„Luisa“ und „Generl“, das sind die beiden jungen Bartgeier, die am Dienstag im Nationalpark Berchtesgaden in einer abgelegenen Felsnische in etwa 1300 Metern Höhe ausgewildert worden sind. Mit der Aktion geht das spektakuläre Wiederansiedlungsprojekt der Greifvogelart, die einst wie überall in den Alpen auch in den bayerischen Bergen ausgerottet worden ist, ins fünfte Jahr. Nach einem Festakt zu Füßen der Auswilderungsstelle schleppten Mitarbeiter des Landesbunds für Vogel- und Naturschutz (LBV) und des Nationalparks die beiden noch flugunfähigen Greifvögel in speziellen Boxen hinauf zum Auswilderungsort. Luisa und Generl sind der neunte und zehnte junge Bartgeier, die dort oben die Zeit verbringen, bis sie fliegen können.
„Mit diesem herausragenden Artenschutzprojekt bringen wir nicht nur eine einst heimische Tierart in die bayerischen Alpen zurück“, sagte der Amtschef des Umweltministeriums, Christian Barth, beim Festakt, an den sich die Auswilderung anschloss. „Sondern wir stellen auch natürliche Prozesse im Ökosystem wieder her und begeistern unzählige Menschen für Natur und Artenvielfalt.“ Das Umweltministerium unterstützt das Projekt von Anbeginn an. Der Chef des Nationalparks Berchtesgaden, Roland Baier, zeigte sich „sehr stolz, mittlerweile zehn Bartgeier ausgewildert zu haben“. Inzwischen könne man die noch vor wenigen Jahren extrem seltenen Greifvögel regelmäßig am Himmel über dem Nationalpark beobachten. LBV und Nationalpark sind Partner bei dem Wiederansiedlungsprojekt.
LBV-Chef Norbert Schäffer betonte, dass die Rückkehr des Bartgeiers in seine vormalige Heimat rund um den Watzmann „nicht wie einst mit Aberglauben und Vorurteilen verbunden ist, sondern mit öffentlicher Begeisterung und großem nationalen und internationalen Interesse“. Tatsächlich hat das Wiederansiedlungsprojekt seit seinem Start 2021 eine riesige Fangemeinde. Davon zeugten nicht nur die vielen Besucher, die zu der Auswilderung am Dienstag gekommen waren. Sondern der große Zuspruch zu dem Internetauftritt des LBV über das Projekt. Außerdem nahmen zwei Geistliche an dem Festakt teil. Vikar Daniel Jägers von der Evangelisch-Lutherischen Kirchengemeinde in Bad Reichenhall und Pfarrer Herwig Hoffmann vom Pfarrverband Ramsau-Unterstein segneten das Bartgeier-Team vor dem Aufstieg zu der Felsnische.



Gypaetus Barbatus, wie der wissenschaftliche Name der Bartgeier lautet, zählt zu den weltweit mächtigsten Greifvögeln. Mit einer Flügelspannweite von bis zu drei Metern und ihrem hakenförmigen Schnabel sehen die Tiere richtig furchteinflößend aus. Ihren Namen haben die Greifvögel von den schwarzen Federn, die unter ihrem Schnabel nach unten abstehen. Tatsächlich sind Bartgeier aber harmlos. Sie fressen nur Knochen und Aas. Gleichwohl sind sie in den Alpen ausgerottet worden. Die Menschen waren überzeugt, dass Bartgeier Schafe und sogar kleine Kinder jagen und töten. 1913 wurde im italienischen Aostatal der letzte Bartgeier abgeschossen, der damals noch frei in den Alpen lebte.
Heute leben laut Fachleuten wieder zwischen 300 und 350 Bartgeier in den Alpen, unter ihnen mehr als 70 Brutpaare. Die Population geht zurück auf ein Wiederansiedlungsprojekt seit den Achtzigerjahren des vorigen Jahrhunderts, beginnend in Österreich. Seit 2021 nehmen daran der LBV und der Nationalpark Berchtesgaden teil. Den Anfang machten Wally und Bavaria, 2022 folgten Recka und Dagmar. Nepomuk und Sisi waren 2023 der dritte Jahrgang, 2024 gingen mit Wiggerl und Vinzenz erstmals zwei junge Bartgeier-Männchen gemeinsam an den Start. Der jähe Tod von Wally war das einzig wirklich dramatische Ereignis bei dem Projekt. Sie wurde im April 2022 im Wettersteingebirge beim Fressen von einem herabstürzenden Felsen erschlagen.
Jetzt also Luisa und Generl. Die Bartgeier-Weibchen sind exakt 88 Tage jung. Luisa stammt aus der Richard-Faust-Bartgeier-Zuchtstation im österreichischen Haringsee. Generl wurde im Zoo der tschechischen Stadt Ostrava geboren und von Ammeneltern im Schweizer Natur- und Tierpark Goldau aufgezogen. Luisa erhielt ihre Namen von einer Familie aus dem Landkreis Starnberg, die ein großzügiger Förderer des LBV ist. Generl wurde von der Bergwacht des Nationalparkorts Ramsau nach Eugenie „Generl“ Buhl, der Ramsauer Bergsteigerin und Witwe des Nanga-Parbat-Erstbesteigers Hermann Buhl, benannt, die erst vor Kurzem im Alter von 100 Jahren gestorben ist.
Luisa und Generl haben den Transport zu der Felsnische gut überstanden. Davon zeugen die Bilder der Webcam, die das Geschehen dort seit Dienstagnachmittag live im Internet überträgt. Dort oben werden die beiden jungen Bartgeier von nun an ohne jeden Kontakt zu Menschen weiter aufwachsen und alsbald beginnen, ihre Flugmuskulatur trainieren – indem sie mit den Flügeln schlagen und zwar immer und immer wieder. Erst wenn Bartgeier stabil um die 200 Flügelschläge am Tag schaffen, haben sie nämlich ausreichend Ausdauer für ihren Jungfernflug. So zumindest hat es einmal der LBV-Projektleiter Toni Wegscheider berichtet. In der Regel sind sie dann um die 120 Tage alt.



