerungen, wie der aus der Nähe von Hauzenberg stammende Fotograf Martin Waldbauer aus Erfahrung weiß. Seitdem er begonnen hat, die Geheimnisse der Welt durch den Sucher der Kamera zu ergründen, richtet er sein Objektiv mit Vorliebe auf die Hände. Zuletzt hat er alte Männer porträtiert, die einst einen Beruf ausübten, dem Nostalgie anhaftet, obwohl es ihn immer noch gibt.

Die Männer verdienten ihr Brot als Holzhauer im Bayerischen Wald, jahrzehntelang leisteten sie dort harte körperliche Arbeit, bevor die Maschinen in die Wälder eindrangen und die Holzarbeit industrialisierten. Die alten Holzhauer erledigten das Fällen und den Abtransport der geschlagenen Bäume noch allein mit der Kraft ihrer Hände und Arme. Nicht einmal Handschuhe trugen sie dabei. Dementsprechend sehen diese Hände heute aus, Waldbauers Fotografien zeigen sie von Schrunden und Furchen gezeichnet, voller Hornhäute und Risse. Sie beweisen, dass diese Männer keine Arbeit gescheut haben, dass sie hingelangt haben, wie man hier sagt. Speziell aber spiegelt sich deren Leben in den Gesichtern wider, darauf hat sich Waldbauer vor allem konzentriert, als er begann, alte Holzhauer zu porträtieren. Einen Menschenschlag, der den Bayerischen Wald tief geprägt hat.

Gezeichnet von lebenslanger harter Arbeit: Hände von alten Holzhauern und Holzknechten aus dem Bayerischen Wald.

(Foto: Martin Waldbauer)

"Ich bin froh, dass ich das Vorhaben angepackt habe", sagt der 34-jährige Waldbauer, der hauptberuflich als Sozialpädagoge in den Dreiflüsse-Werkstätten in Passau tätig ist und bereits mit seinen Porträts von dort arbeitenden Menschen Aufmerksamkeit erregte. Für das Holzhauer-Projekt wurde es höchste Zeit, denn die meisten Männer sind mittlerweile um die 80 und älter. "Ich wollte ihren Stolz, ihre Würde, aber auch ihre Verletzlichkeit darstellen, und was die Zeit aus ihren Gesichtern und Händen gemacht hat", sagt Waldbauer. Seit gut einem Jahrzehnt dokumentiert er die vielfältigen Schattierungen seiner Waldheimat. Er fotografiert nicht digital, sondern mit alten analogen Kameras. Danach fertigt er 50 x 60 Zentimeter große Handabzüge auf Fotopapieren aus den 1960er und 70er Jahren an, die den Porträts eine faszinierende Tönung verpassen, sie strahlen Erhabenheit aus. "Mir ging es darum, den einen Moment zu erwischen", sagt Waldbauer. Quasi die Zeit kurz anzuhalten, um in die Seele dieser Männer zu blicken.

Kurz, bevor er auf den Auslöser drückte, bat er sie, an die Arbeit im Wald zurückzudenken. Das gelang meistens, auch wenn mancher Holzhauer danach erschrak. "Ja leck, do schau i aber oid aus." Waldbauer entgegnete dann: "Du bist ja aa oid." Von Eitelkeit sind selbst jene Männer nicht ganz frei, die ein bescheidenes Leben im Wald führen. Einer der porträtierten Holzhauer bewirtschaftet in einer Einöde nach wie vor ein Sacherl mit drei Kühen. Obwohl er schon über 80 ist, geht er noch alle Strecken zu Fuß, nur selten steigt er auf sein Moped um. Viel weiter als bis nach Freyung ist er selten gekommen. "Darf ich dich fotografieren?", fragte Waldbauer ihn. "Ja freile!", antwortete der alte Mann. Waldbauer erwartete Misstrauen, stets war das Gegenteil der Fall.

In den schneereichen und extrem kalten Waldwintern von früher war die Arbeit mit Handsäge und Axt eine Plage. Motorsägen erhielten die Holzhauer erst in den 60er Jahren. Vier Männer teilten sich eine solche Säge. Beim Karteln am Abend spielten sie aus, wer sie am nächsten Tag bekam. Ihre Stundenleistung lag bei ein bis drei Festmeter pro Mann. Heute schafft ein Arbeiter maschinell 20 Festmeter. Die moderne Technik räumte auch die alten Waldmythen beiseite. Früher schnitten die Holzhauer in den Wurzelstock drei Kreuze hinein, sie sollten Rastplätze für die armen Seelen der zu Tode gekommenen Kollegen markieren. Es passierten ja viele Unfälle, am Lusen etwa, wo es steil ist und alles voller Geröll, dort wurden Arbeiter vom Stein erschlagen.

Ohne Zusammenhalt wäre eine solche Waldexistenz unmöglich gewesen, sagen die Männer unisono. Sie übernachteten in Hütten, bei karger Verpflegung, die oft aus mit Wasser vermischtem Schrot und Brot bestand. Auch an Schutzausrüstung war damals nicht zu denken. Trotzdem äußern sich die alten Holzhauer beim Blick auf die heutige Waldbewirtschaftung skeptisch. "Wir hatten Achtung vor der Natur", erzählten sie Waldbauer. Bauholz wurde nur im Winter geschlagen, bei Neumond. Dieses Holz war widerstandsfähiger. Nur bestimmte Bäume wurden entnommen, wenn es für sie an der Zeit war. In der Zeit der Holzerntemaschinen spielt das keine Rolle mehr. Den Männern gefällt das nicht, sie halten das für Raubbau, "diese Haltung hat mich total beeindruckt", sagt Waldbauer.

© SZ vom 02.01.2021/syn
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