Süddeutsche Zeitung

Kommunalwahl in Bayern:Ein junger Bürgermeister für Bayerns älteste Gemeinde

Bad Füssing wird oft als Rentnerhauptstadt bezeichnet. Nun haben die Einwohner des Kurortes einen 28-Jährigen zum Bürgermeister gewählt.

Ein Glas Sekt mit der Ehefrau, Freunde und Verwandte zugeschaltet per Skype - mehr Feiern war Corona-bedingt nicht drin für Tobias Kurz, den frisch gewählten Bürgermeister von Bad Füssing in Niederbayern. Und vielleicht passt das auch ganz gut, denn er muss gleich mitanpacken.

Die Krise trifft den Ort mit voller Wucht, da er fast ausschließlich von Urlaubern, Kurgästen und Reha-Patienten lebt. Das Heilwasser und die Infrastruktur haben der Gemeinde auch einen Spitzenreiterposten beschert: Sie ist laut statistischem Landesamt die älteste Gemeinde Bayerns, 53 Jahre alt sind die Einwohner im Durchschnitt; Prognosen besagen, dass der Wert in diesem Jahrzehnt weiter stark steigt.

Ein sterbendes Dorf ist Bad Füssing freilich nicht, sondern der meistfrequentierte Kurort Europas (mit zuletzt 2,4 Millionen Übernachtungen im Jahr) und eine Kommune mit Bevölkerungsplus. Vielen Kurgästen und Patienten gefällt es so gut, dass sie am Lebensabend ins Rottal ziehen. In dem Sinne ist der Wahlsieg von Kurz kurios: Er ist 28 Jahre alt. Ein Jungspund in der oft zitierten "Rentnerhauptstadt".

Ausgerechnet der jüngste von fünf Bürgermeisterkandidaten hatte schon in Wahlgang eins die meisten Stimmen erreicht. Jetzt in der Stichwahl setzte sich Kurz, der die Wählergemeinschaft des Ortsteils Würding vertritt, mit 54,8 Prozent gegen Günter Köck (CSU) durch, den bisherigen Zweiten Bürgermeister.

Als Trotzreaktion, wonach die Bürger sich quasi nach Jugendlichkeit gesehnt hätten, will Kurz seinen Erfolg nicht deuten. Es habe "einfach das Gesamtpaket gepasst", sagt der Verwaltungsmitarbeiter an der Uni Passau. Er konnte "glaubhaft versichern, dass mir Bad Füssing am Herzen liegt und ich für alle Generationen da bin". Wer den Wahlkampf verfolgt hatte, dem drängt sich ein weiterer Erfolgsfaktor auf.

Der Tourismus war im Wahlkampf das Hauptthema

Der Hauptort mit dem Kurbetrieb war einst wie aus der Retorte entstanden, die meisten Leute leben in den dörflichen Kernen drumherum, wie Würding. Und der Gegenkandidat von Kurz, ein lokalpolitisch versierter Hotelier, ist einer jener "Füssinger Geschäftsleute", über die draußen gern die Nase gerümpft wird. Auch der bisherige Bürgermeister Alois Brundobler kommt von der Gruppierung in Würding. Kurz wird von ihm jetzt vor dem offiziellen Antritt an das Amt herangeführt; notwendig in der Krise.

Der Tourismus war im Wahlkampf das Hauptthema, es ging vor allem um dessen Weiterentwicklung - wie man die Kurgäste (die immer seltener ärztlich verordnet anreisen) nicht vergrault und trotzdem attraktiver für selbstzahlende Gesundheitsurlauber und Badegäste wird. Ein Wassererlebniszentrum und eine neue Stelle für einen Tourismusmanager stehen im Raum.

Nun aber wird es erst mal um die Rettung des Geschäftsmodells gehen, mit dem die Gemeinde seit Jahrzehnten bestens gefahren ist. Die Thermen sind geschlossen, Hotels und Pensionen verwaist, "alles auf null gefahren", sagt Kurz. Das wird sich bei den Kur- oder Fremdenverkehrsbeiträgen sowie der Gewerbesteuer zeigen, im Gemeindehaushalt: "Alles ist bei uns an die Gäste geknüpft."

Im Gegenzug gibt es Kosten, welche die Pflichtaufgaben einer normalen Kommune übersteigen, eine üppige Kurgärtnerei oder das Orchester, nur als Beispiele. Zudem hat sich die Gemeinde zuletzt einige Investitionen vorgenommen. Kurz meint, die Staatsregierung müsse die Sondersituation von Kur- und Heilbädern besser berücksichtigen. Seit Langem schon thematisiere man das, etwa mit Blick auf Schlüsselzuweisungen, einem Mittel in der Gemeindefinanzierung. Nach Corona müsse man wieder Fahrt aufnehmen, "die Leute werden aber sicher schnell wieder Lust auf Natur und Gesundheit bekommen, da bin ich Optimist". Die Frage ist gleichwohl, wie andernorts, ob alle Betriebe durchhalten.

Ein langfristiges Ziel will Kurz im Blick behalten - Bad Füssing ansprechend für junge Familien zu gestalten, einen Mix der Generationen hinzubekommen. Er saß bereits im Stadtrat und war Jugendbeauftragter. In den vergangenen Jahren versuchte man gegenzusteuern, etwa mit Vorteilen für Familien beim Bauland. Dass es jetzt einen jungen Rathauschef gebe, wertet Kurz bei diesen Bemühungen als "positives Signal" und "Aufbruch".

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SZ vom 02.04.2020/kaal
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