Bamberg als VorbildSchaut auf diese Stadt!

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Der Dom ist – neben dem Geist der Universität – prägend für die Stadt Bamberg.
Der Dom ist – neben dem Geist der Universität – prägend für die Stadt Bamberg. (Foto: Nicolas Armer/dpa)

„Unwiderruflich“ soll das große Aufnahmelager für Asylbewerber schließen Ende 2025, so war es Bamberg vertraglich zugesichert. Nun kommt es anders. Wie die Bamberger damit umgehen – ist mustergültig.

Kolumne von Olaf Przybilla

Pacta sunt servanda lautet einer der Grundsätze des öffentlichen wie des privaten Rechts, Verträge sind einzuhalten. Für die Hausordnung gilt das genauso wie für die Verbindlichkeit internationaler Vereinbarungen. Keine Kleinigkeit also, schon gar nicht, wenn solche Abmachungen mit großen Worten hantieren. „Unwiderruflich“ ist so ein Großwort. Wenn etwas explizit „unwiderruflich“ zu Ende sein soll irgendwann, dann muss man sich darauf verlassen können.

Zumal, wenn ein Bundesland dergleichen zusichert. Der Freistaat Bayern zum Beispiel.

Der hat vor zehn Jahren vertraglich zugesichert, das große Aufnahmelager für Asylbewerber in Bamberg, „Ankerzentrum“ genannt, Ende 2025 „unwiderruflich“ zu schließen. Im Januar 2026 geht es dort aber im Wesentlichen genauso weiter wie seit 2015. Pacta sunt servanda? Gehandelt wird im Fall Bamberg eher wie in Schillers „Wallenstein“: Vor Tische las man’s anders.

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So gäbe es nun hinreichend Anlass zur Fundamentalkritik. Nicht zuletzt für die Bamberger. Ihre Stadt ist schön, sie ist begehrt bei Wohnungssuchenden, der Raum, sich auszuweiten, ist begrenzt. Und Lager, in denen Menschen auf engem Raum zusammenleben müssen, sind niemals attraktiv. Für die drinnen nicht. Für die draußen auch nicht.

Dementsprechend hat Bamberg gerungen in den vergangenen Jahren. Mit sich selbst. Und mit den überörtlichen Behörden. Dürfte es solche Lager – auch wenn man sie euphemistisch zum „Zentrum“ erklärt – überhaupt geben in einer idealen Welt? Und wenn es schon sein muss, angeblich: Gilt dann nicht das zugesicherte Versprechen? Was gilt ein „unwiderruflich“ überhaupt – falls es nur zählt bis zum offiziellen Widerruf?

All das hat die Stadt Bamberg argumentativ in Stellung gebracht, natürlich. Immer wieder. Dann ist der Stadtrat kurz vor Weihnachten zu einer Sondersitzung zusammengetreten. Und hat zugestimmt, mit einer Mehrheit von knapp drei Vierteln. Und zwar dafür, dass das besagte „Ankerzentrum“ weiter betrieben werden darf und kann. Wenn’s unbedingt sein muss. In Gottes Namen.

Darf man Letzteres sagen in so einem Zusammenhang? Womöglich schon: Karitatives Handeln hat eine Tradition in dieser Stadt, man spürt es, auch wenn man mit dem alles überragenden Dom nichts am Hut hat. Genauso ist Bamberg von der Universität geprägt, einer gewissen Weltläufigkeit. Und nicht zuletzt auch von einem oberfränkischen Wesenszug: „Ach, Goddala“ sagt der Einheimische, wenn sich bei Auswärtigen schon Erregungspusteln abzeichnen.

Weiterbetrieb des „Ankerzentrums“? Das hat in Bamberg wohl wirklich niemand leidenschaftlich gewollt. Die wenig attraktiven Alternativen abwägend, die Notlage jenseits eines lokalen Tellerrands einbeziehend, haben sich trotzdem mehr als 73 Prozent Notfall-Vernünftige zusammengefunden im Stadtrat. Und die Stadtgesellschaft? Atmet diese Entscheidung nach gemeinsamen Ringen unter Demokraten ebenso weg, ohne orkanartige Prinzipienreiterei oder gar menschenfeindliche Eruption.

Leute, schaut auf diese Stadt? Das wäre den Oberfranken vermutlich zu operettenhaft. Aber ein wenig darf die Republik schon blicken gen Bamberg. Gerne auch über 2026 hinaus.

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