Bad Aibling Die Suche nach der Ursache

Die Polizei warnt vor schnellen Schlüssen, doch es sieht danach aus, dass ein Fehler im Stellwerk den Tod von zehn Menschen verursacht haben könnte. Die Aufräumarbeiten werden noch Tage dauern

Von Christoph Dorner, Anna Günther und Daniela Kuhr, Bad Aibling

Am Mittwochnachmittag, als die meisten Kameraleute und Journalisten schon abzogen sind, rückt der rote Bergungskran an. Es könnte Tage dauern, bis die Unfallstelle geräumt ist, an der am Dienstag zehn Menschen starben und 80 zum Teil schwer verletzt wurden. Bergungskräfte versuchen mit schwerem Gerät die verkeilten Triebköpfe auseinanderzuschneiden, um so das zu trennen, was von den beiden Zügen übrig ist.

Ein gefährlicher Job: Waggons könnten umkippen, denn die Feuerwehr musste tragende Teile herausschneiden, um die Opfer zu befreien. Außerdem sind Gleise und Gleisbett schwer beschädigt. Zwar soll laut Wolfram Höfler, dem Einsatzleiter der Bad Aiblinger Feuerwehr, die Bergung der Züge so schnell wie möglich abgeschlossen werden. Doch am Mittwoch geht es nur langsam voran, zumal auch die Staatsanwaltschaft die Arbeiten mit Argusaugen überwacht, um keine Hinweise auf die Unfallursache zu verlieren.

Ob es eine Kombination aus menschlichem und technischem Versagen war, konnte noch nicht geklärt werden, sagt Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt im Rathaus von Bad Aibling. Antworten sollen die Daten der drei Blackboxes bringen. Bisher konnten aber erst zwei Fahrtenschreiber geborgen werden. Die erste Untersuchung ergab, dass zumindest im Zug von Kolbermoor nach Bad Aibling nichts falsch gelaufen ist. Die Technik habe funktioniert. "Auch der Zugführer hat richtig reagiert", sagt Dobrindt. Über den Regionalzug, der aus der Gegenrichtung kam, gibt es noch keine Erkenntnisse. Der Zug hatte zwei Blackboxes, erst die unwichtigere wurde gefunden. Die entscheidende Box im Führerhaus ist auch am Nachmittag noch eingeklemmt und muss erst vom Technischen Hilfswerk herausgeschnitten werden.

Für die Bergung der verunglückten Züge mussten Kräne anrücken.

(Foto: Uwe Lein/dpa)

Dennoch verdichten sich Hinweise, dass das Zugunglück auf menschliches Versagen zurückzuführen sein könnte. Nach den vorläufigen Ermittlungen von Bundespolizei und Eisenbahnbundesamt deutet vieles darauf hin, dass der Fahrdienstleiter im Stellwerk den beiden aufeinander zufahrenden Zügen gleichzeitig die Einfahrt in den Streckenabschnitt erlaubt hat, obwohl es sich um eine eingleisige Strecke handelt. Das erfuhr die Süddeutsche Zeitung aus einer gut informierten Quelle.

Demnach war die Strecke zwar mit einer technischen Sicherung ausgestattet, die genau das verhindern soll. Es sehe aber im Moment so aus, als habe der Fahrdienstleiter dieses Sicherungssystem zweimal durch einen Eingriff von Hand umgangen, da er der Meinung war, richtig zu handeln. Als er seinen fatalen Fehler bemerkte, sei es bereits zu spät gewesen, hieß es weiter. Allerdings: Um die Ursache endgültig benennen zu können, müsse das Ergebnis der Ermittlungen abgewartet werden.

In Bad Aibling traf Ministerpräsident Horst Seehofer mit dem Rosenheimer Kreisbrandrat Richard Schrank und weiteren Rettungskräften zusammen.

(Foto: dpa)

Bundesverkehrsminister Dobrindt sagt, ihm sei nichts Näheres über den Fahrdienstleiter bekannt. Die Polizei werde sich nicht an Spekulationen beteiligen, bekräftigt auch Robert Kopp, der Präsident des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd: "Aus unserer Sicht ist nach wie vor alles möglich. Technisches oder menschliches Versagen und eine Kombination aus beidem."

Als Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer am späten Vormittag vor dem Rathaus in Bad Aibling ankommt, muss die Polizei durchgreifen. Zwei Kameramänner geraten aneinander, schubsen, brüllen. Seehofer bleibt stehen. Die Beamten gehen dazwischen. Schluss. Der Wunsch nach schnellen Antworten ist groß. Bei Helfern, bei Politikern, bei den Medien. Auch beim Ministerpräsidenten. Die Betroffenheit ist Seehofer ins Gesicht geschrieben. Das sei ein Schicksalsschlag, den man nicht vergesse, sagt er. "Das ist eine Tragödie für das ganze Land, ganz Bayern ist erschüttert."

Seehofer nimmt sich am Mittwoch gut eineinhalb Stunden Zeit, um mit Helfern der Feuerwehr, Sanitätern und der Polizei zu sprechen. Mit dabei sind neben Bundesverkehrsminister Dobrindt unter anderem Wirtschaftsministerin Ilse Aigner, Staatskanzleichef Marcel Huber, Innenminister Joachim Herrmann und Oppositionspolitiker wie Markus Rinderspacher (SPD), Claudia Roth und Margarete Bause von den Grünen. Auch der Chef der Deutschen Bahn, Rüdiger Grube, trifft mittags in Bad Aibling ein. Eigentlich hätten die meisten Politiker beim Politischen Aschermittwoch in Niederbayern auftreten sollen. Der aber wurde abgesagt.

Blumen und Kerzen stehen als Zeichen der Trauer und Anteilnahme.

(Foto: dpa)

Nun eint sie Schock und Trauer angesichts der Zerstörung. Zusammen mit Geistlichen beten sie am Mangfallkanal für Verletzte, Verstorbene und deren Angehörige und legten Kränze nieder. Danach besuchen sie zusammen mit Bad Aiblings Bürgermeister Felix Schwaller und Landrat Wolfgang Berthaler Verletzte im Krankenhaus. Als Seehofer Stunden später ins Rathaus zurückkehrt, sieht er noch blasser als sonst aus, er redet leise, seine Stimme bricht. Gebückt sitzt er am Tisch, schaut starr geradeaus. Vor dem Fenster weht der Trauerflor an den Stadtfahnen.

Es sei verstörend, die Züge zu sehen, sagt Seehofer. "Das ist sicher eines der größten Zugunglücke in Bayern in den letzten Jahrzehnten. Das macht einen tief betroffen." SPD-Fraktionschef Markus Rinderspacher spricht von einem "Bild des Grauens". Kaum vorstellbar sei es, als Helfer entscheiden zu müssen, wen man zuerst rettet. Die Eindrücke seien ihm bis ins Mark gegangen, sagt Rinderspacher.

Eines aber betonen am Mittwoch alle, Verantwortliche wie Politiker: Der Einsatz und die Zusammenarbeit der Rettungskräfte habe hervorragend funktioniert. "Ich kann den Rettungskräften trotz großer Betroffenheit nur sagen, wir sind stolz auf euch." Ministerpräsident Horst Seehofer betonte, dass am Tag eins nach der Tragödie zuallererst an die Schicksale gedacht werden müsse. Man sei es den Betroffenen schuldig, transparent die Ursachen des Zugunglücks aufzuklären. "Aber ich will jetzt nicht die geringste Spekulation anstellen, bevor diese Aufklärung nicht stattgefunden hat."

Draußen an der Mangfall läuft derweil die Bergung der beiden Züge. Insgesamt zwei Spezialkräne aus Fulda und Leipzig sind dafür nach Oberbayern gefahren. Wenn die Wrackteile in den nächsten Tagen abtransportiert sind, sollen die Gleise und die Oberleitung repariert werden. Danach können zwischen Holzkirchen und Rosenheim wieder die Züge rollen.