Er geht dem Schmerz nicht aus dem Weg, er geht mitten rein. Keine schlechte Angewohnheit für einen Schriftsteller, der am Leben in all seinen Facetten interessiert ist. 2019 wurde Martin Beyer beim renommierten Bachmann-Preis in Klagenfurt von der Jury in die Mangel genommen, nachdem er einen Text vorgelesen hatte, der die Hinrichtung der Geschwister Scholl aus der Sicht eines erfundenen Henkersgehilfen schildert. Das umstrittene Kapitel ist Teil seines Romans „Und ich war da“, der kurz darauf herauskam.
In seinem neuen Roman, dem Nachfolger zu „Tante Helene und das Buch der Kreise“ (2022), sucht und findet der Bamberger Worte für einen schier übermenschlich großen Schmerz: für den Schmerz einer Mutter, deren 14-jährige Tochter durch die Krebs-Hölle geht. Dabei stünde die Teenagerin, die am liebsten Fertiggnocchi auf Tiefkühlsommergemüse isst und Traubensaftschorle trinkt, lieber auf dem Fußballplatz. Ein Poster in ihrem Zimmer verrät: Sie will Profi werden wie Almuth Schult.

Der Roman „Elf ist eine gerade Zahl“ (List/Ullstein) begleitet Mutter Katja und Tochter Paula eine Woche lang: vor, während und nach der OP. Die OP ist nicht ihre erste. Vor einem Jahr, nach der schockierenden Diagnose Osteosarkom (Knochentumor) und der anschließenden Erstbehandlung, hofften beide noch inständig: „nie mehr Station 2D: Pädiatrische Onkologie“. Aber aus der Elf kann man keine gerade Zahl machen, „es ist wahrscheinlicher, dass wieder etwas kommen wird, als dass nichts mehr kommen wird“, wie ein Arzt es formuliert. Neue Diagnose: „Ein Rundherd in der Lunge, linksseitig“.
Martin Beyer, in dessen klug gebauter Geschichte regelmäßig Füchse auftauchen – auf dem Cover, als tröstendes Stofftier, als hoffnungsbringende Erscheinung –, ist selbst ein Fuchs. Den Bamberger, Jahrgang 1976, Profi zu nennen, klingt zu routiniert. Beyer, mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Bayerischen Kunstförderpreis, ist raffiniert. Statt sich in albtraumhafter Verzweiflung festzuschreiben, lässt der Schriftsteller Trost gedeihen. Zart und maßvoll. Für Kitsch ist er zu konkret und zu poetisch.
En passant reichert er sein Drama, das vom Alltagskampf der alleinerziehenden Lehrerin zwischen zweifelhaften Ratschlägen aus dem Umfeld, Wut, Angst und Beruhigungs-Schnäpsen handelt, mit einer Geschichte in der Geschichte an. Das ist der eigentliche Clou: Wie in „Tausendundeine Nacht“ lockt in „Elf ist eine gerade Zahl“ die Geschichte in der Geschichte. Hier ist es ein traumwandlerisches Märchen, das Katja Paula erzählt und das mit der Realität verwoben ist. Es soll sie ablenken von den dunklen Gedanken, und auch die Leserinnen und Leser sollen Zeit zum Durchschnaufen bekommen.
In dem Exkurs „Der Fuchs und das Mädchen“ verirrt sich Pola in einer wundersamen Welt, wo die Menschen „auf eine besondere Weise wach“ sind und wo der Fluss schwarzes Wasser führt; wo Schmetterlinge flattern und Jäger am Werk sind; wo Sommer auf Winter folgt und es nie Herbst wird. Erschöpft flieht Pola vor einem Schatten, der hinter allem her ist. „Warum ich?“, fragt das Mädchen einmal. Warum nicht, so die Antwort. „Du kannst mich nennen, wie du willst“, heißt es über den Schatten, „ich bin die Rückseite deiner Schönheit, deiner Kraft, deiner Blüte.“
Das flirrende Irrgarten-Märchen wird zur Kraftquelle für Paula, schenkt ihr Fokus und Ablenkung. Es schiebt sich immer wieder in die Rahmenhandlung des Romans, der ein Zeichen setzt für die Kraft des Geschichtenerzählens. Auch Katja kommt während des Erzählens ein bisschen zur Ruhe. Ansonsten ist sie, verständlicherweise, ein gehetzter Mensch, permanent im Alarm-Modus. An einem lauen Abend sieht sie entspannten Mitmenschen zu. „Wie gerne würde sie sich so fühlen, weder zu heiß noch zu kalt“, heißt es an der Stelle. „Feeling lau today.“
Es gibt viele schöne Sätze in diesem Buch, etwa diesen hier: „Die Kirchtürme stehen wie Schachfiguren in einer ewigen Pattsituation.“ Die Damen sind die stärksten Figuren, beim Schach und in diesem Roman. Sie zu besiegen, ist unvorstellbar.
Martin Beyer: Elf ist eine gerade Zahl, Roman, List/Ullstein, Hardcover, 22,99 Euro

