Spielzeiteröffnung am Theater in BambergKafka, Bier und schöne Bilder

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Riecher für starke Bilder: Bei „Kafkas Erzählungen“ am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg kann es passieren, dass vom Vater (im Kostüm: Barbara Wurster) für die Tochter (Hermia Gerdes) nur die Nase zu sehen ist.
Riecher für starke Bilder: Bei „Kafkas Erzählungen“ am E.T.A.-Hoffmann-Theater in Bamberg kann es passieren, dass vom Vater (im Kostüm: Barbara Wurster) für die Tochter (Hermia Gerdes) nur die Nase zu sehen ist. (Foto: Marian Lenhard)

John von Düffel beginnt seine Intendanz am E.T.A-Hoffmann-Theater in Bamberg mit der Uraufführung von „Das letzte Bier“ von Jaroslav Rudiš und „Kafkas Erzählungen“. Er verspricht nicht zu viel, wenn er sagt: „Der poetische Raum ist eröffnet!“

Von Yvonne Poppek, Bamberg

„Ich winselte einmal in der Nacht immerfort um Wasser“, schrieb Franz Kafka 1919 in seinem „Brief an den Vater“. Es ist eine seiner Erinnerungen an den für ihn übermächtigen Hermann Kafka. Sein Vater nahm ihn als Strafe in dieser Nacht irgendwann aus dem Bett, stellte ihn, das kleine Kind, vor die Haustür und ließ ihn „dort allein vor der geschlossenen Tür ein Weilchen im Hemd stehen“. Noch Jahre litt Franz Kafka unter der quälenden Vorstellung, dass ihn sein Vater einfach draußen abstellen konnte, dass er „ein solches Nichts für ihn war“.

Es ist eine der vielen traurigen Passagen in dem berühmten, nie abgeschickten Brief, in dem Kafka den Konflikt mit dem Vater irgendwie aufzuarbeiten, für sich zu bewältigen versucht. Der sehr persönliche Text ist lange schon ein Schlüssel in der Kafka-Forschung. Wie sich solche Textzeilen zart und bildhaft einprägen können, wie sich Privates in ein menschlich Allgemeines überführen lässt, zeigen nun „Kafkas Erzählungen“ am E.T.A.-Hoffmann Theater in Bamberg, inszeniert von Hausregisseur Jasper Brandis.

Der Autor und Dramaturg John von Düffel hat sich mit diesem Auftakt seiner Intendanz in Bamberg einen Traum erfüllt. Schon vor eineinhalb Jahren habe er gewusst, dass er mit „Kafkas Erzählungen“ sein Haus eröffnen wolle, sagt er nach dem Schlussapplaus am Freitagabend auf der großen Bühne. „Das, was ich mir erhofft habe, ist eingetreten.“ Mit Emphase schließt er dann seine sehr knappe Rede: „Der poetische Raum ist eröffnet!“ Und zugegeben, so ist es.

Es ist ein zurückhaltender, sympathischer Auftritt, den der Intendant zur Eröffnung hinlegt. Er drängt sich nicht nach vorn, da gehört für ihn offensichtlich ausschließlich hin, worum es geht: das Schauspiel. Dessen Zartheit und Poesie will er durch das Profane des Offiziellen nicht beschädigen. Was jetzt nicht heißt, dass es an Gemütlichkeit fehlt. In den Pausen wird ein Grill angeschmissen, es gibt Bratwurst und Semmel, das Publikum bleibt dicht zusammen, sichtlich entspannt. Und nicht zuletzt kommt auch eine Bamberger Spezialität nicht zu kurz, das Bier. Denn gleich zwei Premieren bilden den Beginn: Im Studio ist schon am Spätnachmittag das Auftragswerk „Das letzte Bier“ von Jaroslav Rudiš zu sehen, ein feiner Text, den Düffel zurecht als „Bier-Beckett“ bezeichnet.

Doch zunächst zurück zu „Kafkas Erzählungen“. Die Textfassung hat John von Düffel selbst erstellt. Zentrales Element ist der „Brief an den Vater“, dazu kommen Tagebucheinträge und Erzählungen wie „Die Verwandlung“, „Das Urteil“, „Josefine, die Sängerin“ oder „Der große Schwimmer“. Das Wasser und das Schwimmen sind für Düffel etwas Elementares, sind zentrale, oft titelgebende Motive seiner Bücher. Und so schreibt er sich selbst auch ein wenig in diesen Abend ein, indem er Kafkas Leidenschaft für diesen Wassersport in den Blick nimmt.

Ein Thema darf natürlich nicht fehlen: das Schwimmen

Das Bauprinzip ist vertraut, gleicht etwa jenem aus „Andersens Erzählungen“ am Residenztheater oder gar Offenbachs „Hoffmanns Erzählungen“, womit eine Verbindung zum Namensgeber des Bamberger Theaters existiert. Düffel verknüpft sinnfällig Autor und Werk, ein Fest für Freunde der psychologisierenden Textanalyse. Der Vater aus dem Brief wird zu Vater Samsa aus der „Verwandlung“, der verkannte, unterdrückte Sohn lässt sich mit dem Ungeziefer darin assoziieren, parallel läuft die enge Beziehung zur Schwester. Und dann natürlich: das Schwimmen.

Aus dem Tagebuch Kafkas wird zunächst Folgendes – quasi als Beleg – auf die Bühne projiziert: „Deutschland hat Russland den Krieg erklärt – nachmittags Schwimmschule.“ Der schwarze Hintergrund wird daraufhin transparent, nach und nach tritt ein fünfköpfiges Ensemble auf, das mal Franz Kafka, mal seine Familie, mal seine Figuren gibt. Hermia Gerdes, Leon Tölle, Stephan Ullrich, Florian Walter und Daniel Warland sind so zart und zauberhaft verbunden wie der Text gewebt ist. Gleiches gilt für Laura Röseler und Barbara Wurster, die kurz darauf samt einer menschengroßen Puppe auftreten werden.

Doch zuerst gehört der Fünfergruppe in Herrenbadeanzügen aus Kafkas Zeit die Bühne. Sie zitieren wechselnd aus dem „Brief an den Vater“, bis sie schnell zu der quälenden Kindheitserinnerung gelangen. Daniel Warland bildet hier aus einem weißen Handtuch eine Art Puppe, schnürt einen kleinen Teil mit der Hand ab, formt so den Kopf. Die übrigen geben auf gleiche Weise dem Handtuch Händchen und Beinchen. Zerbrechlich zittert dieses Handtuch-Kerlchen, das schließlich bei den Worten „ein solches Nichts“, von allen Händen entlassen, als Hülle auf den Boden sinkt.

Regisseur Jasper Brandis hat bestechende Ideen, wie zum Beispiel Franz Kafka als Handtuch-Kerlchen zu zeigen.
Regisseur Jasper Brandis hat bestechende Ideen, wie zum Beispiel Franz Kafka als Handtuch-Kerlchen zu zeigen. (Foto: Marian Lenhard)

Es ist ein bestechend schlichtes und starkes Bild, das Regisseur Brandis gefunden hat. Wie er überhaupt zusammen mit Ausstatterin Anna Siegrot ein Bilderpoeten-Duo zu sein scheint. Manchmal möchte man gerne kurz eine Pausentaste haben, um länger hinzuschauen. Allerdings würde das den Fluss stören, die weichen, unmerklichen Übergänge von einem zum nächsten.

Da wären zum Beispiel die altmodischen, spitzdächigen Umkleidekabinen einer Badeanstalt: Sie sind mal Umkleidekabine, mal minutiös und possierlich ausgestattetes Zimmerchen, mal einfach Zimmerwand. In ihnen zittert Warland als kleiner Franz vor der Schwimmstunde, Ullrich und Walter dröhnen aus ihnen in der Vater-Rolle, Tölle müht sich, ihre Türen alle zuzuschlagen, das Quälende einzusperren, und Röseler zuckt daraus als Ungeziefer. Die Ideen wuchern.

Auch Körperteile wuchern – passend zu Franz Kafkas Werk

So wie übrigens auch, schön kafkaesk, Körperteile wuchern: Barbara Wurster steckt oftmals in einem kindsgroßen Nasen-Kostüm, die Beine ragen aus den Nasenlöchern. Sie ist der auf das grunzende Riechorgan reduzierte Vater, grotesk, abstoßend, Furcht einflößend, dominant. Was die Inszenierung schließlich auch noch kann, ist witzig sein. Es ist in Summe ein Auftakt mit Alleskönner-Qualität.

Die hat im übrigen auch das Zwei-Personen-Stück „Das letzte Bier“ im Studio. Das liegt schon am Text, den Jaroslav Rudiš eigens für die Brauerei-Stadt Bamberg geschrieben hat. Die Dialoge zwischen den Figuren Josef und Karl erinnern an jene zwischen Becketts Wladimir und Estragon. Die beiden sind allein, vielleicht zehn Tage, vielleicht auch zehn Jahre. Die von beiden geliebte Marie hat sie verlassen. Und nun warten der Trinker Josef und der Brauer Karl auf alles und nichts, verstricken sich in absurde Gespräche über Bier, Träume, Erinnerungen. In ihren schlichten Weisheiten knospen Wahrheiten, sprießt der Witz. Rudiš beherrscht die Kunst der Reduktion, nichts ist zu viel in seinem in Melancholie, Endzeitstimmung und Bierdunst eingehüllten Stück, das auch auf die Bühnen außerhalb Bambergs gehört.

Die Uraufführung von „Das letzte Bier“ ist mit Eric Wehlan und Daniel Seniuk (von links) top besetzt.
Die Uraufführung von „Das letzte Bier“ ist mit Eric Wehlan und Daniel Seniuk (von links) top besetzt. (Foto: Marian Lenhard)

Bamberg hat allerdings mit einer sehr guten Besetzung vorgelegt, es spielen Eric Wehlan und Daniel Seniuk. Wehlan gibt den Typen, an dessen Tisch in der Kneipe sicher der größte Spaß herrscht, während die Anziehungskraft von Seniuks Figur in einer fast abweisenden Kühle liegt. Ihre feinen, präzisen Gesten, Blicke, Pausen, Betonungen lassen Rudiš’ Text noch einmal biergoldener glänzen. Tim Egloff gibt den Schauspielern mit seiner Regie dafür den entsprechenden Raum. Dabei stellt die schiefe, erhöhte Ebene, die Bühnenbildner Jeremias Böttcher bauen ließ, die beiden vor die Herausforderung, keine Sekunde die Spannung fallen zu lassen, so ausgestellt, wie sie darauf sind. Es gelingt ihnen tadellos.

Beide Inszenierungen verbindet nun, dass sie über den gegenwärtigen Krisen zu schweben scheinen. Die grässliche Schwere der Zeit fehlt. Sie wird nicht verleugnet, aber sie drückt einen auch nicht nieder. Behutsam, schön sind die Abende. Wie pastellfarbene, weiche Luftballons im grauen Wind der Gegenwart. Treffend ist da die Beschreibung des Intendanten für sein Theater als ein „poetischer Raum“. Dieser hat hier durchaus einen Elfenbeinschimmer. Aber warum nicht? John von Düffel eröffnet in Bamberg mit Balsam fürs aufgeriebene Herz.

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