Süddeutsche Zeitung

Schienenverkehr:Bahnchaos erbost die BEG

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Bayerische Eisenbahngesellschaft kritisiert die DB wegen der zahllosen Zugausfälle vor allem in Südbayern. Das Werdenfelsnetz ist so gut wie lahmgelegt.

Von Maximilian Gerl, München/Garmisch-Partenkirchen

Wenn die Bayerische Eisenbahngesellschaft (BEG) scharfe Worte wählt, muss die Lage ernst sein: Schließlich bestellt sie für den Freistaat den Regionalverkehr auf der Schiene und ist damit mitverantwortlich, dass dieser fährt. Wenn er fährt. "Zustand der Infrastruktur auf regionalen Bahnstrecken inakzeptabel", hat die BEG ihre Alarmmeldung an diesem Montag überschrieben angesichts der sich zuletzt häufenden Probleme auf Bayerns Gleisen. "Die jüngste Entwicklung ist wirklich erschreckend", wird Geschäftsführerin Bärbel Fuchs in der Mitteilung zitiert. "Ein planbarer Betrieb ist unter diesen Bedingungen kaum noch möglich, von einer angemessenen Fahrgastinformation ganz zu schweigen."

Das entspricht den Erfahrungen vieler Bahnreisender dieser Tage. In Zahlen lässt sich das in der sogenannten Pünktlichkeitsquote greifen. Diese lag im gesamten bayerischen Regional- und S-Bahn-Verkehr im Juni bei 82,8 Prozent - eine deutliche Verschlechterung, verglichen mit den durchschnittlich 92,4 Prozent von Januar bis Mai. Die Ursache in beinah der Hälfte aller Fälle: Infrastrukturdefizite. Ihr Anteil an allen Verspätungen wuchs von 36,9 Prozent auf 45,4 Prozent.

"Dabei verbergen die Durchschnittszahlen für ganz Bayern eine noch deutlich drastischere Entwicklung im regionalen Streckennetz abseits der Hauptverkehrsachsen", heißt es von der BEG. "Auf diesen Strecken, wo in der Regel keine oder kaum Fernverkehrszüge fahren, ist der Zustand der Infrastruktur in Teilen noch schlechter." Die Zugausfallquote aufgrund von Streckensperrungen wurde von der BEG wegen fehlender Daten nicht berücksichtigt.

Die vorliegenden Zahlen decken sich auch mit den Erfahrungen der privaten Eisenbahnunternehmen. Letztere klagen seit Wochen über Betrieb am Limit, zahlreiche neue Langsamfahrstellen, die Fahrpläne durcheinander brächten, sowie kurzfristig angesetzte Streckensperrungen. So wurde vergangenen Freitag der von der Bayerischen Regiobahn bediente Abschnitt zwischen Bad Reichenhall und Berchtesgaden vorübergehend gesperrt. Die Woche zuvor war die Strecke gen Augsburg zwischen Schongau und Peißenberg plötzlich dicht. Und wegen Bauarbeiten zwischen Freilassing und Traunstein endet der RB 27548 noch bis diesen Mittwoch vorzeitig in Teisendorf.

1250 Verspätungen im Juni

Als eine Art Paradebeispiel gilt jedoch das von der Bahn-Tochter DB Regio betriebene Werdenfelser Netz. Auf den Gleisen zwischen München, Garmisch-Partenkirchen, Kochel und Oberammergau stieg laut BEG die Zahl der Verspätungen, die auf Fahrbahnmängel zurückzuführen sind, auf mehr als das Zwanzigfache. 1250 Fälle schlugen demnach nur für den Juni zu Buche, Zugausfälle noch nicht eingerechnet.

Aktuell ist im Netz die Strecke Murnau - Garmisch-Partenkirchen - Mittenwald wegen Reparaturen dicht. Wer zu den Passionsspielen in Oberammergau reisen will, muss daher ab Murnau auf Ersatzbusse ausweichen. Ein Abschnitt bei Garmisch ist zudem noch wegen des Zugunfalls vom 3. Juni gesperrt, bei dem Mängel am Oberbau als eine wahrscheinliche Ursache gehandelt werden. Die DB inspiziert und tauscht deshalb derzeit bundesweit und "vorsorglich", wie es in einer Konzernmitteilung heißt, Schwellen eines bestimmten Bautyps aus, der "von den ermittelnden Behörden geprüft" werde.

Angesichts der Missstände fordert BEG-Chefin Fuchs die DB Netz zu einer besseren präventiven Instandhaltung der Infrastruktur auf: "Es darf nicht sein, dass bei nahezu jeder Messzugfahrt neue Langsamfahrstellen oder gar komplette Streckensperrungen hinzukommen." Außerdem sei es inakzeptabel, "dass es DB Regio selbst sechs Wochen nach dem Zugunglück nicht gelingt, ausreichend Schienenersatzbusse rund um Garmisch-Partenkirchen bereitzustellen". Für Verkehrsminister Christian Bernreiter (CSU) steht der Bund in der Pflicht "massiver Investitionen" in die Regionalnetze. Diese sind ohnehin Anlass für Dauerstreit: Regelmäßig fordern die Länder mehr Mittel für den ÖPNV, was der Bund ebenso regelmäßig zurückweist.

"Kapazitätsengpässe und hohe Krankenstände"

Auf die BEG-Forderungen angesprochen, zeigt man sich bei der Deutschen Bahn ein bisschen selbstkritisch. "Wir wissen, dass wir unseren Fahrgästen - insbesondere auch in der Region Werdenfels - derzeit nicht die Qualität und Zuverlässigkeit bieten, die unsere Kunden zurecht von uns erwarten", teilt eine Sprecherin mit. Für die Probleme beim Schienenersatzverkehr seien aber "Kapazitätsengpässe und hohe Krankenstände" ursächlich, die den bayerischen Busmarkt derzeit stark träfen. Zusammen mit Bund und Ländern investiere man so viel in Modernisierung sowie Neu- und Ausbau des Streckennetzes wie nie. 2,35 Milliarden Euro stünden im laufenden Jahr allein für die bayerische Infrastruktur zur Verfügung - unter anderem für rund 310 Kilometer Gleis, 325 Weichen und 27 Brücken.

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