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Mitten in Bamberg:Es geht um Corona

In der Innenstadt brauen sie ein Rauchbier, das gerne frisch vom Fass direkt auf der Straße getrunken wird. Das ist nun verboten. An Wochenenden und vor Feiertagen darf ab 20 Uhr kein Alkohol "to go" mehr ausgeschenkt werden

Kolumne von Katja Auer

Eine Woche hat der Aufstand gedauert und er wurde in aller Härte geführt. So wild entschlossen waren die Bamberger, dass sie sogar Forchheimer Bier getrunken hätten. Dieser Kühnheit gaben die Brauer nach. Die Bierpreiserhöhung um einen Pfennig wurde verworfen, das Seidla sollte weiterhin zehn Pfennige kosten. 1907 war das, die Episode ist als Bamberger Bierkrieg in die Stadtgeschichte eingegangen.

Die Preise sind längst gestiegen, aber das Bier ist wie gehabt ein großes Thema, schließlich gibt es allein in der Stadt noch neun Brauereien. Die wohl bekannteste stellt ein Rauchbier her, ohne dessen Verzehr ein Bamberg-Ausflug nicht als vollständig deklariert werden kann. Touristen wie Einheimische pilgern zur Schankstätte mitten in der Stadt, wo das Schlenkerla gerne direkt vor dem Wirtshaus frisch vom Fass getrunken wird.

Das ist nun verboten, seit Freitag darf in Bamberg an Wochenenden und vor Feiertagen nach 20 Uhr kein Alkohol mehr "to go" ausgeschenkt werden. Und damit auch kein Steh-Bier vor dem Schlenkerla.

Skandal, rufen nun die ersten, wieder eine Tradition geopfert von Stadt, Polizei, Anwohnern. Das ist freilich nicht richtig, schon weil man - um es heute eine Tradition zu nennen - mit dem Steh-Bier hätte anfangen müssen, als noch Autos fuhren vor dem Schlenkerla. Da hätte sich keiner auf die Straße gestellt. Zudem, so die Analyse eines Einheimischen, sitze der Franke normalerweise beim Trinken. Dass man das auch im Stehen erledigen könne, habe er sich mutmaßlich von rheinländischen Touristen beibringen lassen.

Oder vom Rauchverbot. Tatsächlich ist es erst seitdem üblich, sich mit einem Getränk raus zu stellen, so dass es an den Wochenenden zugeht wie bei der Sandkerwa, dem - tatsächlich traditionellen - Volksfest. Die ganze Sandstraße eine riesige Freiluft-Kneipe. Das wurde geduldet, obwohl schon eine Regelung aus den Siebzigerjahren das Trinken von Alkohol im Freien im größten Teil der Innenstadt untersagt. Dass diese nun durchgesetzt wird, liegt weder am spießigen Oberbürgermeister noch an missgünstigen Anwohnern. Es ist kein Traditionsbruch, nicht einmal Bierkrieg. Es geht um die Ansteckungsgefahr in Menschenmengen. Um Abstand. Um Corona. Falls sich noch jemand erinnern sollte.

© SZ vom 06.07.2020
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