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Axt-Angriff in Würzburg:Was die Pflegemutter über den 17-Jährigen sagt

Alle tun ihr jetzt leid, sagt die Helferin. Natürlich die Opfer. Aber auch die Familie, die den Flüchtling vor zwei Wochen aufgenommen hatte, in einem kleinen Ort bei Ochsenfurt. "Aber auch, verdammt, der Junge", sagt sie. "Wie verzweifelt muss man sein, um so was zu tun? Er war doch noch ein halbes Kind!"

In dem kleinen Ort bei Ochsenfurt macht eine Frau mit traurigen Augen die Wohnungstüre auf. Hier hat der 17-Jährige in den beiden letzten Wochen gelebt. Schon in der Nacht haben die Ermittler das Zimmer durchsucht. Zwei Kinder hat die Familie, sie leben noch zu Hause, und zuletzt war da eben noch ein Gast aus Afghanistan. Nein, sie wolle nicht sprechen, sagt die Frau. Nur ein Satz. "Er war durchaus nett und zuvorkommend." Und nein, diese IS-Fahne, über die jetzt alle reden, habe man nicht gesehen. Dann schließt die Frau die Türe. Vor der Türe plätschert ein Bach, ein fränkisches Idyll.

24 Fahrgäste waren in dem Zug, 14 von ihnen erlitten einen Schock. Erst die Schreie, dann die Hubschrauber. Um 21.15 Uhr war der Notruf bei der Einsatzzentrale in Würzburg eingegangen. In Günter Karbons Garten im Stadtteil Heidingsfeld sieht man noch die Spuren des Einsatzes. Rote Flecken führen von den Gleisen zum Vorgarten. Karban ist rausgerannt, überall lagen blutende Menschen.

Das Schlimmste war: Karban ahnte, dass das der Zug ist, in dem seine Freundin sitzt. Er war es auch. "Das war wirklich wie im schlechtesten denkbaren Horrorfilm", sagt er. Der 50-Jährige führt nach hinten. Die Einsatzkräfte haben am Gleis eine Schneise durch hüfthohes Kraut geschlagen. Dort ist der 17-Jährige in Richtung Main geflohen.

Täter lebte mehrere Monate lang in kirchlicher Einrichtung

Ein Spezialeinsatzkommando war zufällig in der Nähe, es wurde sofort nach Heidingsfeld umgeleitet. Die Beamten verfolgten den 17-Jährigen. Der Main fließt etwa 500 Meter entfernt, parallel zu den Gleisen. Dort unten ins Gestrüpp ist der 17-Jährige gelaufen, an Gewerbeanlagen vorbei, bis zu einem geteerten Weg. Da ging der Attentäter mit seinen Waffen auf die SEK-Beamten los.

Diese töteten ihn mit mehreren Schüssen. Der Jugendliche kam als sogenannter unbegleiteter minderjähriger Flüchtling vor mehr als einem Jahr nach Deutschland. Seit März lebte er in Ochsenfurt, zunächst in einer kirchlichen Einrichtung, dann ist er zu der Pflegefamilie umgezogen. Das Kolpingheim, in dem er wohnte, gleicht am Dienstag einer Festung. Polizisten riegeln sämtliche Eingänge ab, der hübsche zweigeschossige Bau mit den Kastanienbäumen davor ist jetzt zu einem Hort geworden, in dem offenbar ein Amokläufer herangewachsen ist.

Es herrscht ein rauer Ton. Der Leiter der Einrichtung will nichts sagen, eine Mitarbeiterin wird laut, als man sie auf den Jugendlichen anspricht. "Das geht Sie einen Dreck an, ob ich ihn kannte", sagt sie. Der 17-Jährige sei intensiv betreut worden, sagt Bayerns Sozialministerin Emilia Müller, er habe ein Praktikum absolviert und die Aussicht auf eine Lehrstelle gehabt. "Derzeit noch völlig unerklärlich" sei es, wie es trotzdem zu der Gewalttat kommen konnte.

Günter Karban hat irgendwann in dem Getümmel seine Freundin entdeckt. Sie war nicht in dem Abteil, in dem der 17-Jährige gewütet hat. Aber sie hat die Schreie gehört, das viele Blut gesehen. Irgendwann, ein paar Stunden nach Mitternacht, sind sie zu Bett gegangen. Am Morgen muss der Sohn zur Schule. Die 45-Jährige ist von Notärzten betreut worden in der Nacht, aber fünf Stunden später ist sie wieder auf den Beinen und versucht, in den Alltag zurückzukommen. "Nützt ja nichts", sagt sie.

© SZ vom 20.07.2016/mmo

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