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Tierschutzskandal in Bayern:Barbarei im Kuhstall

Kreisbehörde kündigt Tierhaltungsverbot für Rinderhalter an

Eine Faustregel besagt, dass es für 50 Kühe eine Vollzeitkraft im Stall braucht. Doch das wird nicht auf allen Milchviehhöfen eingehalten.

(Foto: Karl-Josef Hildenbrand/dpa)

Im Allgäu laufen gegen gleich mehrere Milchviehbetriebe Ermittlungen wegen Tierquälerei. Warum genau dort? Eine Spurensuche.

Sie sind es inzwischen gewohnt, dass auf dem Feldweg unweit vom Hof Autos halten. Sie stehen ja jetzt unter Beobachtung. Erst am Donnerstag waren Staatsanwaltschaft und Polizisten wieder auf dem Hof in Dietmannsried, sie haben Unterlagen beschlagnahmt und Akten mitgenommen. 500 Kühe hielt der Landwirt dort, dazu etwa 100 Kälber, viele Tiere in schlechtem Zustand. Bereits im Dezember mussten sechs Rinder notgetötet werden. Wenn da also wieder mal ein Auto mit einem Tierschützer drin steht, mit bestem Blick auf den Hof, um alles zu dokumentieren, dann nehmen sie das inzwischen mit Galgenhumor - und winken. Und wackeln mit den Hüften. Ein kleiner Tanz zur Begrüßung.

Höflich sind sie, so aus der Ferne, nur reden will eigentlich keiner mehr so richtig, nicht in Dietmannsried, nicht in Bad Grönenbach. Der Bürgermeister von Bad Grönenbach sagt: "Es ist doch schon alles gesagt." Betroffene Landwirte sagen: "Wir wollen nichts sagen." Andere Landwirte im Ort wollen auch nichts sagen, höchstens ein bisschen, am Telefon, ohne Namen. Die Lage ist schon explosiv dort an der A 7, an der Grenze zwischen dem Unterallgäu und dem Oberallgäu, seit im Sommer massive Tierrechtsverstöße in der Gegend öffentlich geworden sind. Erst auf einem Hof. Dann beim zweiten. Und dann beim dritten, vierten und fünften, alle im Umkreis von ein paar Kilometern. Es stellt sich deshalb die Frage: Warum immer dort? Was ist da los, in den beiden Orten und drum herum?

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Philipp Hörmann hätte die eine oder andere Antwort. Der Tierrechtsaktivist kommt aus Bad Grönenbach; er hat einige der Fälle von Tierquälerei aufgedeckt. Er kennt sich dort bestens aus. Aber zunächst reicht ein Blick auf die Daten, um den Landstrich zu verstehen. Der Landkreis Unterallgäu ist die Milchregion Nummer eins im Freistaat, mit Abstand, schon deshalb stehen die Höfe im Fokus. 2016 gab es dort laut statistischem Landesamt 1433 Milchbauern und 70 339 Milchkühe. Im Schnitt hielt jeder Unterallgäuer Milchbauer also 49 Kühe. Das ist wenig im Vergleich zu Niedersachsen oder vor allem Mecklenburg-Vorpommern, wo ein Hof im Schnitt 236 Kühe hält. Aber es ist viel im Vergleich zum Nachbarlandkreis Ostallgäu, der in der bayerischen Milchwirtschaft auf Rang zwei folgt. Dort standen 2016 durchschnittlich 41 Kühe auf den Bauernhöfen. Und von Region zu Region sinkt die Zahl. Im Landkreis Oberallgäu sind es nur noch 30 Milchkühe pro Hof.

Das Allgäu, vor allem der Landkreis Unterallgäu, ist wie geschaffen für die Milchviehhaltung. "Unsere Wiesen sind richtig fett und liefern ausgezeichnetes Grünfutter", sagt der Unterallgäuer Landrat Hans-Joachim Weitrather. Dank der guten Böden und des vielen Regens im Allgäu können die Bauern sie fünf oder sogar sechs Mal im Jahr mähen. Anderswo in Bayern sind höchstens vier Schnitte drin. Die Allgäuer Milchbauern haben aber auch Futtermais. Denn die Äcker dort liefern ebenfalls hohe Erträge. Und dann ist da noch die Mentalität, von der Gerhard Dorfner berichten kann. Er ist Agraringenieur an der Landesanstalt für Landwirtschaft und einer der führenden Experten für Milchwirtschaft in Bayern. Er sagt, dass die Bergbauern weiter im Süden viel stärker an ihren traditionellen Wirtschaftsweisen und kleinen Höfen festhalten. Sie können es sich aber auch leisten. Im südlichen Allgäu boomt der Tourismus, im Unterallgäu dagegen spielt der Fremdenverkehr kaum eine Rolle. "Wer nur von der Milchwirtschaft leben will, braucht mehr Kühe im Stall als einer, der Zimmer für Feriengäste anbieten kann", sagt Dorfner.

Vier der fünf Höfe, die nun vor allem im Fokus der Ermittlungsbehörden stehen, zählen mit jeweils 500 und mehr Kühen zu den bislang wenigen, extrem großen Milchviehhaltern in Bayern. Der erste durchsuchte Betrieb in Bad Grönenbach dürfte mit damals 1800 Kühen der größte Milchbauer in ganz Bayern gewesen sein. Ein anderer Betrieb im Ort dürfte nur geringfügig kleiner gewesen sein. Insider, die beide Betriebe gut kennen, sagen, beide Familien hätten sich viele Jahre ein "regelrechtes Wettrennen" im Wachstum geliefert. Es ist keine zehn Jahre her, dass sich der eine in Lokalzeitungen dafür feiern ließ - mit Titeln wie "Blick auf die Landwirtschaft der Zukunft".

Gegen alle fünf Betriebe laufen nun umfangreiche Ermittlungen. Der Verdacht: Verstöße gegen das Tierschutzgesetz. Allein in Bad Grönenbach führt die Staatsanwaltschaft Memmingen 15 Verdächtige - unter ihnen die Leiter der drei Milchviehbetriebe, neun Mitarbeiter von ihnen und drei Hoftierärzte. Sollten sich die Vorwürfe bestätigen, drohen ihnen Geld- oder sogar Freiheitsstrafen bis zu drei Jahren. Gegen einen der drei Betriebsleiter und einen Mitarbeiter hat die Staatsanwaltschaft bereits ein vorläufiges Tierhalteverbot verhängt. Das ist womöglich der Grund, warum der Sohn des Betriebsleiters schon vor Wochen erklärt hat, er werde künftig keine Rinder mehr halten.

Tierrechtsverstöße sind ein "individuelles Versagen und nicht hinnehmbar"

Nun ist es nicht so, dass nur große Höfe Tierrechtsverstöße begehen. Es gibt ganz sicher auch welche auf kleinen. Wo immer sie stattfinden, sie sind ein "individuelles Versagen und nicht hinnehmbar", sagt Hans Foldenauer, Sprecher des Bundesverbands deutscher Milchviehhalter. Für ihn haben sie aber auch mit der modernen Landwirtschaft zu tun. Genauer gesagt, mit dem Druck, der auf den Milchbauern lastet. "Die Zeichen der Agrarpolitik in Deutschland und Europa stehen weiter auf immer größere Betriebe, immer noch billigere Preise für unsere Produkte und immer noch mehr Intensivierung." So lange die Politik da nicht umsteuere, könnten auch Missstände beim Tierschutz nicht wirklich angegangen werden.

Eine Faustregel lautet, dass es für 50 Kühe eine Vollzeitkraft im Stall braucht, die Arbeit auf den Feldern nicht eingerechnet. "Ich kenne aber genügend Höfe, auf denen versorgt eine Arbeitskraft 80 oder gar 100 Kühe", sagt Foldenauer. Wenn der Betriebsleiter dann überfordert sei, könne das der Anfang sein, dass der Hof aus dem Ruder läuft. Foldenauer sagt aber auch, was die Allgäuer Bauern sagen, die lieber nicht öffentlich reden: Alle Fälle, die nun bekannt geworden sind, seien Einzelfälle. "Die übergroße Mehrheit der Bauern wirtschaftet so, dass es den Tieren gut geht."

Das ist ein Argument, mit dem Tierrechtsaktivist Hörmann wenig anfangen kann, auch wenn er die anderen Analysen weitgehend teilt. Jeden Tag, sagt der gelernte Metzger, bekommt er neue Hinweise, nicht nur aus der Region. "Die Rechnung geht also so nicht auf." Die Hinweise erhält seine Organisation "Metzger gegen Tiermord" aus der Schlachtbranche, der Viehtransportbranche und von Landwirten selbst. Deshalb die hohe Trefferquote. Und deshalb auch das Misstrauen und die Sorge rund um Bad Grönenbach und Dietmannsried, öffentlich zu sprechen. "Dann hängt vielleicht bald in meinem Stall eine Kamera", sagt ein Landwirt. Hörmann sagt: "Wenn jemand seine Kühe an einem Frontlader hängen hat, ist das Tierquälerei. Wenn nicht, braucht er keine Angst vor Kameras zu haben."

Was Hörmann so aufregt, ist der kleine Umkreis, in dem die verdächtigen Landwirte tätig waren. Und dass es keiner für nötig hielt, seinen Stall in Ordnung zu bringen, als beim Nachbarn die Polizei stand. "Da hätten sie sich doch denken können, dass sie die nächsten sind. Aber offenbar gibt es keine Angst vor Strafen." Die Sorge, dass es unruhig bleibt rund um die beiden Orte, ist dagegen wohl begründet. "Es wird in der Gegend nicht der letzte Fall bleiben", sagt Hörmann. "Es ist bekannt, wo die schwarzen Schafe sitzen."

© SZ vom 25.01.2020/lfr
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