Bayerischer Rundfunk BR-Studio-Chefin: Mögliche Ablösung spaltet die Belegschaft

Kathrin Degmair leitet das BR-Studio Franken seit 2014. Ob sie es weiterhin tun wird, weiß wohl nur Intendant Ulrich Wilhelm (li.).

(Foto: Philipp Kimmelzwinger/BR)

Wenn Kathrin Degmair, die Leiterin des BR-Studios Franken, wirklich abgelöst werden sollte, erwarten manche eine Revolte. Andere fänden das nur folgerichtig.

Von Olaf Przybilla

Barbara Stamm hat kürzlich miterlebt, wie die Leiterin des BR-Studios Franken in besonderen Situationen tickt. Die ehemalige Landtagspräsidentin saß mit Kathrin Degmair zusammen in Würzburg, eigentlich wollte man über die anstehende Fastnacht in Franken reden. Dann aber war abends akute Explosionsgefahr in Nürnberg, einer Weltkriegsbombe wegen. Und plötzlich war Schluss mit Gemütlichkeit. Es sei dann, so hat es Stamm beobachtet, nur noch darum gegangen, dass die BR-Zentrale in München die Dramatik der Situation hinreichend versteht - und angemessen viel Sendeplatz einräumt.

Seit fünf Jahren leitet Degmair das Haus in Nürnberg. In der Zeit, sagt Stamm, habe sich das BR-Studio Franken "prächtig entwickelt". Wie sie es findet, dass nun wohl schon Schluss sein soll für die Frau, die mit 37 Jahren die Studioleitung übernahm? "Ich stehe nur noch fragend davor", antwortet Stamm, "und es erschreckt mich, wie man das Ganze auf den Weg gebracht hat."

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Offenbar nicht nur sie. Seit bekannt geworden ist, dass Degmairs Vertrag offenbar nicht verlängert wird, tobt ein Meinungskampf im Sender. Selbst eine BR-Führungskraft, der diese Beobachtung gar nicht recht sein kann, spricht von einer "Spaltung der Belegschaft". Die einen sind sehr für Degmair, die anderen sehr gegen sie. Gewährsleute beider Fraktionen wenden sich proaktiv, wie man so sagt, an andere Medien. Es geht jetzt um Deutungshoheit. Und es steht offenkundig extrem viel auf dem Spiel bei diesem Scharmützel, auch Gesichtsverlust.

Die Deutung derer, die gegen Degmair argumentieren und das den Intendanten Ulrich Wilhelm auch haben wissen lassen, geht so: Da ist eine junge Führungskraft, die sich in journalistische Tagesarbeit mehr als gewöhnlich einmische. Die es mitunter an Wertschätzung mangeln lasse. Die Kollegen notfalls auch "vor versammelter Mannschaft" zur Rede stelle, in schneidendem Ton und auch mal in gröblichen Worten.

Bis zu 70 Prozent der Führungskräfte aus dem Studio Franken seien gegen sie eingestellt, glaubt einer aus dem Personalrat beobachtet zu haben, das gehe so nicht weiter. "Sie weiß alles besser und kann alles besser", sagt ein leitender Redakteur. Und sie gleiche "Dr. Jekyll und Mr. Hyde" - nach außen charmant, eloquent, "überaus reizend", nach innen oft hart und, auch dieses Wort fällt, zum Teil fast "menschenverachtend".

Die andere Seite, vor allem Korrespondenten und Reporter, das journalistische Fußvolk sozusagen, kennt diese Argumente und ist fassungslos. Es habe vor nicht allzu langer Zeit im Münchner Haupthaus eine BR-Spitzenkraft gegeben, die als "notorischer Choleriker" bekannt gewesen sei, sagt ein BR-Mann: "Morgens hat der einen fast entlassen, abends umarmt." Wirklich gestört habe sich keiner daran. "Ein Mann halt", da gehe das schon in Ordnung.

Warum sich so viele aus der mittleren BR-Führungsebene in Franken an Degmair reiben? Es säßen da viele "auf ihren BR-Gutsherrensitzen", die nicht amüsiert darüber seien, wenn sie von einer jüngeren Frau zu "Gutsverwaltern" degradiert würden. Und darauf hingewiesen werden, dass klare Regeln - für Dienstwagengebrauch etwa - sogar für sie gelten.

Im Übrigen habe Degmair zu erkennen gegeben, dass die am Sonntag ausgestrahlte "Frankenschau", das Flaggschiff aus dem Franken-Studio, womöglich nicht mehr so ganz state of the art sei. In der Tat sah die Sendung noch vor ein paar Jahren so aus, als könnte man gleich ein Interview mit dem leibhaftigen Ludwig Erhard erwarten, dem Fürther. Mit der neuen Studioleiterin wurde das dann anders.

Degmair sollte den Laden auf Trab bringen, das war ihr Auftrag, sagen die einen. Degmair hat ihn zu einer Schlangengrube mit auch mal heulenden Kollegen gemacht, sagen die anderen. Sie habe um Geld, um Sendeminuten und Mitarbeiterverträge gegen München gekämpft, das mache einen unbequem, wollen Degmair-Sympathisanten beobachtet haben. Das sei nun wirklich nicht der Vorwurf, kontert das Haupthaus. Und auch der Rundfunkrat ist tief gespalten. Eine Revolte erwartet einer, falls Degmair tatsächlich nicht für eine zweite Amtszeit vorgeschlagen wird. Andere fänden einen nicht verlängerten Vertrag nur folgerichtig.

Nur Intendant Wilhelm weiß, ob er Degmair für eine zweite Amtszeit vorschlägt. Er aber schweigt. Der Sender müsse "den Schutz der Persönlichkeitsrechte aller Beteiligten gewährleisten", sagt eine Sprecherin. Zu gegebener Zeit werde er sich äußern. Auch Degmair äußert sich nicht; aus ihrem Umfeld heißt es, sie sei Studioleiterin und werde kämpfen, es zu bleiben. Jemand, der tief in den Dingen ist, sagt voraus, Degmair werde nicht mehr vorgeschlagen. Um Verwerfungen zu vermeiden, werde ihre Stelle zunächst kommissarisch besetzt.

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