bedeckt München 16°

Bauprojekte in Augsburg:Eine Stadt baut um

Vom Bahnhof bis zur Maximilianstraße: Im Augusburger Stadtzentrum dominieren Baumaschinen und Absperrgitter, weil gleich mehrere Großprojekte gleichzeitig verwirklicht werden. Wie Einwohner, Touristen und Geschäftsleute mit dem Chaos umgehen.

Andreas Ross

PR-Agenturen wissen, wie man Unangenehmes flauschig und weich verpackt: "Meine Stadt kann Zukunft" steht da auf der achtseitigen Werbebeilage, die einen lächelnden jungen Mann vor der Silhouette der Augsburger Maximilianstraße zeigt.

Dieses Schild dürfte den Augsburgern ziemlich bekannt vorkommen: Gleich mehrere große Bauprojekte werden derzeit in der Stadt verwirklicht.

(Foto: dpa)

Was genau das bedeutet, kann man derzeit in Schwabens Bezirkshauptstadt auf Schritt und Tritt erleben: Vorsicht, Baustelle! Wohl selten hat sich eine Stadt so komplett einem Häutungsprozess unterworfen, wie das schon seit Wochen Augsburg tut.

Vom Bahnhof bis zum Rathaus und vom Stadttheater bis zur Freilichtbühne am Roten Tor hinterlassen Raupen, Bagger, Kräne und Lastwagen ihre tiefen Spuren. Autofahrer, Radler und Fußgänger finden sich wohl nur deshalb zurecht, weil einerseits Schilder schon sehr frühzeitig vor dem Aufsuchen der Innenstadt warnen.

Und andererseits zieht sich durch die City ein Bandwurm an rot-weißen Absperrbaken, zwischen denen Autos und Menschen auf wundersame Weise an aufgeschütteten Erdhügeln und ratternden Baumaschinen vorbei doch irgendwie an ihr Ziel finden.

Muss denn alles auf einmal sein?", stöhnt so mancher irritierte Augsburger. "Ja", meint Oberbürgermeister Kurt Gribl (CSU), "es ist zwar in der Tat eine Operation am offenen Herzen." Der Umbau des Königsplatzes findet praktisch gleichzeitig mit der Modernisierung der Fußgängerzone und der Maximilianstraße statt. Und auch der erste Bauabschnitt des Bahnhofumbaus hat begonnen. "Aber wir haben uns bewusst dafür entschieden, um die Baustellenphase so komprimiert und dadurch so kurz wie möglich zu halten."

In der Tat ist es mutig, was Gribl und sein Baureferent Gerd Merkle hier gemeinsam mit dem Stadtrat angerührt haben. Noch gehen die Bürger relativ gelassen mit den vielen Baustellen in der Innenstadt um. Aber je länger es dauert, desto grantiger kann der Augsburger werden. OB Gribl verspricht sich von der Modernisierung des Nahverkehrs und der Fußgängerzone reiche Ernte bei der Kommunalwahl 2014.

Wer derzeit am Hauptbahnhof ankommt und sich in die Halderstraße Richtung Innenstadt begibt, hat schon mal ein erstes Problem. Die Straßenbahn ist wegen des Umbaus des zentralen Umsteigeknotens am Königsplatz abgehängt, und die Halderstraße wird bereits für den Bau eines Straßenbahntunnels unter dem Bahnhof hindurch vorbereitet.

Knapp 200 Meter weiter am Königsplatz stößt der verdutzte Besucher auf ein riesiges Baufeld. Hinter Absperrgittern ragt ein Kran in die Höhe, Arbeiter sind mit der Verlegung von Röhren beschäftigt. An dieser Stelle soll ein neues, futuristisch anmutendes Haltestellendreieck für Bus und Straßenbahn entstehen.

Wenig Begeisterung bei Geschäftsleuten

Geschäftsleute rund um den "Kö", wie er im Volksmund genannt wird, sind von den Baumaßnahmen weniger begeistert, denn ihre Kunden müssen allerlei Umwege in Kauf nehmen, und der Lärm und der Dreck lösen auch keine Begeisterung aus. Ein Optiker, ein Juwelier und eine Apotheke haben Transparente mit Pfeilen an den Bauzaun geheftet in der Hoffnung, ihren Kunden so den Weg zu den Geschäften zu erleichtern.

Ein Supermarkt klagt bereits über heftige Umsatzeinbußen. Die Verkäuferin eines benachbarten Standes mit Backwaren hat dagegen ihre gute Laune nicht verloren. "Wenn es besonders laut wird, haben die Bauarbeiter mir schon Ohrstöpsel gebracht", lacht sie. Nur die Warenanlieferung ist durch die vielen Absperrungen erschwert. "Unsere Fahrer fluchen oft", sagt die Verkäuferin.

Auf der gegenüberliegenden Seite hat ein Bistro seine Tische und Stühle ganz nahe am Bauzaun aufgestellt. Ein älterer Herr trinkt dort seinen Kaffee und schaut versonnen auf die Bauarbeiter: "Hoffentlich wissen die alle, was sie hier tun." Der Mann ist ein Augsburger und offenbar Kummer mit Baustellen gewohnt. "Sie wissen ja", sagt er augenzwinkernd, "dass bei uns in Augsburg bei Großbaustellen schon so manches schiefgegangen ist. Denken Sie nur an das Eisstadion", sagt er.

Weiter Richtung Stadttheater, wo Straßenbahngleise im Nichts enden und ein Verkaufsstand Beerenfrüchte feilbietet, wo zuvor ein Brunnen und ein Taxistand waren. Das Geschäft geht eher schleppend, sagt die Verkäuferin.

Stadt und Stadtwerke, die das Projekt am Königsplatz gemeinsam vorantreiben, haben nebenan für Fremde und Einheimische, die immer noch nicht wissen, was hier geschieht, eine Infobox am Eingang zur Fußgängerzone aufgestellt. Dort gibt es Prospektmaterial, und wem das nicht genügt, der kann sich bei freundlichen Damen weitere Auskunft holen. Zwischen 30 und 100 Leute suchen täglich die Infobox auf. Manchmal sind es auch fremdsprachige Gäste, die die Box für die Touristikzentrale halten und eine Hotelauskunft haben wollen.

Was würden wohl die Fugger dazu sagen?

In der benachbarten Fußgängerzone geht es alles andere als gemütlich zu. Bauarbeiter haben eine Straßenhälfte aufgerissen, um dort Leitungen auszuwechseln und das in den 80er Jahren verlegte Pflaster durch neue, helle Granitplatten zu ersetzen. Manches Geschäft ist nur über eine Metallbrücke oder einen hölzernen Steg zu erreichen.

Manche Beobachtung sagt aber auch viel über die Duldsamkeit der Schwaben aus. Neben einer Baugrube und einem röhrenden Bagger hat ein Café Tische und Stühle aufgestellt, und sie sind allesamt besetzt, so als gäbe es kein gemütlicheres Plätzchen für einen Kaffeeplausch.

Wer sich durchgekämpft hat, steht dann endlich vor dem prächtigen Renaissance-Rathaus des berühmten Augsburger Baumeisters Elias Holl. So richtig Freude will aber auch da nicht aufkommen, denn ein Drittel des Rathausplatzes ist als Lagerplatz für Baumaterialien und blaue Dixie-Klo-Häuschen reserviert. Man hat dafür eine eigene Teerstraße quer über den gepflasterten Platz gelegt, über die immer wieder Baumaschinen anrollen.

Rund um das Lager sind Transparente gespannt. Sie zeigen Animationen, wie die Stadt nach dem Generalumbau aussehen wird, und verheißen dem Betrachter, dass man in Augsburg "in die Zukunft umsteigen kann".

Was wohl Hans Jakob Fugger (1516 -1576) dazu sagen würde? Der Förderer der Wissenschaften aus der Fugger-Dynastie steht auf seinem Denkmalsockel in der Philippine-Welser-Straße und blickt ungerührt auf die unter ihm Steine klopfenden Bauarbeiter. Auch Hans-Jakob ist unnahbar geworden, denn um ihn wurde ein Dreieck aus Absperrgittern errichtet.

Und was sagen die Touristen, die, angelockt von Hochglanzprospekten, plötzlich Mühe haben, vor lauter Baustellen noch ein ordentliches Fotomotiv in der Innenstadt zu finden? In der Maximilianstraße mit ihren grandiosen Patrizier- und Bürgerhäusern sitzt eine Gruppe Senioren vor dem Hotel Drei Mohren beim Kaffee - sie kommen aus Idar-Oberstein.

Von der gegenüberliegenden Straßenseite halt lauter Baulärm herüber, doch die Herrschaften sind guter Stimmung: "Unser Busfahrer hat halt keinen Stellplatz gefunden, aber sonst ist alles okay", sagt ein grau melierter Herr. "Es ist ja gut, wenn gebaut wird, dann geht was vorwärts", meint einer und verweist darauf, dass man ja schon die Fuggerei, die Puppenkiste und die restaurierte Anna-Kirche gesehen habe. "Das war doch alles schon sehr schön."

Die stellvertretende Tourismusdirektorin Astrid Buchwieser weiß denn auch nichts von Ärger mit Reisegruppen oder gar Stornierungen. "Im Gegenteil, wir haben von Januar bis Mai unsere Ankünfte und Übernachtungen sogar noch steigern können." Trotz vieler Baustellen gebe es in Augsburg ja noch genug zu sehen.

© SZ vom 11.08.2012/most

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite