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Bahnhof Kempten:Hinschauen, Ansprechen, Machen

Als Mädchen lernte Marlies Sulzer (links) am Bahnsteig das Zählen, bis 52, so viele Waggons zog die Lok. Heute arbeitet sie ehrenamtlich bei der Bahnhofsmission und hilft Reisenden wie dieser Dame.

(Foto: Ulrike Schuster)

Die Bahnhofsmission in Kempten ist anders als die übrigen in Bayern. Marlies Sulzer schenkt keine Suppe an Obdachlose aus. Sie hilft Reisenden. Schleppt Gepäck, sucht den richtigen Bahnsteig - und kassiert Abfuhren.

Da steht eine Frau am Bahnsteig von Gleis 3 und 4, es ist 9.14 Uhr, Kempten Bahnhof. Es schneit und stürmt, es hat zwei Grad minus; zum Allgäuer Winter kommt Sturmtief Friederike. Die Frau dreht sich im Kreis, schaut links, schaut rechts, die Jacke trägt sie offen. "Kann ich helfen?", fragt Marlies Sulzer, die blaue Bahnhofsmissions-Jacke reicht ihr bis zu den Knien. "Wo geht's weiter nach Köln?", fragt die Frau. Sie sehe nicht mehr gut. Auf der Hinfahrt sei sie nicht mittags in Pfronten, dafür abends in Kaufbeuren gelandet. Sulzer setzt sie auf die Bank, sagt: "In 20 Minuten fährt ihr IC hier ab. Zum Einsteigen bin ich wieder bei Ihnen." Bis dahin wird sie zwei Koffer die Treppen hochgeschleppt, zwei Rollstühle die Rampe nach oben geschoben und dreimal erklärt haben, was die Wagenstandsanzeige bedeutet. Um 9.55 Uhr ist der Bahnsteig leer. Sulzer zieht sich zurück in ihre Missions-Stube, Zeit sich aufzuwärmen.

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