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Bildung:Im Gänsemarsch zum Unterricht

Schüler kehren zurück in die Berufsschule in Bamberg

Mit angemessenem Abstand kehrten die Bamberger Berufsschüler am Montag zurück zum Unterricht. Sie machen bald ihren Abschluss, deswegen gehören sie zu den ersten, die wieder in die Schule gehen.

(Foto: Berufsschule Bamberg)

An die Berufsschulen kehren besonders viele Schüler zurück, weitaus mehr als anderswo. Das stellt die Schulleiter vor spezielle Herausforderungen. Denn wenn der Platz fehlt, wird es schwierig mit den Abstandsregeln.

Von Anna Günther, Bamberg

Das kleine Wort zeigt, wie anders dieser erste Schultag ist: Pankraz Männlein spricht viel von "Strömen", als er am Montag über seine Schüler redet. Damit dieser erste Schultag nach sechs Wochen Corona-Zwangspause reibungslos funktioniert, tüftelte der Bamberger Schulleiter Männlein seit den Osterferien an einem Plan, wie er die "Schülerströme" lenken kann. Damit die Jugendlichen Abstand halten können. Das Ziel: Schüler und Lehrer an der Staatlichen Berufsschule III in Bamberg sollen sich trotz des Infektionsrisikos sicher fühlen.

Alle bayerischen Schulleiter werden diese Sicherheit vermitteln wollen. Und das Hygienekonzept der Staatsregierung ist eindeutig: 1,5 Meter Abstand zwischen den Bänken, nicht mehr als 15 Schüler pro Zimmer, geschlossene Gruppen, kein Pausenverkauf, keine Pause draußen, keine Mensa, Toilettengänge nur einzeln, Desinfektionsstationen. Aber die Ansage der Staatsregierung, von Montag an für alle Abschlussklassen die Schulen zu öffnen, stellt Männlein wie viele Schulleiter an beruflichen Schulen vor besondere Herausforderungen: An Gymnasien, Realschulen und Mittelschulen kehrt ein Jahrgang zurück. Mehr als 100 Schüler sind es selten. Dagegen haben es die beruflichen Schulen mit komplexeren Strukturen zu tun - und mit deutlich mehr Lernenden.

3000 Berufsschüler gehen üblicherweise im Bamberger Schulgebäude ein und aus, 1900 von ihnen besuchen Männleins kaufmännische Schule. 400 machen in wenigen Wochen ihre Abschlussprüfungen. Für Männlein zu viele, um die Hygiene- und Abstandsregeln einzuhalten. "Was auf dem Papier steht, ist schön und gut, aber die Schüler kommen vom Bahnhof und mit dem Öffentlichen Nahverkehr. Dann stehen Hunderte Schüler vor der Tür", sagt der Direktor. Stichwort Schülerströme. Um diese lenken zu können ließ er einen Teil der Abschlussklassen lieber daheim. Etwa 200 Schüler kamen am Montag ins Bamberger Schulgebäude, die Tore standen weit offen, damit niemand Klinken anfassen musste. Warnschilder, Bodenmarkierungen und Desinfektionsmittelspender mahnten Schüler wie Lehrer zur Vorsicht. Verteilt wurden die Grüppchen über vier Stockwerke. "Damit es keine Staus auf den Toiletten gibt", sagt Männlein.

Als Chef des Berufsschullehrerverbands fordert Männlein mehr Freiheiten für Schulleiter, damit sie individuelle Lösungen finden können. "Wir brauchen flexible Beschulungsmodelle, keine pauschalen Pläne", sagt Männlein. Schon die nächste geplante Öffnung am 11. Mai könnte sonst zu Platzproblemen an vielen beruflichen Schulen führen. Dazu kommen die Prüfungen, die Männlein mit sieben Kammern absprechen muss - und die meist an der Schule stattfinden. Dafür braucht er weitere Räume und noch mehr Aufsichtspersonal. Die Fach- und Berufsoberschulen (FOS/BOS) wären am 11. Mai sogar vollzählig, falls die Schüler zurückkehren dürfen, die im kommenden Jahr ihren Abschluss machen. Den FOS/BOS legt das Kultusministerium in einem Schreiben Schichtunterricht oder Samstage nahe. Und die Fortsetzung des Lernens daheim.

Auch Männlein setzt auf die Digitalisierung, aber er will digitales Lernen und Präsenz individuell einsetzen, nicht nach Jahrgängen getrennt. Etwa, um Schüler aus schwierigem Umfeld früher in die Schule zu holen als andere ihres Jahrgangs. Der digitale Unterricht habe sich eingespielt in den vergangenen Wochen, sagt er. Seine Lehrer hätten sich "reingestürzt", viele kommunizierten in digitalen Klassenräumen mit ihren Schülern. Die Software eines großen Herstellers mache es möglich. "Vor der Schulschließung durften wir das Programm nicht nutzen, das machen wir jetzt einfach", sagt Männlein. Die geteilten Klassen werden parallel unterrichtet, die Lehrerin steht in einem Raum - und per Video zugleich bei der anderen Gruppe im Nachbarzimmer. Nach Tüftelei und Probeläufen war Männlein stolz auf diese Pläne - und musste nach dem ersten Schultag einsehen, dass die Technik ein Nadelöhr bleibt. Vieles klappte, nicht alles. Obwohl seine Schule gut ausgestattet sei. Die Regel ist das nicht: Schulen in ländlicheren Gebieten ohne schnelles Internet und jene in klammen Kommunen müssen sich eigene Lösungen einfallen lassen.

Die Fach- und Berufsoberschule in Erding setzt auf Unterricht im Schichtbetrieb, um die Hygiene- und Abstandsregeln einhalten zu können. Anders wäre Prüfungsvorbereitung mit allen Abschlussschülern nicht möglich: 464 von 779 jungen Frauen und Männern kamen am Montag zurück in die Schule. 29 000 waren es in ganz Bayern, mehr als die Hälfte aller FOS/BOS-Schüler. An den Gymnasien sind es zwölf Prozent, an Berufsfach- und Technikerschulen zwischen einem Viertel und der Hälfte aller Schüler. Empfangen wurden die Erdinger wie in Bamberg mit offenen Türen und mit Schutzmasken. Trotzdem schwärmt Daniel Burger sogar vom ersten Tag: "Das hat sich angefühlt wie ein neues Schuljahr, jeder war mit Grinsen im Gesicht da, auch die Lehrer." Der Landesschülersprecher gehört zur Vormittags-Schicht, das klappe gut. Und es sei "definitiv" ein gutes Gefühl gewesen, mal wieder vor einem Lehrer zu sitzen, sagt Burger. Und zu hören, dass er in den Wochen allein daheim das Richtige gelernt habe.

Von fröhlichen Schülern berichtet auch Pankraz Männlein. Zwar hätten einzelne geklagt, dass ihre Ausbildungsbetriebe ihnen keine Zeit zum digitalen Lernen ließen. "Das geht nicht, die Betriebe müssen mitziehen, damit die Schüler sich auf ihre Prüfung vorbereiten können", sagt Männlein. Trotzdem ist sein erstes Fazit positiv: Die Schüler hätten sich an die Regeln gehalten. Und sie sind im Gänsemarsch brav wieder aus dem Gebäude geströmt.

© SZ vom 28.04.2020/syn
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