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100 Jahre Bayerische Verfassung:Wie Bamberg vorübergehend Regierungssitz wurde

Zu Plenarsitzungen trat das Parlament in Bambergs Altstadt zusammen, in der "Harmonie". Dort erinnert noch heute eine Inschrift daran.

(Foto: Bayerische Staatsbibliothek)

1919 wurde in Bamberg die erste demokratische Verfassung Bayerns ausgearbeitet. Die aus München geflohenen Politiker und Beamten genossen die Zeit im ruhigen Oberfranken - und entschuldigten sich anschließend für die Unannehmlichkeiten.

Hundert Jahre später geht das so leicht über die Lippen: Landtag und Regierung mussten vor den Wirrungen der Münchner Räterepublik flüchten und suchten einen Ausweichort, um dort eine Verfassung zu verabschieden. Tatsächlich schrieb das Parlament im Sommer 1919 Geschichte, als es die erste demokratische Verfassung Bayerns verabschiedete, die "Bamberger Verfassung". Unter dem Stichwort wurde sie bekannt, weil sie in Oberfranken ausgearbeitet wurde und eben nicht in München. Aber wie kam man überhaupt auf Bamberg?

Es gibt auf dergleichen Fragen mitunter keine ganz befriedigende Antwort. Warum quartierten sich die Alliierten 1945 ausgerechnet im Nürnberger Justizpalast ein, um den NS-Kriegsverbrechern den Prozess zu machen? Weil Nürnberg als Stadt der Reichsparteitage symbolisch wirkte, war lange vorherrschende Meinung. Weil die Infrastruktur - ein großer, gut sicherbarer und zu erreichender Palast - in Nürnberg für eine solche Verhandlung hervorragend geeignet war, ist heute als Argument eher verbreitet. Wahrscheinlich trifft beides zu. Aber klar ist auch: Die Wahl hätte auch auf eine andere Stadt fallen können.

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Auf Bamberg 1919 dürfte das so auch zutreffen. Als abzusehen war, dass Regierung und Landtag in München nicht bleiben können, wurden öffentlich auch ganz andere Orte diskutiert. Wie wäre es mit Bad Kissingen? Repräsentative Infrastruktur, ein ruhiges Pflaster, erfreulich weit entfernt von der revolutionsumtobten Landeshauptstadt. Aber womöglich zu eng? Und Nürnberg? Second City in Bayern, große Historie, ein guter Ort, um bayerische Geschichte zu schreiben. Andererseits: traditionelle Arbeiterstadt und damit alles andere als roter Umtriebe unverdächtig. Die Wahl fiel schließlich auf Bamberg.

Das lag im zu der Zeit relativ ruhigen Norden Bayerns, war mit München und Berlin gleichermaßen per Schnellzug zu erreichen und sogar mit einem Flugplatz gesegnet. Und nicht nur das. Die Domstadt war stets streng katholisch gesinnt und also aus Münchner Perspektive berechenbarer als die meisten anderen Orte Frankens. Es gab dort nie eine ausgeprägte Arbeiterschaft, ein 1919 besonders hilfreiches Argument. Außerdem konnte die Regierung in Bamberg auf eine imposante Garnison zurückgreifen, deren Soldaten meistenteils bayerische Wurzeln vorweisen konnten, ebenfalls nicht unwichtig. Und zu guter Letzt war diese Stadt zwar überschaubar, kaum 50 000 Einwohner zählte Bamberg zu der Zeit. Und trotzdem konnte das Parlament auf eine repräsentative Infrastruktur zurückgreifen. Die Residenz zu Bamberg hatten zuletzt die Wittelsbacher als monarchischen Nebenwohnsitz genutzt. Ein perfekter Symbolort für die Ausarbeitung einer Verfassung war das womöglich nicht - immerhin aber bot der Bau hinreichend Platz für Parlamentarier.

Gerade die Geschichte dieser Infrastruktur kann man in Bamberg dieser Tage gut erkunden. Zwar wird an der Residenz seit sechs Jahren gebaut, das Projekt gilt als eine der größten Restaurierungsmaßnahmen an einer Barockfassade in Europa. Durch die Baustelle hindurch freilich bietet die Ausstellung "Majestäten, Königskinder, Verfassungsväter" (bis 22. September) einen feinen Einblick in die schillernde Historie dieses Prachtbaus. Im Jahr 2019 wird man vor allem das 20. Jahrhundert in den Blick nehmen dürfen, jene Zimmer also, die sich mit Bayerns "Verfassungsvätern" beschäftigen.

Diese hielten ihre Eröffnungssitzung in der Residenz am 15. Mai 1919 ab, und zwar im Kaisersaal, dort also, wo noch wenige Jahre zuvor ein Kriegslazarett eingerichtet worden war. Dass diese Sitzung nicht von langer Hand geplant war, mag man daran erkennen, dass kein Foto davon aufzufinden ist. Kurator Sebastian Karnatz hat lange gesucht, muss sich für die Ausstellung aber mit einem Bild von der ersten Plenarsitzung begnügen. Zu jener wurde nicht auf den Domberg geladen, sondern in die Altstadt, in die "Harmonie", wo bis heute mit einer Inschrift daran erinnert wird.

Die Eröffnungssitzung des Landtags fand im Mai 1919 im prunkvollen Kaisersaal der Bamberger Residenz statt, wo wenige Jahre zuvor ein Kriegslazarett eingerichtet worden war.

(Foto: Olaf Przybilla, Privatbesitz)

Dass die Parlamentarier gleichwohl genug Anlass fanden, den Blick hinunter in die Stadt zu würdigen, lässt sich ablesen an einem Zitat des Abgeordneten Ernst Müller-Meiningen, mit dem der Besucher in der Ausstellung willkommen geheißen wird. "Da lag das köstliche Kleinod Frankens zu unseren Füßen", schreibt der spätere Justizminister. Und erhebt den Blick ins Große: "Gebadet in Sonnenschein und Blütenpracht lag dieses herrliche Land vor uns, uns täglich und stündlich den Schwur erneuern lassend, dieses köstliche Land deutscher Erde nicht in Anarchie und Bolschewismus verkommen zu lassen."

Offenkundig empfanden die Abgeordneten ihr behagliches Quasi-Exil als Auftrag. In ihrer Standarddarstellung "Regierungshauptstadt auf Zeit" konstatieren die Archivare Winfried Theuerer und Robert Zink, Bamberg habe eine "fast beruhigende Wirkung" auf seine parlamentarischen Gäste ausgeübt. So fand man sich zu überfraktionellen Gesprächen auf dem Michelsberg zusammen - in Bamberg gab es zu Beginn des 20. Jahrhunderts mehr Brauereien als in München. Dessen ungeachtet stellte der plötzliche Zustrom von Würdenträgern die Stadt vor erhebliche Probleme.

Zwar war die Zahl von Ministerialangehörigen überaus überschaubar. Für Justiz-, Landwirtschafts- und Kultusministerium wurden insgesamt nur 28 Mitarbeiter von München nach Bamberg entsandt. Trotzdem war geeigneter Wohnraum extrem knapp. Während Kabinettsmitglieder großenteils in der Residenz Quartier bezogen, fanden Beamte und Abgeordnete zumeist in Privatwohnungen Unterschlupf. Der Magistrat sah sich zu flehenden Aufrufen genötigt ("Stellt möblierte Zimmer zur Verfügung!"), und in der Stadt sorgten zunächst Pläne für Unruhe, sogar Teile der Bamberger Gartenfelder zu überbauen, um damit Wohnraum zu schaffen.

Nachdem der Landtag im August 1919 die Verfassung angenommen hatte, machte Ministerpräsident Johannes Hoffmann klar, dass man sich in Bamberg nicht wiedersehen werde. Würde nämlich der "Kampf" wieder ausbrechen, so müsse dieser "in München ausgekämpft werden". Beim Abschied aus Franken dankten Regierung und Landtag der Stadt per Annonce. Mancherlei "Unannehmlichkeiten" habe man den Bürgern zugemutet. Der "offene Sinn" der Bamberger aber habe die "Erledigung der Staatsgeschäfte" ermöglicht.

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