Süddeutsche Zeitung

Bamberg:Wie ein Mini-Punkt Forscher vor Glück strahlen lässt

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Kunsthistoriker nehmen wertvolle Gewänder aus dem Bamberger Diözesanmuseum genau unter die Lupe - und finden geheimnisvolle Details an den etwa 1000 Jahre alten Textilien.

Von Katja Auer, Bamberg

Tanja Kohwagner-Nikolai hat einen weißen Punkt entdeckt. Nicht die Bundeslade oder wenigstens einen güldenen Suppenteller aus dem Schatz der Nibelungen, was ihr glückseliges Strahlen für den Laien etwas verständlicher machen würde. "Wir sind begeistert, weil wir einen Punkt sehen", sagt sie und muss darüber selber lachen. Kunsthistoriker-Freuden.

Dabei ist der kleine helle Punkt schon was, auch wenn er selbst unter dem Mikroskop allenfalls aussieht wie ein etwas nachlässig herausgewaschener Zahnpastafleck. Allerdings befindet er sich auf einem 1000 Jahre alten Mantel. Einem sehr besonderen Mantel. Kohwagner-Nikolai untersucht den sogenannten blauen Kunigundenmantel und hat gerade festgestellt, dass offenbar jemand das Muster auf den Stoff skizziert hat, bevor er anfing, das Gewand mit Goldfäden zu besticken. Der weiße Punkt ist der Rest einer Vorzeichnung, das ist in der Textilforschung eine kleine Sensation. Darüber kann sich eine Kunsthistorikerin schon mal ausgiebig freuen.

Der Sternenmantel von Kaiser Heinrich II.

Vier Jahre lang werden sich die Forscher mit sechs wertvollen Textilien beschäftigten, die im Bamberger Diözesanmuseum ausgestellt sind. Das bekannteste Stück ist der Sternenmantel von Kaiser Heinrich II., der 1007 das Bistum Bamberg gründete. Das Himmelsfirmament mit den Sternzeichen ist darauf abgebildet, in der Mitte Christus mit dem Alpha und dem Omega.

Wenn Tanja Kohwagner-Nikolai vor der Vitrine steht, fallen ihr auf dem blauen Gewand ein paar seltsame Details auf. Dass die Symbole gar nicht so symmetrisch angeordnet sind, wie man das eigentlich vermuten möchte, zum Beispiel. Oder dass die Schrift am Mantelsaum in der Mitte viel enger steht als am Rand. Dass ein einzelner Buchstabe, ein S, etwas verloren schräg über einer anderen Inschrift steht, als ob er nicht mehr richtig hingepasst hätte.

Die Kunsthistorikerin hat einen Verdacht. Den nämlich, dass der Mantel nicht immer so aussah, wie er jetzt hinter Glas hängt. Im 15. Jahrhundert wurden die Stickereien vom ursprünglichen Mantel geschnitten und auf einen neuen Stoff genäht, das war schon bekannt. Allerdings war man bislang davon ausgegangen, dass die Anordnung dabei die gleiche geblieben war. Das bezweifelt Kohwagner-Nikolai.

Stiften zum eigenen Ruhm

Professor Stephan Albrecht, der den Lehrstuhl für Kunstgeschichte an der Uni Bamberg innehat und das Projekt leitet, will ganz grundsätzliche Fragen zu den Mänteln klären: Wer sie wo herstellte, wie sich ihre Gestalt über die Jahrhunderte veränderte. Wer sie benutzte und wofür. "Das ist auch eine Frage der Inszenierung von Vergangenheit", sagt Albrecht.

Denn auch wenn die Gewänder Kaisermäntel genannt werden, bedeutet das nicht, dass sie zur Garderobe von Heinrich und seiner Frau Kunigunde gehörten. Vielmehr stifteten sie die Textilien ihrem Bistum, wie liturgische Geräte und kostbare Bücher, zum eigenen Ruhm und zur höheren Ehre Gottes. Möglicherweise hat ein Bischof die Mäntel bei bestimmten sakralen Zeremonien getragen, oft kann das allerdings nicht gewesen sein, denn besonders abgenutzt sind sie nicht. Als Heinrich und Kunigunde schon bald nach ihrem Tod heilig gesprochen wurden, galten die Kaisermäntel fortan als Reliquien.

Über einem Stock drapiert wurden sie den Gläubigen präsentiert, zum letzten Mal bei einer sogenannten Reliquienweisung 1509. Danach wurden sie nur noch besonderen Gästen auf Wunsch gezeigt und im Domschatz verwahrt. Als die Säkularisation auch die fränkischen Schatzkammern leer räumte, wurden die Mäntel zunächst nach München gebracht, fanden aber ihren Weg wieder zurück. Im Gegensatz zu den Kaiserkronen, die heute noch in der Münchner Residenz verwahrt werden. Ein wunder Punkt.

Es überrascht zunächst, dass die Mäntel zwar recht berühmt sind, weil sie die ältesten erhaltenen Gewänder europäischer Herrscher sind, aber offenbar so wenig erforscht, dass demnächst die Schildchen an den Vitrinen im Museum ausgetauscht werden müssen. Da steht etwa, dass der Kunigundenmantel in einer Werkstatt in Süddeutschland hergestellt worden sei, möglicherweise in Regensburg. Stimmt nicht, sagt Tanja Kohwagner-Nikolai, man wisse es schlicht nicht.

Die Arbeit lässt sich kaum zuordnen

Weil es nichts Vergleichbares gibt, ließe sich die Arbeit auch keiner Werkstatt zuordnen. Als die Gewänder zum bislang letzten Mal in den Fünfzigerjahren untersucht wurden, ging es vor allem um die Restaurierung, eine wegweisende Forschung wurde damals offenbar nicht betrieben. Oder wenigstens nicht dokumentiert. Von den weißen Flecken, den Vorzeichnungen, die die Wissenschaftler diesmal geradezu elektrisiert, war jedenfalls nichts bekannt. "Wir sind rangegangen, als wüssten wir nichts", sagt die Kunsthistorikerin und auch Professor Albrecht nennt die Untersuchung eine Grundlagenforschung.

Unter dem Mikroskop betrachten Kohwagner-Nikolai und Textilrestauratorin Sibylle Ruß jedes Detail, Naturwissenschaftlerin Ursula Drewello analysiert die Proben von Fäden und Stoff. Dieser interdisziplinäre Ansatz sei neu, sagt Albrecht.

Die Forscher haben schon viel herausgefunden

Schon jetzt, nach den ersten Wochen, hat Kohwagner-Nikolai viel Neues herausgefunden. Zum Beispiel, dass der blaue Kunigundenmantel wahrscheinlich das kostbarste der Gewänder ist. Aufwendiger und wertvoller als der Sternenmantel, "auch wenn der effektvoller ist", sagt sie. Hochwertigste Goldfäden wurden auf dem Kunigundenmantel in die Medaillons gestickt, die Weihnachts- und Adventsdarstellungen und Szenen aus dem Leben des Petrus zeigen.

Als im Mittelalter einige Stellen ausgebessert wurden, war der Goldfaden aus Nürnberg weniger hochwertig. Heute erscheint er grau, während die 1000 Jahre alte Stickerei immer noch golden schimmert. Die Handarbeit ist filigran und so fein, dass es geradezu besessen wirkt. Sogar die Wölfe, die am untersten Saum gerade Nero fressen, also dort, wo sie niemand von weitem sehen kann, haben kleine Muster aus gerollten Goldfäden im Fell. So betrachtet, erscheint ein 1000 Jahre alter Punkt schon irgendwie spektakulär.

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Quelle:
SZ vom 19.02.2016
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