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Bamberg:Schottisch für Anfänger

Volkstanz ist uncool? Von wegen. In den Bamberger Haas-Sälen versammeln sich zwei Mal im Jahr 200 Menschen, um unter lockerer Anleitung zu schwofen. Grund für den Erfolg: Es hat mit organisierter Brauchtumspflege nichts zu tun

Von Katja Auer, Bamberg

"Wechselschritt, Wechselschritt, zwei rüber, zwei nüber, "das ist ganz einfach", ruft David Saam in den Saal. Die Kapelle Boxgalopp spielt auf, unten sortieren sich die Tanzpaare. Der Schottisch ist aufgerufen, die Schritte sind erklärt, Hände auf Hüften und Schultern gelegt. Zwei rüber, zwei nüber, wer in die falsche Richtung hüpft, wird einfach aufgenommen von der Masse. 200 Menschen sind zum fränkische Tanzabend in die Bamberger Haas-Säle gekommen, mehr Karten werden nicht mehr verkauft, seit die Veranstaltung so beliebt ist, dass nicht mehr genug Platz zum Tanzen bliebe.

Die meisten sind schon öfter da gewesen. Friedrich Lauterbach, 50, zum Beispiel, auch wenn der - mit Pferdeschwanz und ganz in Schwarz - nicht auf den ersten Blick als Volksmusikfan erkennbar ist. "Auf einen Trachtenabend würde ich nicht gehen", sagt er, aber der Tanzabend gefällt ihm, weil Volksmusik dort neu interpretiert werde. Tatsächlich ist Bamberg längst eine Art Zentrum der Volxmusik mit x. David Saam, der an diesem Abend bei Boxgalopp Akkordeon spielt, gründete mit Christoph Lambertz, der heute Volksmusikpfleger des Bezirks Schwaben ist, vor bald 15 Jahren den Antistadl, weil sie Bamberg nicht Karl Moik und seinem Musikantenstadl überlassen wollten, der damals in der Stadt gastierte. Seitdem hat die neu aufgemachte traditionelle Musik viele Fans. "Das ist keine Konkurrenz", sagt Saam, auch der Tanzabend wolle keine Gegenveranstaltung sein zu denen der klassischen Trachten- und Tanzvereine. "Wir freuen uns, wenn die kommen."

"Zwei rüber, zwei nüber", die Schritte werden beim fränkischen Tanzabend mit fränkischem Zungenschlag so erklärt, dass auch Ungeübte mittanzen können.

(Foto: Matthias Hoch)

Doch die Tanzfläche bleibt an diesem Abend denen überlassen, die sonst in die Disco gehen oder zum Salsa vielleicht.

"Das viele Erklären schreckt geübte Tänzer ab", meint Heinrich Filsner, der Boxgalopp-Mann mit der Bass-Ukulele, der auch am Münchner Kocherlball spielt. Gerade das wiederum macht die Volkstänze auch jenen zugänglich, die sonst kein Interesse hätten. Und verschafft schnelle Erfolgserlebnisse. Um die Perfektion geht es nicht, sondern um den Spaß. Der ist bald erreicht, wenn niemand prüfend auf die Füße schaut. Boxgalopp spielt Walzer, den können die meisten, einen Rheinländer, eine Polka, die Wangen sind rot, die Karohemden durchgeschwitzt. Dann lässt Saam die Tänzer Kreise bilden, fünf ineinander, sonst reicht der Platz nicht. Die Tanzschritte klingen einfach: vier in die Mitte, vier zurück, nur die Damen, nur die Herren. Umdrehen zum neuen Partner, kreiseln, paarweise marschieren, wieder einen Kreis bilden. Manchmal steht noch einer, wenn die Masse schon marschiert, manchmal geht jemand zurück, wenn er nach vorne laufen soll. Macht aber nichts. "In der Tanzschule würde einer danebenstehen und schimpfen", sagt Alexander Faßlrinner. Der Unternehmer ist mit seiner Frau Elfriede die 30 Kilometer aus Zeil am Main gekommen, zum ersten Mal. Sie tanzen ab und zu, sagen sie, meistens Discofox. Von Volkstänzen hatten sie bislang keine Ahnung, aber das Konzept gefällt ihnen. Und die Band. "Es freut mich, dass das die Jugend so begeistert", sagt Faßlrinner.

Carolin Pruy-Popp, Boxgalopp-Geigerin und Volksmusikpflegerin in Oberfranken, führt den Volkstanz-Trend auch auf eine neue Lust an der Bewegung zurück. Und auf eine gewisse Schnelllebigkeit. "Es will sich keiner mehr festlegen", sagt sie, deswegen profitieren von der Lust am Volkstanz weniger die klassischen Vereine. "Bei uns kann man einfach mal hinschauen."

Einen Dresscode gibt es an diesem Abend genauso wenig wie eine Altersgrenze, auch wenn die Damen der Kapelle im Trachtengewand auf der Bühne stehen. Blümchenkleider und Jeans sind zu sehen, Streifenhemden und ein AC/DC-T-Shirt.

Boxgalopp spielt Musik aus Franken und anderen schönen Ländern. Von links: Andreas Richter, Katharina Schalanda, Carolin Pruy-Popp, David Saam, Heinrich Filsner.

(Foto: Matthias Hoch)

Julia Kaiser hat ein Dirndl an, schwarz mit hellem Muster. Es ist das Hochzeitskleid ihrer Mutter, zweimal im Jahr führt sie es aus, sagt sie, immer am Tanzabend, der im Mai und im Oktober stattfindet. Dazu trägt sie eine Jacke ihrer Oma, Teil einer Effeltricher Tracht, die bekannt ist für ihre kostbaren Brautkronen. Die 38-Jährige gehört nicht zum klassischen Volksmusik-Publikum. "Ich war lange im Ausland, da lernt man das Fränkische zu schätzen", sagt sie. Westafrika, China, irgendwann habe sie angefangen, Musik von daheim zu hören. "Man bekommt Sehnsucht", sagt sie.

Boxgalopp spielt fränkische Lieder und solche, die in traditionellen Weisen wurzeln. Stammgäste kennen die Texte vom Schlamperer, der jeden Tag eine andere hat und von der ranzig gewordenen Leberwurst. Es ist also doch Brauchtumspflege, die sie machen mit ihrer Musik. Nur nicht um der Brauchtumspflege willen.

Michael Wölzmüller, der Geschäftsführer des Landesvereins für Heimatpflege, bestätigt dem fränkischen Tanzabend eine besondere Zugkraft. "Die Art und Weise, wie das in Bamberg gemacht wird, ist eine Einzelvorstellung", sagt er. In Bayern finde der Volkstanz in der Regel eher klassisch statt, mit einem Tanzmeister zum Beispiel oder eben in den Vereinen. "Wir freuen uns sehr über diese neuen Formen", sagt Wölzmüller, wenngleich auch er überzeugt ist, dass diese ein anderes Publikum ansprechen. Die neu entdeckte Heimatliebe, die sich schon seit längerer Zeit zu einem Trend auswächst, in dem Jugendliche wieder Dialekt sprechen, Tracht tragen oder etwas, das so ähnlich aussieht, und eben auch Musik hören, die zumindest in der Volksmusik wurzelt, hat mit der organisierten Brauchtumspflege wenig zu tun.

In einen Trachtenverein würde Lukas Ullrich nicht eintreten, schon deswegen, weil er wegen Feuerwehr und Ministranten keine Zeit mehr hat. Aber einen "leidenschaftlichen Volkstänzer" nennt er sich und seinen Kumpel Tim. Die beiden sind 18 Jahre alt, Mädchentypen, und ohne ihre Freundinnen unterwegs, denen die Musik nicht so gut gefällt. Manchmal tanzen die Burschen sogar miteinander, das geht beim Tanzabend, auch wenn häufiger zwei Frauen miteinander zu sehen sind. Die Gefahr, dass das vielleicht uncool wirken könnte, sehen sie gar nicht. "Traditionen muss man doch pflegen", sagt er.

© SZ vom 11.05.2017

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