Bayerischer Verdienstorden Das Kreuz des Südens

Bayerns höchster Orden: Weil Frauen bei der Vergabe des Kreuzes am weiß-blauen Bande stärker berücksichtigt werden sollen, ist die Zukunft weiblich.

Von Ulrike Heidenreich

Über den Zahnarzt von Horst Seehofer ist bislang wenig bekannt. Sollte es sich dabei aber um eine Frau handeln, könnte sie sich jetzt schon gute Chancen ausrechnen, demnächst den Bayerischen Verdienstorden zu erhalten. Immer vorausgesetzt natürlich, der bayerische Ministerpräsident setzt ähnlich schmerzfrei die Tradition seiner Amtsvorgänger Franz Josef Strauß und Edmund Stoiber fort.

Deren Zahnarzt Sanih Savdir - wohl wegen erfolgreicher Mundpropaganda hatten beide Ministerpräsidenten denselben - wurde immer mal wieder für seine offenbar gelungenen Zahnplomben geehrt, zuletzt 2007 durch Stoiber mit dem weiß-blauen Verdienstorden.

Und das mit der Zahnärztin verhält sich so: Weil Frauen bei der Vergabe des Kreuzes am weiß-blauen Bande stärker berücksichtigt werden sollen, ist die Zukunft weiblich. Zu sehen an diesem Donnerstag, wenn Seehofer im Antiquarium der Münchner Residenz 68 Persönlichkeiten aus Politik, Kultur und Gesellschaft mit dem Bayerischen Verdienstorden auszeichnet. Immerhin 19 von ihnen sind Frauen - unter ihnen Karin Stoiber, vormals Erste Frau im Freistaat.

So umstritten die Auszeichnung ist, so begehrt ist sie auch. Das Ordenszeichen in Form eines Malteserkreuzes zeigt auf der Vorderseite das bayerische Rautenwappen und auf der Rückseite den Löwen in Gold auf schwarzem Emaillegrund. Während die Opposition in Gestalt von SPD-Fraktionschef Franz Maget von einer "undurchsichtigen Auswahl" der Ordensträger spricht, den Grünen ein objektives Verfahren fehlt und der CSU-Politiker Theo Waigel gesteht, dass er seinen Verdienstorden nie trage, "weil ihm Titel und Orden völlig unwichtig" seien, geben sich manche Träger echt berührt.

Regisseur Florian Henckel von Donnersmarck beteuerte etwa: "Als ich gehört habe, dass ich diesen Verdienstorden bekomme, habe ich mich mehr gefreut als beim Oscar." Hans-Jürgen Buchner, der musikalische Kopf von Haindling, erzählt, dass er für wichtige Termine in seine "Eventjacke" schlüpfe - im Knopfloch steckt der Bayerische Verdienstorden. Und der Europa-Politiker Albert Deß aus der Oberpfalz hatte sich Anfang des Jahres mit Händen und Füßen und folgenden Worten gegen eine schlechte Platzierung auf der CSU-Europa-Liste gewehrt: "Ich habe nur einen Tag (im EU-Parlament) gefehlt, und das war, als ich in München den Bayerischen Verdienstorden bekommen habe."

Als "Zeichen ehrender und dankbarer Anerkennung" wird der Orden verliehen, wie es im Gesetz über den Bayerischen Verdienstorden aus dem Jahr 1957 heißt. Die Zahl der lebenden Träger ist auf 2000 begrenzt, derzeit weilen 1757 unter uns, nach dem Festakt an diesem Donnerstag werden es 1824 sein. Den Stellenwert des Ordenskreuzes macht Horst Seehofer unmissverständlich klar: "Es steht für die mehr als tausendjährige eigenständige Geschichte und Tradition unseres Freistaates", heißt es in seiner vorab veröffentlichten Laudatio. "Der Einsatz der Ordensträger weit über das normale Maß hinaus" präge Bayern. "Ohne diese Persönlichkeiten wäre Bayern ärmer", so der Ministerpräsident. Den Festvortrag bei der Feierstunde im Antiquarium der Münchner Residenz hält jedenfalls eine Frau: Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, spricht über "Werte in der heutigen Gesellschaft".

Die Frau - bislang ein eher unbekanntes Wesen, wenn es in Bayern um Lob und Ehr' geht. Eine Anfrage der SPD-Abgeordneten Christa Naaß im Jahr 2007 hatte ergeben, dass Frauen deutlich seltener einen staatlichen Orden verliehen bekommen als Männer. Im Durchschnitt liegt die Quote bei knapp 25 Prozent. Beim Bayerischen Verdienstorden betrug die Frauenquote sogar nur 22,34 Prozent, bei der Medaille für besondere Verdienste um das Ehrenamt immerhin bei 37,5 Prozent, beim Maximiliansorden für Wissenschaft und Kunst dann aber wieder nur bei 21 Prozent. "Es ist richtig, dass Frauen sich in gleicher Weise auszeichnungswürdige Verdienste wie Männer erwerben", hieß es aus der Staatskanzlei. Allerdings geschehe dies oft in Lebensbereichen, "die nicht so sehr im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen".

"Schirmherrin und Patin"

Sozialministerin Christine Haderthauer hat bereits eine Frauenquote bei der Verleihung des Verdienstordens ins Gespräch gebracht - mittels einer 50-Prozent-Quote solle "sanfter, aber verbindlicher Druck" ausgeübt werden. "Wer mir sagt, er finde keine geeignete Frau, dem helfe ich gerne bei der Erstellung einer Vorschlagsliste", sagte sie der Passauer Neuen Presse.

Die neue Ordensträgerin Karin Stoiber jedenfalls dürfte dem Ordensbeirat, bestehend aus dem Landtagspräsidenten und dem Stellvertreter des Ministerpräsidenten, bekannt gewesen sein. Sie wird in der Vorschlagsliste als "Schirmherrin und Patin zahlreicher caritativer und sozialer Projekte" aufgeführt. Ebenso Erika Steinbach, die umstrittene Vertriebenenpräsidentin, der Seehofer mit dem Orden den Rücken stärken will in der Debatte um das geplante Zentrum gegen Vertreibungen. Oder Ilse Aigner, die Bundeslandwirtschaftsministerin, die künftig ebenfalls das Malteserkreuz am "fünfmal gestreiften, gewässerten weiß-blauen Bande" um den Hals tragen darf.

Um noch einmal zu den Zahnärzten zu kommen: Wolfgang Heubisch, bayerischer FDP-Wissenschaftsminister und Zahnmediziner, bei dem immerhin schon Münchens CSU-Chef Otmar Bernhard auf dem Stuhl litt, hat den Bayerischen Verdienstorden noch nicht, bislang darf er sich nur mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande schmücken - aber der Mann praktiziert ja auch nicht mehr. Sanih Savdir übrigens, jener Zahnarzt, der für das strahlend weiße Lächeln von Stoiber und Strauß zuständig war, bekam von Strauß auch das Bundesverdienstkreuz vermittelt. Als FJS 1980 nach der verlorenen Kanzlerwahl nicht mehr ganz trittsicher im Fernsehstudio erschienen war, hieß es später, es habe nicht am Alkohol gelegen. Eine Spritze seines Zahnarztes habe ihn schachmatt gesetzt.